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Ich

Die Frage klingt provokant: Wissen wir überhaupt, was wir damit meinen, wenn wir von unserem Ich sprechen? Nun, wir wissen wohl, wie es sich anfühlt, wir selbst zu sein – doch außerhalb unseres subjektiven Erlebens gibt es kein „Ich“, sagt die moderne Hirnforschung.
Wir aber wissen, dass es uns gibt. Was nun?

Wissen wir, wovon wir sprechen?

Das Ich ist das, wofür sich jemand hält – könnte man das nicht so sagen?

Ich

Das allerdings kann sich auf sehr vieles beziehen – wie etwa Willensakte, Erinnerungen, Empfindungen, Identitäten, Überzeugungen, Verhaltenseinstellungen usw. Eines der erstaunlichsten Merkmale des Ich ist wohl die Kontinuität bzw. Einheit unserer Selbstwahrnehmung. Die spezielle Art und Weise, wie wir in beliebigen Situationen denken und fühlen, folgt einerseits keiner für uns erkennbaren Regel. Stets besteht die Möglichkeit, dass wir uns auch anders erleben und kennenlernen, als wir vermuten würden. Dennoch aber können wir uns über jede Vielfältigkeit und Entwicklung hinweg als ein und dieselbe Person begreifen.

Doch warum sollten wir deshalb real sein? Vielleicht ist es bloß unser Gehirn, das diese erlebte Einheitlichkeit erzeugt? Nirgendwo in der Natur scheint es Personen, Charaktereigenschaften oder Ichs zu geben, außer als mentale Erzeugnisse menschlicher Gehirne.

Sind wir also alle nur verschiedene subjektive Illusionen?

Warum alle Definitionen unbefriedigend sind

Der Grund dafür, warum wir das Ich nicht einmal zufriedenstellend definieren können, liegt in der Vielfältigkeit unserer Wesensaspekte. Je mehr Phänomene ein Begriff umfasst, desto schwerer ist es, ihn zufriedenstellend zu definieren. Bewusstsein, Willensfreiheit, Individualität, Emotionalität, Rationalität, Selbstfindung, Identität … sind nur einige Aspekte des Ichs. Jeder Definitionsversuch zieht daher das Problem nach sich, entweder zu einseitig oder zu allgemein und unscharf zu sein.

Doch kann uns wirklich die Untersuchung unserer Sprache helfen, unser Bewusstsein besser zu verstehen?

Sprachphilosophie und Ontologie

Ich

Was haben Begriffe wie Kultur, Gesellschaft, Normalität, Philosophie, Spiritualität, Kunst oder Natur mit dem Begriff „Ich“ gemeinsam? Es handelt sich stets um Abstraktionsleistungen unseres Verstandes, der die Mannigfaltigkeit von Phänomenen desselben Typs unter einen Begriff subsumiert. Dasselbe gilt übrigens auch für die Begriffe Persönlichkeit und Intelligenz. Daran ist jedoch etwas sehr merkwürdig.

Es betrifft unser wissenschaftliches Weltbild. Intelligenz und Persönlichkeit sind nämlich naturwissenschaftlich anerkannte Phänomene, die es auch aus der Sicht der Naturwissenschaften tatsächlich gibt. Die Existenz eines Ich hingegen wird bestritten und gilt als absurde Annahme. Dabei haben Persönlichkeit, Ich und Intelligenz noch etwas Merkwürdiges gemeinsam: Streng genommen sind alle drei keine empirischen Phänomene. Sie können keine Persönlichkeit beobachten, sondern nur Verhaltensweisen. Sie können Intelligenz nicht beobachten, sondern nur kognitive Leistungen.

Warum wird also gerade die Existenz des Ich geleugnet?

Klassische und moderne Sichtweise

„Das Ich ist unrettbar“ (Ernst Mach)

Klassische Auffassung: Die Seele kann ohne den Körper existieren, denken und fühlen

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Die Existenz des Ich wird heute von fast allen renommierten Hirnforschern und Neurophilosophen bestritten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass in unserer christlich-abendländischen Kultur das Wort „Ich“ sehr nahe mit dem Wort „Selbst“ assoziiert und Letzteres oft auf die „Seele“ eines Menschen bezogen wurde. Diese „klassische“ Auffassung legt nahe, dass es sich bei unserer Seele um eine Art unzerstörbare Substanz handle, die mit dem Körper interagiert und uns wesentlich ausmacht. Körper und Seele seien zwei grundverschiedene Substanzen, die jedoch solange wir leben eng zusammenwirken.

