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Verzicht
Soll ich oder soll ich nicht? Die Hand zuckt hin, dann wieder zurück. Eigentlich wollte ich doch nicht … ich wollte ja heute mal verzichten. Naja, aber ich kann ja morgen dafür … Außerdem, es ist ja nur … Hmmm … Nein, heute bleibe ich konsequent … Aber irgendwie hätte ich es schon verdient, man gönnt sich ja sonst nix … Nein! Aus, Schluss, basta! Kennen Sie diese Dialoge? Die häufigen Diskussionen mit dem inneren Schweinehund? Das Ringen um die Treue zu den eigenen Vorsätzen? Ich jedenfalls weiß ein Lied davon zu singen. Seit über 30 Jahren habe ich mich einem philosophischen Lebensstil verschrieben. Beobachtung der inneren Dialoge ist ein zentrales Thema. Und ständige Übung, Askese, um dem Geist Vorrang zu geben über die sinnlichen Gelüste. Ist das heute noch aktuell? Im Zeitalter von Wellness und Genuss? Ja, es ist moderner denn je. Der Überfluss wird allenthalben zum Problem und zur Belastung. Einfachheit ist in! Wieder, muss man sagen. Denn in allen Kulturen und zu allen Zeiten gab es Philosophen, religiöse Lehrer und Weise, die zum Verzicht aufriefen. Die großen Religionen kennen periodische Fastenzeiten zur Vorbereitung auf hohe Feste oder individuelle Initiationszeremonien. Die christliche Taufe ist ein Relikt davon. Enthaltsamkeit diente der Reinigung und Läuterung von Körper, Seele und Geist.

Wessen kann man sich enthalten und worauf kann man verzichten?

VerzichtDie Liste ist lange. Die Klassiker sind: bestimmte Nahrungsmittel (z. B. Fleisch, Süßigkeiten) oder Nahrung insgesamt. Auch Genuss- und Rauschmittel wie Alkohol, Tabak, Drogen. Die bis heute aktuellen christlichen Gelübde sind z. B. Armut, Keuschheit und Gehorsam. Man soll das Ideal der Besitzlosigkeit leben, sexuelle Enthaltsamkeit pflegen und auf individuelle Vorlieben verzichten – durch die Übung des Gehorsams. Man ordnet sich in die Gruppendisziplin einer religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft ein und akzeptiert eine spirituelle Autoritätsperson, z. B. einen Abt oder in Indien einen Guru.
Auf der psychischen Ebene kann man sich negativer Gedanken und Gefühle, gemeiner Bemerkungen und destruktiver Kritik enthalten.
Askese bestand auch im Verzicht auf Bequemlichkeit, z. B. durch Heimat- oder Hauslosigkeit oder in physischer Anstrengung wie Pilgerschaft, körperlichen Forderungen wie langes Sitzen oder Stehen in besonderen Positionen.

Wozu das Ganze?

