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In Hamburg gibt es 42.000 Millionäre und 18 Milliardäre. Gleichzeitig ist in Deutschland jedes sechste Kind von Armut bedroht. Nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF wächst die Kinderarmut in Deutschland schneller als in den meisten anderen Industriestaaten. Ist das noch normal?

Und ist es normal, dass jeden Tag sechs Menschen im Mittelmeer ertrinken – auf dem Weg ins reiche Europa? Oder wenn sie das nicht wagen, als Prostituierte arbeiten müssen wie in Ghana Hunderttausend Kinder?

Anscheinend, denn Hans Peter Dürr schreibt im Buch „Verbundenheit“ (Hrsg. Gerald Hüther und Christa Spann-bauer), dass viele Menschen Gerechtigkeit und Frieden für eine Utopie halten. „Sie glauben, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie sich derzeit darstellt, und dass es in dieser Welt immer ungerecht und unfriedlich zugehen wird.“

Ist das normal? Wollen wir das akzeptieren?

Oder sind wir nur abgestumpft, geprägt von einer kaltherzigen und grausamen Weltsicht. Wollen wir das und unzählige weitere Absurditäten wirklich als Norm verstehen?

Kann man das „Normale“ definieren oder messen?

Ich begebe mich auf eine philosophische Suche … Die frühesten Normen kamen aus der Natur: Gewichte, Maßeinheiten und Zeit wurden anhand der natürlichen Umgebung gemessen. In Ägypten und Babylon maß man die Länge mittels Arm, Hand oder Finger, denken Sie nur an die „Elle“. Die Zeit wurde und wird bis heute anhand der Umlaufzeiten oder Rotationsperioden von Sonne, Mond und anderen Himmelskörpern eingeteilt wie unsere Monate oder das Jahr. Zum Wiegen verwendete man Steine oder Samen.

Die menschliche Natur liefert uns ein weiteres Beispiel: Eine Körpertemperatur knapp unter 37 Grad gilt als normal; schon wenige Grade mehr lassen den Körper heftig reagieren, er ist aus dem natürlichen Gleichgewicht geraten. Wenn er Normaltemperatur hat, spürt man ihn nicht. Nimmt man ihn wahr, ist man krank.

Das „Normale“ steht also in engem Zusammenhang mit dem „Natürlichen“.

Das führt mich zur nächsten Frage:

Wie natürlich leben wir heute? Welche Beziehung haben wir zur Natur? Zu Menschen, Tieren und Pflanzen?

Es ist normal, unnatürlich zu sein …

Hans Peter Dürr meint, dass der moderne Mensch unter „Naturvergessenheit“ leidet. Wir empfinden uns als von der Natur getrennt, quasi außerhalb der Natur lebend. Das mechanistische Weltbild der Aufklärung führte zur Subjekt-Objekt-Trennung. Gepaart mit dem jahrtausendealten christlichen Slogan „Macht euch die Erde untertan!“ und dem Neoliberalismus sehen wir die Natur als Ressourcenspenderin.

Die Menschen sind Konsumenten und „human ressources“.

Das klassisch-materialistische Weltbild hat dazu geführt, dass viele Menschen gnadenlos auf Kosten anderer materiellen Reichtum anhäufen, denn aus ihrer Sicht ist lediglich das real, was man angreifen und festhalten kann. Und der Reichtum muss wachsen, um das Wirtschaftswachstum an-zukurbeln.

Ist immerwährendes Wachstum normal, also natürlich?

Nein! Die Natur lebt uns vor, wie gesundes Wachstum funktioniert: Es gibt Zyklen. Das eine Mal trägt ein Baum viele Früchte, ein anderes Mal wenige. Nichts in der Natur wächst ungebremst jedes Jahr um 30 Prozent!

Im Körper heißt Wachstum auf Kosten der Umgebung Krebs, meint Eckhart von Hirschhausen.

Die Unersättlichkeit hat uns eine Weltkrise ungeahnten Ausmaßes beschert. Viele Menschen haben sich von sozialen Normen und Werten losgesagt, die weltweit und zu allen Zeiten das „normale“ und natürliche Miteinander regelten: Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Mitgefühl, Bescheidenheit, Dankbarkeit …, um nur einige wenige zu nennen.

Das materialistische Weltbild hat uns ebenfalls vermittelt, dass Wettbewerb und Konkurrenz normal sind und dass Egoismus deshalb ganz natürlich und sogar intelligent ist.

Die neuesten Altruismus-Forschungen von Felix Warneken und Michael Tomasello am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie mit Kleinkindern zeigen jedoch das Gegenteil: Schon eineinhalbjährige Kinder helfen Erwachsenen, wenn diese z. B. mit vollen Händen versuchen, eine Schranktüre zu öffnen. Außerdem stellten sie fest, dass jene Kinder, die für ihre Hilfsbereitschaft mit einem Spielzeug belohnt werden, weniger oft zur Hand gehen, als jene, die nie etwas erhalten haben …

So beweisen die Forscher, dass materielle Belohnung nichts bringt.

Kleinkinder, die noch nicht durch unsere materialistische Gesellschaft „verzogen“ sind, helfen von sich aus. Soziales Handeln und füreinander Sorge tragen sind ganz normal. Wie schön!

Materialismus ist abnormal

Die moderne Quantenphysik beweist: In Wirklichkeit gibt es keine Materie. Deshalb macht materieller Besitz auch nicht glücklich. Hans Peter Dürr erklärt: Wirklichkeit ist für die moderne Physik keine Realität, sondern Potenzialität. Wirklichkeit ist das, was wirkt und sich dauernd verändert.

Wirklichkeit ist über die ganze Welt ausgebreitet und verbindet alles miteinander.

Das klingt sehr abstrakt. Verwenden wir stattdessen den Begriff Energie oder Leben.

Die Naturphilosophen im alten Griechenland, die heute lebenden Naturvölker und viele moderne Menschen haben das ganz natürliche Empfinden, dass die Erde ein lebendiges Wesen ist. Das lehrt ja auch die moderne Gaia-Theorie ebenso wie die östliche Philosophie. Außerdem wird behauptet, dass alles mit allem verbunden ist und von einem Weltgesetz regiert wird, Dharma oder Tao genannt.

Ist dann also diese neu-alte Weltsicht normal?

Kann uns die Natur lehren, was normal ist?

Was halten Sie davon: Normal ist, was ganz natürlich dem Leben dient. Und: Es ist normal, verschieden zu sein. (Richard von Weizsäcker)

Es gibt heute viele Dinge, die nicht normal sein sollten und es leider trotzdem sind, weil wir uns daran gewöhnt haben (siehe oben). Und dann gibt es viele Dinge, die zwar noch ungewohnt sind, aber immer normaler werden und die dem Leben dienen. Z. B., dass Väter in Elternzeit gehen, Frauen Führungspositionen innehaben, ein Politiker sich zu seiner Homosexualität bekennt, Kinder in Patchwork-Familien glücklich aufwachsen …

Wollen Sie wissen, was für mich normal wäre?

About The Author

Gudrun Gutdeutsch praktiziert seit 30 Jahren philosophische Lebenskunst. Sie leitet seit 15 Jahren ehrenamtlich den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Hier ist sie u.a. als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig - mit den Schwerpunkten Psychologie, Spiritualität und Vergleichende Philosophie und Religionen. Seit über 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie" und ist Autorin des Buches "Wie duscht ein Philosoph?" Beruflich wirkt sie als Trainerin und als Fachberatung für Kulturelle Vielfalt.

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