Diese „klassische“ Auffassung wird deshalb auch Substanzdualismus genannt. Sie besagt zudem, dass die Seele sowohl ohne den Körper existieren als auch ohne den Körper (und ohne Gehirn!) denken und fühlen kann. Die Seele wird hier als „reiner Geist“ und überhaupt als  Gegensatz von Materie verstanden. Sie sei unzerstörbar, unteilbar und nicht raum-zeitlich lokalisierbar. Die berühmtesten Substanzdualisten waren Platon, Plotin, René Descartes, Karl Popper und der Nobelpreisträger John Eccles.

Moderne Aufffassung: Bewusstsein, Gefühle und Gedanken kann nur im Gehirn geben

Ich

Aus moderner naturwissenschaftlicher Sicht werden alle geistigen bzw. psychischen Phänomene als Bewusstseinsphänomene verstanden. Bewusstsein, Gefühle und Gedanken kann es aus dieser Sicht nur im Gehirn geben. Materie gilt als Ursache für alle geistigen Prozesse. Allerdings ist zu beachten, dass das Wort „Geist“ hier etwas anderes bedeutet. Für Substanzdualisten ist der Geist bzw. die Seele etwas selbstständig Existierendes, das nicht auf Hirnprozesse reduziert werden kann. Für moderne Naturwissenschaftler und Psychiater dagegen sind seelische Vorgänge Hirnprozesse und Geist wird auf Bewusstsein reduziert.

Der Feldzug gegen das Ich

„Der von der Hirnforschung herbeigeführte endgültige Zusammenbruch des metaphysischen Menschenbilds mit seiner Doppelnatur als körperliches und geistiges Wesen wird ein weltanschauliches Vakuum hinterlassen.“

„Vielleicht ist das das Kernproblem der Neuroanthropologie: Wenn die Hirnforschung unser eigenes Bewusstsein als Naturphänomen erklärt, dann wird es sich nicht mehr als Projektionsfläche für unsere metaphysischen Hoffnungen und Sehnsüchte eignen.“ (Thomas Metzinger in: Der Preis der Selbsterkenntnis)

Nirgendwo gibt es so etwas wie einen unwandelbaren Kern in uns, weder im Gehirn noch in Form einer Seele – lautet die verbreitete Auffassung heute. Das Ensemble unserer Hirnregionen benötige grundsätzlich keinen Dirigenten. Wir sind es, die langsam begreifen sollten, dass unsere völlig vereinfachten Vorstellungen der Komplexität des Gehirns nicht gerecht werden. Gegen die Annahme eines Ich als eine Art geistigen Agenten in uns richtet sich mittlerweile eine beträchtliche Menge an Literatur. Bücher wie „Die Ich-Illusion“, „Jenseits der Illusion des Ich“, „Die Materialisierung des Ich“, „Wir sind unser Gehirn“ usw. sind keine Seltenheit. Führende Bewusstseins- und Hirnforscher wie Gerhard Roth, Wolf Singer und Thomas Metzinger stimmen alle darin überein, dass in unserem Gehirn lediglich ein evolutionär bedingtes Ich-Gefühl erzeugt wird.

Wie aber erklärt sich die moderne Hirnforschung dieses „evolutionär bedingte Ich-Gefühl“?

Bewusstsein aus naturwissenschaftlicher Sicht

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„Nach den verfügbaren Daten über Gehirne von Tieren und evolutionäre Kontinuität zu urteilen, ist das Erscheinen von Welten in biologischen Nervensystemen ein neueres Phänomen, vielleicht nur ein paar Millionen Jahre alt.“ (Thomas Metzinger in: Der EGO Tunnel)

Bewusstsein ist „das Erscheinen einer Welt”, sagt der renommierte Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger. In Wahrheit gäbe es kein Selbst oder Ich, sondern lediglich ein durch unser Gehirn erzeugtes „Selbstmodell”. Dieses Modell können wir selbst nicht erkennen, da die Wirklichkeit, die es erzeugt absolut glaubhaft für uns sein muss. Der Tunnel, durch den wir Wirklichkeit erleben, muss daher „transparent” bleiben, so Metzinger. Unser Gefühl für Vergangenheit und Gegenwart, für Endlichkeit und Unendlichkeit, für räumliche Ausdehnung und Geschwindigkeit, von Ich und Nicht-Ich, unser Erinnerungsvermögen und unser Erleben eines Jetzt sind Teile jenes Wirklichkeitsmodells in unserem Gehirn, dem auch unser Selbstmodell angehört. Sein Zweck ist unser Überleben.

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