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Schiller

Ästhetische Erziehung als Charakterbildung

Die Antwort von Schiller ist eindeutig: durch Bildung, die das Gute – Mitgefühl, Gemeinschaftssinn, Erkenntnisfähigkeit – im Menschen hervorholt. Dem Menschen wohnt diese Anlage inne, doch bedarf es einer bewussten Ausrichtung auf diese Quelle allen Seins. In gewisser Weise führt Schiller hiermit die Tradition von Mystikern fort, die den göttlichen Kern im Menschen als die Quelle ansehen, durch die der Mensch mit dem Göttlichen, der Natur und allen Lebewesen verbunden ist. Bildung ist viel mehr als Vermittlung von Wissen. Sie zielt auf die Entfaltung des Charakters mittels der Freisetzung dieses Wesenskernes.

Das französische Wort „éducation“ entspricht im Deutschen sowohl „Bildung“ als auch „Erziehung“. Angesichts des von Schiller verwendeten Begriffs der „Charakterbildung“ ist es angemessener, analog hierzu von „ästhetischer Bildung“ zu sprechen; bei „Erziehung“ scheint es sich darüber hinaus um eine Übersetzung aus dem Französischen zu handeln, der damals üblichen Sprache in den gesellschaftlichen Salons.

Schiller betont, dass nur die Verinnerlichung und Aneignung im Charakter die Verfeinerung zum Schönen, Wahren und Guten gleichsam von innen heraus gewährleistet.

… sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es … in einer schönen Seele ist es also, wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonisieren … (Schiller 1793, S. 244)

Die Entwicklung des Menschen im Kontakt mit der Quelle hin zu Verfeinerung und Harmonie ist die Antwort Schillers auf die Gewaltexzesse und Hassausbrüche in der Barbarei während der Französischen Revolution. Wie kann verhindert werden, dass Hass zu einem solchen Vulkanausbruch von Gewalt führt?

Herzöffnung als Motor der ästhetischen Bildung

Schiller

In einem seiner „Augustenburger Briefe“ an seinen Gönner, den Prinzen Friedrich Christian von Augustenburg, gibt Schiller eine klare Antwort auf die folgendermaßen gestellte Frage: „… woran liegt es, daß wir immer noch Barbaren sind? Es muß also … in den Gemüthern der Menschen etwas vorhanden seyn, was der Aufnahme der Wahrheit (…) im Wege steht.“ (Schiller 2017, S. 31). Antwort: „… der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöffnet werden“ (Schiller 2017, S. 33).

Die Botschaft lautet: ästhetische Bildung durch Öffnung unseres Herzens als dem Sitz der Quelle.

Schiller gibt uns durch diese Erkenntnis den Schlüssel, wie wir durch das Zusammenspiel der Kräfte von Vernunft und Sinnesempfindungen die ästhetische Charakterbildung erreichen können. Rein physisch gesehen hat das Herz eine doppelte Verbindung, die der mit Physionomie bewanderte Schiller natürlich kannte: Durch den Blutkreislauf verbindet es uns nach innen, mit dem Lungenkreislauf nach außen. Der Atem – „Spiritus“ im Lateinischen – verbindet beides.

Unser Herz ist also die Kraft, die das Spiel der Kräfte zusammenhält und die spirituelle Entwicklung des Menschen anstrebt.

Das Herz verfügt über Qualitäten wie Mitgefühl, Güte, Zartheit, Freude und Liebe. Wenn wir diese zur Entfaltung bringen, kann der eigentliche Kern unseren Menschseins dem Individuum und dem Kollektiv sowie der Organisation von Gesellschaften seinen Stempel aufdrücken. Die Hindernisse wie soziale Ungleichheit und Machtstreben sieht Schiller durchaus.

Seine Vision lautet: ästhetische Bildung durch Entfaltung von Herzensqualitäten im bewussten Zusammenspiel der Kräfte; der fühlende und der denkende Mensch im Gleichgewicht. Ästhetik als Harmonie und Eins-Sein. Ist dies heute noch aktuell?

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