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Volunteer Bachpatenschaft Treffpunkt Philosophie

„Das Totholz rausholen, den verrosteten Zaun rausschneiden, Müll aufsammeln … der Bach kann wirklich Hilfe gebrauchen.“ Der Verantwortliche vom Wasseramt der Stadt München schaut mich mit spitzbübischem Lächeln an. „Seit Jahren wurde der Bach vernachlässigt, und diese Volunteer-Aktion gäbe allen verantwortlichen Parteien ein moralisches Vorbild.“

„Genau so etwas haben wir gesucht“, entgegne ich ganz cool, hüpfe jedoch innerlich hin und her.

„Als praktische Philosophen suchen wir ständig notwendige Volunteer-Aktivitäten, keine Show-Veranstaltungen. Wir wollen die Stadt – und damit auch uns – voran bringen. Und auch der Natur was zurückgeben. So verstehen wir Lebenskunst.“

„Genau!“, pflichtet mir der Münchner Bachbeauftragte bei. „Nicht immer nur nehmen, konsumieren, wie es gerade an der Isar geschieht, wo jeder seinen Müll liegenlässt und ….“

Ein Date mit dem verschmutzten Gewässer

Nachdem wir auch alles Organisatorische klären konnten, verabreden wir einen Sonntags-Termin im Juli mit dem ansässigen Wasserkraftwerksbetreiber, der uns das Werkzeug wie Rechen, Spaten, Scheren, Haken zur Verfügung stellen soll.
Unser Date mit dem verschmutzten Gewässer stellt sich dann wettertechnisch als perfekt heraus. Die Sonne scheint und spendet uns gerade so viel Wärme, dass jeder sich auf kühlende Füße im Bachbett freut. Auch die Werkzeuge sind wie besprochen angeliefert und der freundliche Kraftwerksbetreiber spendiert uns noch eine Brotzeit vom nächsten Bäcker.
Nach Brezen-Genuss und ein paar Schluck ungesüßten Kaffee geht’s los zu einer ersten Bachinspektion. Wie besprochen sollen wir nur einen kleinen Teil des alten Garchinger Mühlbachs reinigen, doch die haben es in sich! Zehn Minuten stapfe ich durch den angenehm kühlen Bach, der nirgends tiefer als zu den Knien reicht und entdecke einiges an Arbeit für uns. Doch deswegen sind wir ja hier.

Volunteer, Bachpatenschaft, Treffpunkt Philosophie

Wieder zurück teilen wir Teams ein, die sich an die verschiedenen Aufgaben ranmachen. Die Fließgeschwindigkeit des Baches soll wieder gesteigert werden, das dient nicht nur der Selbstreinigung des Baches sondern ist auch Voraussetzung dafür, dass wieder Fische angesiedelt werden können.

Viele Steinplatten liegen auf dem Bachgrund, in die sich Äste und anderes organisches Material verhakt hat. Auch verschiedenen Staudämme, von Kindern der benachbarten Kleingartenanlage angelegt, müssen entfernt werden.
Ein Begrenzungs-Zaun aus verrosteten Maschendraht ist quer über den Bach gespannt und hängt teilweise ins Bachbett. Er muss natürlich abgezwickt werden. Viele Büsche greifen mit ihren langen Armen ins Wasser, als wollten sie allen Unrat aufhalten. Lebendiges Pflanzenmaterial sollen wir nicht entfernen, jedoch den Untergrund können wir ausharken.

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Lebenskunst bedeutet „Suchen“

Am Grund des Baches entdecken wir immer wieder undefinierte Bauabfälle, schwarze porös gefertigte Quader, die sich zu kleinen Unterwasserbergen gesammelt haben. Und in einem breiten Abschnitt, an dem das Wasser zu stehen scheint, entdecken wir Totholz von der Größe kleiner Baumstämme, in die sich viel Kleingeäst und jeglicher Müll wie zB Damenbinden angesammelt hat und zu einer Unterwasserbarriere verfestigt hat.

Für die nächsten drei Stunden durchwaten wir in Teams den Bach, füllen die 50 Liter Müllsäcke, stemmen schwere Steinplatten aus dem Wasser, rechen und harken den Boden und erregen natürlich die Aufmerksamkeit einiger Kleingartenbesitzer, an deren „Oasen-Territorium“ der Bach vorbeifließt. Trotzdem stören wir manche bei ihrem Mittagessen bei gegrilltem Fisch; sind alle recht froh, dass sich mal jemand zuständig fühlt. Ein Junge zeigt uns ganz stolz, dass er immer einen kleine Bachbiegung sauber hält. Und wirklich gluckert an dieser Biegung das Wasser besonders gesund.

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Die größte Herausforderung entdecken wir in einem Teil des Baches, wo das Wasser sehr langsam fließt. Wir stapfen durch den Schlamm, zerren schweres Totholz heraus, eine geschätzte Tonne Grasabfall dazu, das wie feste Lamettafäden vom Holz herunterhängt, und ertragen den stinkenden Schwefel-Geruch, der sich dabei den Weg an die Oberfläche bahnt. Schnell wird klar, dass wir mit der Arbeit des heutigen Tages nur den ersten Schritt getan haben. Aber wie Hesse schon gesagt hat:

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft zu leben.“

Lebenskunst – die eigene Persönlichkeit reinigen

Nach drei Stunden wandere ich nochmal den Bach entlang und bemerke wie sich sein Charakter geändert hat; zu Beginn noch leicht träge, unschlüssig, leicht fiebrig, erscheint er mir nun heiter, flink und irgendwie gesünder.
Zum Abschluss machen wir ein Erinnerungsfoto neben dem gesammelten Abfallberg und tauschen und darüber aus, was wir gelernt haben. Denn für uns als praktische Philosophen ist es nicht nur wichtig, Techniken zu erlernen, sondern sich selber auszubilden, den eigenen Charakter zu schulen und Tugenden zu erwerben; um das Beste in sich zu verwirklichen und unsere Gesellschaft ein Stück weit zu verbessern.

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Die Früchte des Tages

„Mit guter Teamarbeit schafft man mehr als man denkt.“

„Bei so viel Müll wird mir bewusst wie viel davon ich selbst produziere. Ich möchte versuchen, in Zukunft weniger Plastikmüll zu produzieren“

„Als ich Äste aus dem Wasser fischte, dachte ich mir: ist es nicht auch in unserer Psyche so? Vieles Altes, viele starre Gewohnheiten verhaken sich in uns, hemmen den Fluss des Lebens. Doch erst wenn man in die Tiefe greift, mutig zupackt und das Überhohlte ans Tageslicht bringt, kann eine Reinigung beginnen.“

Wir verabschieden uns vom alten Garchinger Mühlbach, freuen uns nun auf den Biergarten und ganz bestimmt auf ein Wiedersehen.

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About The Author

Als Tourist hat Martin viele Kontinente besucht, in fremden Ländern gelebt, ihm unvertraute Kulturen kennengelernt und bemerkt, dass die Menschen dort gar nicht so anders sind als daheim. Angetrieben von der Suche nach einer beständigen Lebenskunst möchte er nun seiner Verantwortung als Weltbürger nach kommen, als Reisender vor der Haustür. Dafür wechselt er schon mal den Job, klettert in Höhlen, entdeckt in seiner Heimatstadt München magische Orte und watet durch vernachlässigte Bäche, um Abfall herauszuholen.

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