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Platon

In ihren Abgrenzungs- und Loslösungsbemühungen von der Kirche beschränkte sich die westliche Philosophie nach und nach immer mehr auf den Verstand und auf die Fächer der Logik und Sprachphilosophie. Westliche Philosophen betreiben heute Gedankengymnastik. Sie wollen im Wesentlichen nicht in Verbindung gebracht werden mit meditativer Versenkung, Ritualen oder hingebungsvoller Verehrung Gottes oder der Götter. Welch anderes Bild liefern uns der Buddhismus, Hinduismus, Taoismus oder Konfuzianismus? Hier ist es unvorstellbar, Philosophie und Religion voneinander zu trennen. Die Rituale, die Meditationen, die Achtsamkeits- und Tugendübungen sind untrennbar mit tiefen philosophischen Reflexionen verbunden.

Platon

Philosophie als Weg zur Erfahrung des Seins

Auch im Westen, bei der Geburt der Philosophie in Griechenland, war das noch so. Sokrates und Platon betrachteten Philosophie zwar auch als Wissenschaft in dem Sinne, dass Argumentationen schlüssig und nachvollziehbar sein müssen. Platon beschrieb die Philosophie aber als Weg zu einer Erfahrung des Seins, des Einen, welches er in seinen Dialogen immer wieder gleichsetzte mit einer Gotteserfahrung. Ausführlich dargelegt haben das in den letzten Jahrzehnten Karl Albert, Christina Schefer und die Tübinger Schule.

Am Eingang zur Platonischen Akademie befand sich ein Altar für Eros, so schreibt der römische Historiker Pausanias. Auch im Areal der Akademie sind Altäre für Prometheus und die Musen bezeugt. Die Tradition der Verehrung der Götter in der Akademie ist bis in die Zeit der Neuplatoniker belegt. Dort heißt es beispielsweise von Proklos, er lebte in der Philosophie und in einem beständigen Gottesdienst.

Erotik und das Überrationale in der Philosophie

PlatonDas Wort Philo-Sophie selbst bedeutet eigentlich Liebender der Weisheit. Betrachtet man die Weisheit als den rationalen Part, so wissen wir alle, dass die Liebe etwas Irrationales ist. Berauscht von der Liebe tun wir Dinge, die sehr unvernünftig sind. Sie erscheinen uns gleichzeitig aber als sehr wahrhaftig und wichtig. Im Gastmahl lässt Platon seinen Sokrates den Eros als entscheidende Kraft für den Philosophen beschreiben: Eros ist ein „gewaltiger Jäger“, der seiner Beute (dem Schönen, dem Guten, der Weisheit) nachstellt, sie auch von Zeit zu Zeit erreicht und sich mit ihr in einem mystischen Einheitserlebnis vereint. Sokrates selbst hat seine Einweihung in den Eros von der Priesterin Diotima erhalten.

Im Phaidros spricht Platon von vier überrationalen Erkenntnisformen, von denen eine mit dem Eros zusammenhängt. Dabei unterscheidet er das Irrationale oder Verrücktsein klar vom Überrationalen oder Überlogischen. Letztlich kann man sich dem Einen über die Logik oder Dialektik immer nur annähern. Die höchste Stufe der Erkenntnis beschreibt Platon jedoch als über dem Verstand hinausgehende Vereinigung mit der Idee, mit dem Einen oder Göttlichen.

Wir brauchen eine Philosophie, die Brücken baut

Wir erleben heute eine Welt, die viel Ähnlichkeit zu jener der Neuplatoniker aufweist. Wie am Ende des Römischen Reiches werden der Individualismus und der Separatismus zunehmend wichtiger. Hypathia, eine alexandrinische Neuplatonikerin, fiel dem Fanatismus sogenannter christlicher „Gläubigen“ zum Opfer.

Ebenso nimmt heute der Fanatismus einiger „Gläubigen“ oder Glaubensgruppen im gleichen Maße zu, wie der materialistische „American way of life“. Dieses wird als Einheitsreligion für die Welt missionarisch über die Medien und viele andere Kanäle verbreitet. Vielleicht ist das die größte Inspiration der Neuplatoniker für heute: die Grenzen zwischen Religion und Philosophie, zwischen Mehr- und Eingottglauben, zu überwinden.

Separatismus ist etwas, das zuerst in den Köpfen der Menschen entsteht. Einseitige Logik ist kalt und sezierend und lässt uns letztlich eine klare Grenze zwischen den Guten und den Bösen ziehen. Das gemeinsame Element islamischer, christlicher oder pro-amerikanisch-europäischer Neoliberalismusfanatiker liegt darin, dass sie genau wissen, wo das Böse liegt und dass sie selbst die Guten sind, die die richtige Weltanschauung vertreten.

Es ist wieder Zeit für eine Philosophie, wie sie die Neuplatoniker vorgeschlagen haben. Eine Philosophie, die Brücken baut: zwischen Verstand und Herz und zwischen Theorie, Meditation und dem Praktizieren der Tugenden. Nicht, um die Unterschiede zwischen den Weltanschauungen zu negieren – richtig verstanden stellen diese eine Bereicherung dar. Sondern um zu zeigen, dass die Grundidee der verschiedenen Weltanschauungen ein Streben nach Gutem, Gerechtigkeit, Wahrheit, Harmonie und letztlich Gott – verstanden als Einheit – ist. Diese Sehnsucht, dieses Streben, dieser philosophische Eros ist es, welcher uns Menschen vereint. Dieses vereinigende Element sollten wir lernen zu beschreiben, zu kultivieren und in Hymnen zu preisen wie es Schiller in seiner „Ode an die Freude“ getan hat:

„Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt …“

 

About The Author

Heribert Holzinger ist seit 25 Jahren Autor, Vortragender und Seminarleiter im Bereich praktische Philosophie. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der Anthropologie, Symbologie und der platonischen Philosophie. Als praktischer Philosoph leitete er über 10 Jahre den Treffpunkt Philosophie in Innsbruck und war in den 2000er-Jahren Mitinitiator und Ausbildungsleiter von GEA, einer Initiative für Aktive Ökologie in Österreich. Seit 2008 liegt sein Lebensmittelpunkt in München. Beruflich ist er Seminarleiter im Bereich der Lebenskompetenzförderung, Suchtprävention und in verschiedenen Themen der Persönlichkeitsentwicklung wie Kommunikation, Konflikttrainings und der Erlebnispädagogik. Sein Motto: „Sei mutig! Selbst wenn du es nicht bist - dann gib vor, es zu sein. Keiner wird den Unterschied bemerken.“

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