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Träume

Harry Fiss, ein selbst-psychologisch orientierter Traumforscher, führte dazu verschiedene Experimente durch. Versuchspersonen, die vor Einsetzen der REM-Phasen geweckt wurden, zeigten ein Verhalten, dass triebhaft dominiert wurde, z. B. gesteigertes Hungergefühl, erhöhte aggressive und sexuelle Impulse. Auch zeigten sie Konzentrationsstörungen, Gedächtnisbeeinträchtigungen und Lernschwierigkeiten sowie geringere Stresstoleranz.

Wenn man im Gegensatz dazu aber Versuchspersonen motiviert, ihre Aufmerksamkeit möglichst oft auf einen Traum der letzten Nacht zu richten und darüber nachzudenken, zeigt sich eine deutliche Symptomreduktion. Man wies damit nach, dass die REM-Träume eine einzigartige Rolle bei der Regulation und Integration des Selbst spielen. So wird die Auffassung der antiken Völker über die heilsame Kraft der Träume bestätigt.

Wozu träumen wir? Die Funktion der Träume

Träume

C. G. Jung lehrt, dass jeder Mensch einen Selbstverwirklichungsprozess durchläuft, in dem sich das „Selbst“, sein göttlicher Wesenskern, verwirklicht. Bei diesem „Individuationsprozess“ geht es darum, verschiedene Inhalte des Unbewussten zu integrieren, damit der Mensch zu einer Ganzheit kommt. Das Traumbewusstsein (das Unbewusste) – die Imaginale Welt – hat einen größeren Zugang zu den allgemeingültigen Wahrheiten, den Naturgesetzen und der wahren Identität des Menschen als das Wachbewusstsein. Das Träumen dient also der Ganzwerdung des Menschen. C.G. Jung sagt:

(…), dass unsere Traumseele über einen (…) viel größeren Reichtum an Inhalts- und Lebensmöglichkeiten verfügt, als das Bewusstsein, dessen essentielle Natur Konzentration, Einschränkung und Ausschließlichkeit ist.

Das Träumen dient dem seelischen Entwicklungsprozess des Menschen. Auch dann, wenn er die Träume nicht versteht.

Prof. Schwarz, Anthropologe aus Paris, sagte in einem Vortrag, dass der Mensch durch das Träumen seine Identität regeneriert. Das Material des Unbewussten beruhigt sich, ordnet und klärt sich, wir reinigen uns innerlich. Wenn wir keine Gelegenheit zum Träumen haben, z. B. durch Schlaffolter, wie sie von den Geheimdiensten angewandt wird, zersetzt sich die persönliche Identität und sein Wille wird gebrochen.

Der Traum hat also große Bedeutung für die geistige und spirituelle Verwirklichung des Menschen, weil wir durch ihn Zugang zum Unbewussten und zur Imaginalen Welt bekommen. Diese Realitätsebenen sind unserem Wachbewusstsein überlegen, von hier aus harmonisiert sich der Mensch, hier ist sein wahres Verwirklichungsfeld.

Wovon träumen wir? Die Inhalte unserer Träume

Der Tagesbilanztraum

Es gibt verschiedene Arten von Träumen. In manchen Träumen ziehen wir die Bilanz des Tages, verarbeiten Tagesreste, reinigen uns von Ärgernissen und Frustrationen.

Der Kompensationstraum

Träume

Hier wird die bewusste Wahrnehmung der Psyche ergänzt. Z. B. träumt eine Frau von einem am Tag zuvor getroffenen Mann, der ihr sympathisch war. Im Traum tritt er aber als Ziegenbock, als „geiler Bock“ auf. Das Unbewusste hatte also etwas wahrgenommen, was dem Wachbewusstsein entgangen war und ergänzt dies im Traum. Oder wir träumen in besonders schwierigen Lebensphasen von etwas Wunderbarem und besonders Schönen – als kleines Geschenk unseres Unbewussten zur Aufmunterung.

Der Veränderungstraum

C.G. Jung meint, dass fast jeder Traum ein Kompensationstraum ist. Denn er will immer unser Tagesbewusstsein ergänzen. Er sagt:

Der Traum ist eine spontane Selbstdarstellung des Unbewussten in symbolischer Ausdrucksform.

