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Fehler
Der Mensch sehnt sich nach Vollkommenheit. Gerade diese tiefste, ureigenste Sehnsucht ist unser größter Schatz, da sie uns hilft , immer besser zu werden, stetig in unserem inneren Wachstum voranzuschreiten und uns der eigenen Seele anzunähern. Alles Leben kann immer nur Teile der Wirklichkeit erfassen, auch wenn das Ziel die Ganzheit ist. Letztlich beruht auch jede Krankheit auf fehlerhaften Prozessen in unserem Körper. „heil“ werden, heißt „ganz“ werden. Es geht um das Finden eines stabilen Gleichgewichts, einer inneren Harmonie. So ist der Mensch zwischen Himmel und Erde ausgespannt, ganz im Bewusstsein seiner Fehlerhaftigkeit und Sterblichkeit und doch immer im Bewusstsein eines Ideals, wie Leben, wie Menschsein auch anders gestaltet werden könnte. Die alles entscheidende Frage ist nun, wie wir mit diesen Fehlern umgehen, in uns und in unseren Handlungen.

Fehler weisen auf Fehlende hin

Im Großen und Ganzen können wir zwischen zwei Arten von Fehlern unterscheiden:
  1. Diejenigen, die wir in uns tragen, wo etwas „fehlt“, wo unsere Schwächen und „schwarzen Löcher“ beheimatet sind
  2. und diejenigen, die sich als Fehlhandlungen, Ausrutscher und Versehen in unserem Leben ausdrücken.
Grundsätzlich einmal ist es schwierig zu sagen, wo etwas fehlt, da dies nur aus der Sicht des Ganzen beurteilt werden kann und wer kann von sich schon behaupten, bereits dort angelangt zu sein? Hier verhält es sich ähnlich wie mit Blinden, die einen Elefanten betasten und jeder meint, dass die eigene Wahrheit, die aber nur einen Teil erkennt (z. B. Rüssel, Beine, Bauch, Schwanz), die allein gültige Wahrheit sei und lehnt jede andere Meinung ab. Wer jedoch beginnt, die Dinge in der Tiefe zu erforschen, der wird sehr schnell begreifen, dass mit jeder neuen Erkenntnis unser Unwissen nur noch größer wird. Hier wird der Philosoph geboren, der nicht nur weiß, dass er nichts weiß, sondern der auch die Richtung erkennt, in welche er voranschreiten kann. Daraus entsteht dann die Toleranz Andersdenkenden gegenüber, frei nach dem Motto:

„Toleranz ist, dem anderen sein Anderssein zu verzeihen.“

Dazu gehören auch seine Fehler. Der Psychoanalytiker Günter Funke nennt dies „sozialen Vorschuss“ wenn ich das Menschsein im anderen und auch in mir selbst bejahe, wenn ich nicht nur das sehe, was fehlt, sondern vor allem das, was da ist und zum Wachsen gebracht werden kann.

Eine der größten Hürden auf diesem Weg ist der Perfektionismus.

Es ist nicht schlecht, die Dinge so gut wie möglich zu machen, aber gleichzeitig muss ich akzeptieren, dass Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist. Dadurch fällt schon viel falscher Druck weg.
Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen. (Henry Ford)
Orientalische Weberinnen bauten in jeden ihrer Teppiche absichtlich einen Fehler ein, als Symbol dafür, dass nur Allah perfekt ist, jedoch nicht der Mensch. Wer mit einer solchen Haltung der Demut durchs Leben geht, wird sich zwar ständig um Verbesserung bemühen, aber deswegen nicht das Unperfekte ablehnen. Während der Stolze stets auf die anderen Menschen herabblickt und dadurch selbst auf seinem Weg nicht mehr vorankommt, kann der Bescheidene nach oben blicken und so einen Schritt vor den anderen in diese Richtung setzen. Eine große Falle ist die zwanghafte Sehnsucht danach, bereits perfekt sein zu wollen. Was wir anstreben sollen, ist das „perfekt werden“. So scheitern viele Menschen nicht an den Fehlern, die sie machen, sondern an jenen, die sie sich nicht zugestehen wollen, wodurch sie sich den Fortschritt verbauen. Elisabeth Kübler-Ross, die hunderte Menschen in deren letzter Stunde begleitet hat, erzählte einmal, dass sie nur selten Menschen getroffen hat, die Handlungen in ihrem Leben bereuten, weil sie schließlich doch immer den tieferen Sinn und die darin verborgene Lernaufgabe erkennen konnten. Was jedoch viele bereuten, waren die aus Angst oder Stolz versäumten Gelegenheiten, das ungelebte Leben.

Die Kultur des Fehlermachens

Fehler Was wir und die Gesellschaft dringend benötigen, ist eine „Kultur des Fehlermachens“. Räume, wo Fehler zugelassen und nicht bestraft werden. Unser Inneres kreatives Potential kann sich nur dort ausdrücken, wo ohne Angst experimentiert werden kann. Wie sollen wir nach dem Besseren streben, wenn das Schlechte beginnend in der Schulzeit mit Rotstift hervorgehoben wird? Wenn unsere Fehler gebrandmarkt und bestraft werden, was sie unlöschbar in unser Gedächtnis einprägt? Die Pädagogik muss verstehen, dass Bestrafung noch niemanden besser gemacht hat.

Ehrlichkeit

Auch später im Geschäftsleben heißt es: „Dein Fehler – mein Gewinn!“ Mit dieser „Geierstrategie“ kann friedliches Zusammenleben und Ehrlichkeit nicht funktionieren, es kommt zum Verleugnen und Vertuschen. Wer verzeiht, wer nicht das Maximum an Schadenersatzforderungen herausholt, der wird für nicht ganz zurechnungsfähig gehalten, wo die Fehler der anderen für uns doch bares Geld bedeuten können. Wenn mir etwas zustößt, dann suche ich zuerst einmal den Schuldigen im Außen – sei es ein anderer Mensch, eine Firma oder die Umweltverschmutzung. Damit geben wir aber gleichzeitig auch die Verantwortung für unser eigenes Leben aus unseren Händen, schieben anderen die Schuld und damit auch die Kontrolle über uns zu. In diesem Sinne hat Viktor Frankl formuliert:
Wer dem Menschen die Schuld (d. h. die volle Verantwortung für das eigene Leben) nimmt, der nimmt ihm auch seine Würde.
Wenn ein Kleinkind, das beginnt, die ersten Schritte zu machen, die Schuld für sein Fallen immer anderen (den Eltern, den Umständen, der Schwerkraft ) zuschieben und sich nicht immer und immer wieder auf die eigene Kraft berufen würde, dann wäre die Menschheit noch jetzt auf allen Vieren unterwegs.

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