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Schiller

Wenn der Name „Friedrich Schiller“ fällt, kommt als Reaktion fast immer „Ach ja, die Glocke … fader Schulstoff …“. Dabei ist es gerade dieser Klassiker, den wir wiederentdecken sollten. Er gibt uns gut 220 Jahre später in Zeiten der Digitalisierung sowohl wichtige als auch alltagstaugliche Impulse. Der Dramatiker, Dichter, Universalgelehrte und Philosoph, der Teil eines regen Gedankenaustausches mit seinen Kollegen war, fand Antworten auf die zentrale Frage nach den Grundlagen von Frieden in Individuum und Gesellschaft. Besonders aufschlussreich sind seine Briefe und der Essay „Über Anmut und Würde“ von 1793, die nachfolgenden Ausführungen zugrunde liegen.

Der Erfahrungshorizont von Friedrich Schiller

In einer Reihe von Briefen an seine Gönner, die ihn finanziell unterstützten, legt Friedrich Schiller (1759–1804) seine Gedanken und Forschungsergebnisse für eine „ästhetische Erziehung“ dar – aus Dankbarkeit und Gegenleistung für das ihm zugestandene Gehalt. Sie tragen deutlich die Handschrift der Auseinandersetzung mit der Aufklärung und den gesellschaftlichen Veränderungen, die sich in der neuen freiheitlichen Verfassung der „Bill of Rights“ in Amerika niedergeschlagen haben.

Schiller

Er selbst war von seinem schwäbischen Kontext geprägt. Seine Ausbildung erhielt er in Schulen und Akademien mit sehr strengen, militärischem Drill gehorchenden Erziehungsmethoden, gegen die er schon früh Widerstände entwickelte. Sein Vater war Arzt, und auch er studierte anfänglich Medizin, was ihn schon früh mit existenziellen Themen wie Krankheit und Tod in Berührung brachte.

Die menschliche Natur ist ein verbundenes Ganzes in der Wirklichkeit,

so lautete sein Credo. (Schiller 1793, S. 243). Ein reger Gedankenaustausch mit seinen Zeitgenossen inspirierte ihn immer wieder, die Grundlagen menschlichen Handelns zu erforschen.

  • Was kennzeichnet den Menschen gegenüber dem Tier?
  • Worin besteht seine Freiheit?
  • Wann und warum gleitet er ab in die Barbarei?

Es sind die grauenerregenden Ausschreitungen während der radikalen Phase der Französischen Revolution unter der „Schreckensherrschaft“ (sog. „Terreur“), die ihn zum Gegenmodell der „inneren Revolution“ anregen.

  • Welcher Präventionsmaßnahmen bedarf es, um die Exzesse von Barbarei zu verhindern?
  • Wie sieht eine Erziehung zur Gewaltlosigkeit aus?

Ästhetik als Harmonie der Kräfte

Schiller

Seine Antwort lautet: Es bedarf der ästhetischen Erziehung des Menschen. Unter „Ästhetik“ versteht Schiller nicht nur die äußere Erscheinungsform, sondern vor allem die zum Ausdruck gebrachte Harmonie und Schönheit. Beim Menschen ist die Ästhetik das äußere Bild einer inneren Harmonie der Kräfte, der „Triebe“ – heute würden wir eher sagen: Antriebe, Impulse, Motivationen – die zu bestimmten Handlungsformen führen. Vor allem in Auseinandersetzung mit dem Verständnis von „Schönheit“ nach Immanuel Kant (Kritik der Urteilskraft) erörtert er immer wieder die Frage nach den Triebkräften von Vernunft/Verstand und von Sinneseindrücken/Gefühlen einschließlich dem Unbewussten.

Methodisch geht er nach den Regeln der „Dialektik“ vor: Einer Kategorie wie „Vernunft“ (das Bewusste, Gedachte) stellt er – dem Yin-Yang Prinzip in der asiatischen Philosophie vergleichbar – den Bereich der „Sinnesempfindungen“ (Gefühle, Empfindungen, nicht Bewusstes) gegenüber.

Beide sind wie zwei Pole untrennbar verbunden. Sie sind mit den zwei Seiten einer Medaille vergleichbar.

Hieraus entsteht in einem nie abgeschlossenen Prozess als Ergebnis des Zusammenwirkens beider Kräfte als Synthese ein Drittes: die Verfeinerung des Menschen in der ästhetischen Erziehung. Die Vernunft bedarf der Würde und umgekehrt, die Anmut der Sinnesempfindungen.

So wie die Anmut der Ausdruck einer schönen Seele ist, so ist die Würde Ausdruck einer erhabenen Gesinnung. (Schiller 1793, S. 246).

Schematisch lässt sich die ästhetische Erziehung als Ergebnis des Zusammenspiels der Kräfte von Vernunft und Gefühlswelt folgendermaßen darstellen: Wenn eine der zwei Seiten überwiegt, beherrscht sie die andere.

Das Gleichgewicht, die Harmonie ist gestört. Wenn wir uns von den Sinneseindrücken beherrschen lassen, wird unsere Vernunft in ihren Dienst genommen

Schiller

Das kann im Negativen durch zerstörerische Gefühle entstehen, die im Buddhismus als „Geistesgifte“ bezeichnet werden (Unwissen, Hass, Gier, Neid, Eifersucht etc.), im Positiven durch Tugenden, die vom Mitgefühl ausgehen.

Der Verstand ist aufgefordert, die Macht der Gefühle und des Unbewussten zu erkennen und konstruktiv zu nutzen. „Wendet sich der Wille wirklich an die Vernunft, ehe er das Verlangen des Triebes genehmigt, so handelt er sittlich; entscheidet er aber unmittelbar, so handelt er sinnlich“ (Schiller 1793, S. 248). Dieses Zusammenspiel führt dank eines starken Willens zur inneren Freiheit, die selbst wieder das freie Zusammenspiel generiert. Sobald sich der Mensch dafür begeistert, Schönheit und Ästhetik in der Harmonie zu leben, entfaltet er seine eigentlichen Lebenskräfte. Wie kann dieses Gleichgewicht erreicht werden?

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