Und diese Symbole gilt es zu entschlüsseln, was in diesem Artikel leider nicht geschehen kann. Dazu ist die Thematik zu umfassend.

Es gibt Träume, die uns sehr bewegen, oft sehr lange im Gedächtnis bleiben oder uns stark emotionieren. Wenn wir diese Träume festhalten, aufschreiben, immer wieder darüber nachdenken, sie malen oder tanzen, kann sich uns ihre Bedeutung eröffnen. In ihnen drücken sich unsere inneren Kräfte aus, die Kräfte des Unbewussten, die uns aufrufen, unsere bewusste Haltung zu ändern.
Ein Beispiel mag genügen: Ein junger Mann träumte, er sei mit seiner Mutter in Ägypten auf Reisen. Als sie noch in der Wüste spazieren, sieht er plötzlich in der ferne die Riesenstatue eines Pharao. Er wird ganz aufgeregt und ruft mit lauter Stimme: „Sieh mal, der große Pharao!“

Der junge Mann hatte in seiner Kindheit erlebt, wie die Mutter den eigenen Vater stark abgewertet hat. Das negative Bild des Vaters wird hier durch die Figur des Doppelkronenkönigs kompensiert. Dem Träumer war es offenbar wichtig, die Mutter auf den Gottkönig-Aspekt des männlichen Archetyps hinzuweisen. Der Mann konnte danach das Verhältnis zu seinem Vater positiv verändern und dadurch einen Stärkungsprozess der männlichen Identität beginnen.

Der große Traum

Träume

Wirklich große Träume, die über unser individuelles Leben hinausgehen, sind selten. In großen Träumen treten wir in Kontakt mit dem universellen, kosmischen Bewusstsein, der Intelligiblen Welt. Diese Träume können uns helfen, Naturgesetze und universelle Ideen verstehen zu lernen. Wir erheben uns zum Kollektiven Unbewussten, zu den allgemein menschlichen, überpersönlichen Themen.
C.G. Jung z. B. erhielt durch solch einen Traum einen entscheidenden Hinweis für die Entdeckung des Kollektiven Unbewussten. Viele Künstler haben ihre Werke geträumt, aus der Antike sind uns große Träume überliefert, so z. B. der Traum des Pharaos von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen, der eine Hungersnot ankündigte.

Schlussbetrachtungen

Träume sind keine Schäume. Sie bieten uns die Gelegenheit, unser bewusstes Leben zu transzendieren und uns selbst und die anderen besser zu erkennen. Sie tragen zur psychischen Regeneration bei und verhelfen uns zu innerer Harmonie und Stabilität. Sie geben uns Gelegenheit, in Realitätsebenen jenseits des Wachbewusstseins einzutreten. Und in seltenen Fällen ermöglichen sie es uns, einen Zipfel des Geheimnisses der Welt zu lüften.

O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt,
ein Bettler, wenn er nachdenkt.
Friedrich Hölderlin

Wie wir uns an unsere Träume erinnern

Wichtig ist es, unsere Träume ernst zu nehmen und vor dem Einschlafen den festen Vorsatz zu fassen, uns erinnern zu wollen.

Träume

  • Nach dem Aufwachen sollten wir reglos liegen bleiben und uns zu erinnern versuchen.
  • Neben dem Bett Block, Schreibzeug, Aufnahmegerät bereit legen.
  • Außergewöhnliche Ausdrücke, Bilder, Symbole zuerst notieren.
  • Traum niederschreiben, malen, tanzen, …

About The Author

Gudrun Gutdeutsch leitet seit über 10 Jahren ehrenamtlich den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Seit 30 Jahren praktiziert sie Philosophie als Lebenskunst und ist als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig. Seit 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie". Außerdem ist sie Autorin des Buches "Wie duscht ein Philosoph?" Beruflich wirkt sie als Trainerin (u.a. für das FREUNDE-Programm) und als Fachberatung für Interkulturelle Pädagogik und sprachliche Bildung.

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