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Dualität

Es gibt ein Thema, bei dem sich sowohl östliche als auch westliche Kulturen einig zu sein scheinen und das ist die duale Zusammensetzung des sichtbaren Universums – unsere „wahrnehmbare“ Welt. Oben und unten, heiß und kalt, rechts und links, männlich und weiblich, materiell und geistig. Wohin wir auch schauen, wir sehen die Manifestation dessen, was die chinesische Tradition die Dualität von Yin und Yang nennt.

Dualität in der Fotografie

Die gleiche Dualität drückt sich in der Fotografie im Verhältnis zwischen Licht und Schatten aus. Diese Dualität erscheint nicht nur in der Fotografie, sie ist das Medium „par excellence“, das diese Dualität hervorbringt: Ein Bild ist nicht mehr und nicht weniger als ein Ausdruck der Beziehung zwischen Licht und Schatten. Das Bild ergibt sich aus diesem Kontrast; sonst wäre es nur ein ganz weißes oder ganz schwarzes Bild.

Licht und Schatten in Harmonie

Dualität
Fotografie © Pierre Poulain – www.photos-art.org

Auf einem Foto gibt es nicht nur Licht oder Schatten, Yin oder Yang, sondern beides. Und wenn es sich um ein gutes Foto handelt, dann sind Licht und Schatten in einem Dialog, eingebettet in ein harmonisches Verhältnis, das dank das Fotos in Erscheinung tritt. Es ist, wie wenn das Unsichtbare sichtbar würde, denn dieser Punkt von Harmonie zwischen den Gegensätzen ist immer vorhanden, aber nie sichtbar.

Was ist mit den „Grauzonen“?

Wir sind gewohnt, dual zu denken, bestimmt, weil es einfacher ist: Es ist leicht, eine Idee als „gut“ oder „schlecht“ oder eine Handlung als „moralisch“ oder „unmoralisch“ anzusehen, eine feste Grenze zu ziehen zwischen dem, was wir Leben und Tod nennen, usw. Doch was ist mit den „Grauzonen“? Was ist mit den Zwischentönen?

Das Leben ist nicht nur Scharz und Weiß, die Fotografie auch nicht! Zwischen dem reinen Weiß und dem kompletten Schwarz gibt es zahlreiche Graustufen, sogar nocht mehr als das, was das Auge und die fotografische Unterstützung reproduzieren können. Diese Grautöne füllen den Raum zwischen den Extremen aus, unseren natürlichen Lebensraum.

Gefährliche Extreme

Licht und Schatten
Fotografie © Pierre Poulain – www.photos-art.org

Wir alle wissen, wie gefährlich die Extreme sind. Wenn jemand sich mit einem Extremen identifiziert, wird er ganz natürlich danach streben, das Gegenteil auszurotten. Denn er wird es als Bedrohung für die „Reinheit“ des Extrems ansehen. Tatsächlich kann das „reine Licht“ nicht mit dem geringstmöglichen Anteil an Schatten vermischt werden, ohne seine Identität und Eigenschaften zu verlieren. Ebenso schließt „pure Schwärze“ den leisesten Lichtschein aus. Aus diesem Grund führt Extremismus immer zu Fanatismus und muss deshalb verboten werden.

Ergänzungen statt Gegensätze

Grau jedoch und alle seine Schattierungen basieren auf der Beziehung zwischen Licht und Schatten. Hier gibt es keine Gegensätze mehr, sondern Ergänzungen, und wenn eine Seite fehlt, dann hört das Grau auf zu existieren. Selbstverständlich ist es schwieriger, zwei so unterschiedliche Erscheinungsformen wie Licht und Schatten in ein harmonisches Verhältnis einzubinden, als sich nur mit dem einen zu befassen und das andere auszuschließen. Nichtsdestotrotz ist dies der Aufwand, den wir aufbringen müssen, um nicht in Fanatismus und geistige Beschränkung zu verfallen.

Drei Möglichkeiten zu handeln

In der hinduistischen Tradition gibt es das Konzept der drei Gunas. Dies sind die drei Möglichkeiten, eine Handlung durchzuführen; sei es eine physische oder eine geistige Handlung (nach der indischen Tradition ist ein Gedanke auch eine Handlung). Diese drei Möglichkeiten sind: Tamas, Rajas und Sattva.

Tamas – „zu wenig“

Tamas und Rajas sind leicht erkennbar, denn sie entsprechen den Extrem einer möglichen Handlung. Tamas ist der Mangel an Energie, die Trägheit, das „zu wenig“, was sich bei der handelnden Person in der Regel als schwache Willenskraft und als Fehlen an Geistesgegenwart ausdrückt. Es bedeutet, sein Leben zu leben, ohne wirklich im Leben zu sein, geistesabwesend wie ein „Zombie“.

Rajas – „zu viel“

Auf der anderen Seite ist Rajas „zu viel“ – zu viel Energie, Bewegung, Fokus, Lärm usw. Rajas verleitet uns, unseren Gedanken, Gefühlen und Handlungen so viel Bedeutung beizumessen, dass wir nicht in der Lage sind, