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Philosophie, Yoga, In sich ruhen

Hand aufs Herz: Wie oft ärgern Sie sich über andere Menschen oder äußere Ereignisse? Wie oft fühlen Sie sich als Opfer der Umstände oder von Ungerechtigkeiten? Wie oft kommen Sie im Alltag aus dem inneren Gleichgewicht, werden emotional und verlieren Ihren Seelenfrieden? Das ist typisch menschlich und deshalb haben Menschen aller Zeiten und Kulturen Methoden gesucht, immer entspannt und würdevoll zu bleiben.

„Das Leben ist eine Schule. Wohl dem, welcher die Prüfung besteht.“ (Rudolf Steiner)

Philosophische „Exerzitien“ sind Übungen des Alltags, bei denen man jederzeit theoretische Lehren in der täglichen Praxis ausprobiert. Aus dem lateinischen exercitium – Übung abgeleitet, waren die „Exerzitien“ Teil des täglichen Lebens und des traditionellen mündlichen Unterrichts in den antiken Philosophenschulen. Ziel war und ist es heute, auch für diese Serie „Lebenskunst“, das Leben zum Übungsfeld zu machen und jeden Tag kleine Erfolge zu erzielen, wodurch man glücklicher, freier und vor allem bewusster lebt.

„Die, welche sie liebt, härtet die Gottheit ab, prüft und übt sie.“ (Seneca)

„Prüfung“ ist eine der geistigen Übungen, die in der Antike praktiziert wurden. Das Ziel ist es, alle Ereignisse und Vorkommnisse, die einem begegnen, wertfrei zu untersuchen und zu durchleuchten, ohne sie zu interpretieren oder automatisch darauf zu reagieren. Wachsamkeit ist dafür grundlegend und wird von allen geistigen Wegen des Westens und Ostens gelehrt. Diese rechte Geistesgegenwart der Seele ermöglicht dem Philosophen, jederzeit und überall zu wissen, was er gerade tut, denkt, spricht und fühlt. Er ist immer präsent, nichts kann ihn überraschen oder aus der Bahn werfen.

Es ist, wie es ist

Prüfung

Marc Aurel bietet uns in seinen „Selbstbetrachtungen“ Beispiele für seine „Prüfungen“ oder Meditationsübungen. Allabendlich saß er mit seinem Büchlein da und führte Zwiegespräche mit seiner Seele. Ihm ging es darum, sich eine genaue, möglichst neutrale und wertfreie Vorstellung von den Dingen und Ereignissen zu machen, alles objektiv und ohne Emotionen zu durchleuchten.

„Denn nichts vermag in dem Maße großen Sinn (Seelengröße) zu erzeugen, wie das Vermögen, mit wahrer Methode zu prüfen, was immer dem Leben begegnet …“

Mit der Übung der Prüfung erreicht man Seelengröße, einen höheren Bewusstseinszustand, der mit gesunder Distanz auf die Dinge, Ereignisse und Personen blickt. Sie besteht darin, das Ding oder Ereignis an sich möglichst objektiv zu beschreiben oder zu definieren, wobei man es von den konventionellen Vorstellungen, die sich die Menschen gewöhnlich davon machen, abtrennt. Man geht auf Distanz und wertet nicht automatisch, z. B. ob etwas gut oder schlecht ist. Es ist, wie es ist und stellt eine Chance dar, die eigene Reaktion und Objektivität zu erproben.

Prüfung

Ein Beispiel: Der Arzt wird den Körper einer Frau bei einer Untersuchung „gnostisch“ betasten, also „prüfen“, um Erkenntnisse über den Gesundheitszustand der Organe zu gewinnen. Ihr Liebhaber wird sie „pathisch“ berühren und die Leidenschaften in ihr erwecken (wenn er ein guter Liebhaber ist …). Das stoische Ideal der „a-pathia“ – Leidenschaftslosigkeit – ließ den Arzt Hippokrates angeblich sagen: „Die sexuelle Vereinigung kommt einem kleinen Epilepsieanfall gleich.“

About The Author

Gudrun Gutdeutsch leitet seit über 10 Jahren den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Seit 30 Jahren praktiziert sie Philosophie als Lebenskunst und ist als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig. Seit 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie". Außerdem wirkt sie als Trainerin (u.a. für das FREUNDE-Programm) und Fachberatung für Interkulturelle Pädagogik.

1 Comment

  1. Theoretisch und praktisch kann man natürlich (wenn man genügend übt) ohne Ärger und negative Emotionen auf falsche Behauptungen, Schmähungen und „Mobbing“ reagieren. Allerdings kann man sich dann wohl auch nicht gegen Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten erfolgreich wehren. Natürlich, die Straßenbahn ist „nicht blöd“, wenn sie pünktlich oder zu früh abfährt. Der Fahrer ist jedoch „gemein“ , wenn er zu früh fährt oder Fahrgästen, die sich im Laufschritt nähern, vor der Nase die Tür zumacht.
    Die Frage ist also, wie kann ich mich verhalten, wenn objektiv offensichtliche und bewußte „Bösartikeiten“ mir persönlich berufliche oder private Nachteile bereiten.

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