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Der sich in seinem Leben ständig wiederholende Eindruck des Ausgeliefertseins gegenüber der unberechenbaren Willkür seines Körpers, das wiederholte Erleben von Grenzsituationen, in denen sich der Mensch hilflos dem drohenden Verlust alles Geliebten, wie in einem freien Fall ins Nichts ausgesetzt fühlt, ohne dass irgendein Wissen davor schützen könnte – genau solche tiefen, inneren Erschütterungen prägten das Leben Karl Jaspers.
Zeit, Vergänglichkeit und wahres Selbstsein gewinnen eine unter normalen Umständen völlig unzugängliche Dimension des Wirklichen

Ähnlich wie einst S. Kierkegaard unterschied auch Jaspers zwischen Stufen der Existenzverwirklichung:

  1. Das bloße Dasein: Der instinktorientierte, egoistische, von Trieben bestimmte, bloße Daseinswille, der sich auch in amoralischem Macht- und Anerkennungsstreben äußert.
  2. Das Bewusstsein überhaupt: Der Mensch wird hier zum Verstandeswesen, das über sich selbst zu reflektieren beginnt und Widersprüche in seinem handeln erkennt.
  3. Die Stufe des Geistes: Die Vielfalt an Gütern, Erfahrungen und Werten kann hier bereits im Rahmen eines anerkannten Sinnkozepts bewertet, verortet und verarbeitet werden.
  4. Die Stufe der Existenz: Sie erweist sich als nicht definierbarer, von außen unzugänglicher Bereich existenzieller Selbsterfahrung in Grenzsituationen oder als besondere Form der Selbsterfahrung in Momenten existenzieller Kommunikation.
Von 1948 bis 1961 hatte Jaspers einen Lehrstuhl für Philosophie in Basel inne. Nachdem er sich in Deutschland politisch heimatlos fühlte, setzte er sein öffentliches Engagement von der Schweiz aus fort. Seine Frau Gertrud Jaspers war ihm immerzu seine wichtigste emotionale Stütze.
Vieles von dem, was er über wahres Selbstsein durch existenzielle Kommunikation schrieb, verdankte er jener innigen Offenheit, Aufmerksamkeit und theoretischen Reflexionsbereitschaft, die ihm seine Frau widmete.
Jaspers
Gegen Ende seines Lebens bemühte sich Jaspers darum, ein anderes Thema zu vollenden:

die Möglichkeit eines philosophischen Glaubens angesichts der Offenbarung.

Da Jaspers selbst von der Existenz Gottes überzeugt war, sich jedoch mit den Dogmen der Offenbarungsreligionen nicht zufriedengab, bemühte er sich, einen genuin philosophischen Standpunkt gegnüber der Allgegenwart der „Transzendenz“ (für Jaspers ein neutraler Gottesbegriff) zu begründen.
Denn wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, sind wir Menschen in der Lage, Grenzsituationen zu überstehen, ohne dazu selbst die nötige Kraft zu haben.
Gott teilt sich dabei meist auf indirekte Weise, also durch Menschen, Ereignisse und Fügungen mit, die auf rätselhafte Weise Sinn ergeben („Chiffren der Transzendenz“) und zum idealen Zeitpunkt geschehen.
Wie durch ein Wunder erreichte Jaspers ein Lebensalter von 86 Jahren, obwohl dies niemand je erwartet hätte. Sein Bruder hingegen nahm sich wenig über vierzigjährig das Leben – obwohl er im Gegensatz zu Jaspers von Geburt an gesund war. Die Fügungen, die uns das Leben beschert, genauso wie das Offenbarwerden des Seins durch persönliches Scheitern in Grenzsituationen waren für Jaspers jene Mysterien, die ihn am meisten faszinierten.
Jaspers

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