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Spannung

Ist die Veränderungsspannung dem Menschen angeboren (sie ist, wie Goethe sagt, „geprägte Form, die strebend sich entwickelt“), wird die Beharrungsspannung erst im Leben erworben (sie ist wie ein Anker, der das schwimmende Schiff an der Stelle festhält). So existiert der Mensch in seiner von ihm selbst geschaffenen Struktur:

Er lebt im Widerspruch zu seinem inneren Wesen, das auf Veränderung drängt, denn der äußere Mensch vergegenständlicht alles und macht es zu etwas Festem, an das er sich klammern kann: Er schafft sich Besitztümer, Standpunkte und Meinungen, die er verteidigt und ein Weltbild, in das er sich einkerkert.

Die somatischen Verspannungen sind, so gesehen, ein Sinnbild für die Gitterstäbe des selbst gebauten Gefängnisses und die Entspannungstechniken ohne innere Veränderung der Versuch, diese Eisenstäbe durch Streicheln weich zu machen, statt sie kurzerhand zu zersägen.

Als Philosophen suchen wir die richtige Spannung. Einerseits ist das Gewordene die Ausgangsbasis für unsere Handlungen, andererseits müssen wir den Widerstand der Formen überwinden und uns verändern.

Spannung

„Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“

wie es im Märchen vom Aschenputtel heißt, soll das Kriterium für das Weglassen oder Beibehalten unserer Erinnerungen und Erfahrungen sein, wenn wir uns dem Leben anpassen und uns erneuern wollen. Die richtige Spannung ist der Ausgleich zwischen Widerstand und Veränderung, sie manifestiert sich in einer gesunden Anstrengung, bei der sich Arbeitsspannung (Handlung) und Ruhespannung (Pausen) abwechseln. So hat das Leben seinen Rhythmus und die Erfahrungen der Vergangenheit haben ihren Wert.

Erinnern wir uns an den Bogen: je weiter man ihn spannt, desto stärker wird die Energie der Beharrung, und wenn man die Sehne dann loslässt, fliegt der Pfeil ins Ziel. Der Bogen ist nur insofern wichtig, als er den Pfeil transportiert, und der Pfeil ist das Sinnbild der effektiven Handlung. Das muss auch das Ziel jeder Veränderung sein: Die Grundlage zur richtigen Handlung, deren Ziel der griechische Dichter Pindar oder auch Hildegard von Bingen formulierten:

„Werde, was du bist – Mensch, werde Mensch.“

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