Um Macht über sich selbst zu erlangen, die eigene Persönlichkeit beherrschen zu lernen. Um jenseits der ständig wechselnden (Ge)Lüste unseres niederen Ichs (so würden es die Inder ausdrücken) unser wahres Selbst zu erkennen, das von der Bhagavad Gita (der .Bibel“ der Hindus) folgendermaßen beschrieben wird: ,,Nie wird´s geboren, niemals endet es.(. .. ) Durch Waffen wird es nicht verletzt, das Feuer verbrennt es nicht, durch Wasser wird es nicht ersäuft, noch bringt der Wind es zum Vertrocknen. Es wird von nichts durchdrungen, unverbrennlich und unzerstörbar ist es, doch durchdringt es alle Dinge, unbeweglich selbst bewegt es alles.“ Wenn wir mit dem höheren Selbst in Kontakt sind, können wir mithilfe des dort beheimateten reinen Geistes und der Intuition die großen Gesetze des Lebens verstehen und Frieden und Gelassenheit angesichts jeglicher Lebensumstände erlangen.
Stets im Hier und Jetzt sein und das Leben als Geschenk wahr- und annehmen.
Und außerdem – um noch einmal auf den inneren Dialog vom Anfang zurückzukommen: Jeder weiß, wie befriedigend es ist, das niedere Ich besiegt zu haben. Unser höheres Ich fasst seine Vorsätze ja nicht grundlos. Es ist uns ja wichtig, unsere Triebe, Gelüste aber auch Bequemlichkeiten in den Griff zu kriegen. Wir spüren ja selbst, dass uns vieles nicht guttut! Und uns von unserer wahren Bestimmung entfernt. Und dass latente Potenziale in uns schlummern, die ans Licht drängen. Verzicht Das Problem ist immer dasselbe: Das Ziel ist klar, der Weg schwer … Und da kommt die Askese ins Spiel. ,,Askese“ bedeutet „Übung“, der Begriff leitet sich vom griechischen Verb askein (aoKE’i:v) ,,üben“ ab. Es gibt keine andere Strategie als die beständige Übung,  Selbstbeobachtung, Disziplinierung … Man muss kämpfen! Man muss diese anstrengenden inneren Dialoge und Diskussionen zwischen höherem und niederem Ich auf sich nehmen. Sie zulassen, die Spannung aushalten. Die Stimme des höheren Ichs verstärken, indem man sich den angestrebten Endzustand (z. B. Gelassenheit, Verständnis und Lebensglück, aber auch Gesundheit und Fitness) bewusstmacht.
Tapfer ist nicht nur der Besieger der Feinde, sondern der Besieger seiner Lüste.
meinte Demokrit im 5. Jh. v. Chr. Und der aktuelle deutsche Lebenskunstphilosoph Wilhelm Schmid (* 1953) meint, dass wir das antike Verständnis der Askese erneuern sollten. Denn die Asketik führt zur Stärkung des Selbst und zur „Einübung der Selbstmächtigkeit“. Wie schon eingangs erwähnt ist Askese im materialistischen und konsumorientierten 21. Jahrhundert aktueller denn je. Die Werbeindustrie ist ja darauf spezialisiert, zusätzlich zu den natürlich vorhandenen auch noch künstliche Bedürfnisse zu wecken. So werden zahlreiche überflüssige Güter produziert, wodurch Kinder zu Konsumenten und Erwachsene zu infantilen Schnäppchenjägern erzogen werden. Der Konsumismus ist eine Art Ersatzreligion geworden.
Die kostbarsten Gebäude werden heute für Banken und Versicherungen errichtet und nicht wie einst für heilige Zwecke.
Wir besuchen Konsumtempel und Messen. Es ist „Kult“, eine bestimmte Marke zu tragen oder zu fahren … Und so besitzen wir immer mehr und unser Geist ist dadurch „besetzt“ und unsere Persönlichkeit „besessen“. Dabei macht nichts so frei wie die Freiheit von Wünschen und Begehren. Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig bedarf. Der deutsche Schriftsteller Jean Paul sagte: ,,Der Mensch ist frei und ohne Grenze nicht in dem, was er machen oder genießen, sondern in dem, was er entbehren will; alles kann er, wenn er will, entbehren wollen!“

5 Ideen zur Übung der Askese

Verzicht

1. Üben Sie Verzicht

Setzen Sie sich kleine, erreichbare Ziele, z. B. einmal wöchentlich auf das Lieblingsgetränk (Kaffee oder das Glas Wein am Abend), eine Zigarette oder etwas Süßes verzichten.

2. Suchen Sie kleine regelmäßige Anstrengungen

Sie können z. B. Treppen zu Fuß und nicht per Fahrstuhl bewältigen. Oder täglich morgens Gymnastikübungen machen. Oder gleich beim Läuten des Weckers aus dem Bett springen.

3. Treten Sie in Konsumstreik

Nehmen Sie die Verführungen der Konsumwelt wahr. Die Impulsverlockungen an der Kassa. Die Schnäppchen und Supersonderangebote. Die Werbetricks im Fernsehen. Und bleiben Sie standhaft.

4. Beobachten Sie Ihre inneren Dialoge

… bei all diesen Übungen und auch sonst. Lauschen Sie den Argumenten des höheren und des niederen Ichs. Halten Sie die Spannung aus. Auch wenn das niedere Ich vielleicht öfter siegt – hören Sie weiter zu, bleiben Sie dran.

5. Lassen Sie sich nicht entmutigen

Das Projekt „Selbstmächtigkeit“ ist gewaltig. Ich ringe schon seit 30 Jahren. Doch es gibt Fortschritte, wenn man dran bleibt. Nicht aufgeben ist die Devise. Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede. 🙂    

About The Author

Gudrun Gutdeutsch leitet seit über 10 Jahren ehrenamtlich den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Seit 30 Jahren praktiziert sie Philosophie als Lebenskunst und ist als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig. Seit 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie". Außerdem ist sie Autorin des Buches "Wie duscht ein Philosoph?" Beruflich wirkt sie als Trainerin (u.a. für das FREUNDE-Programm) und als Fachberatung für Interkulturelle Pädagogik und sprachliche Bildung.

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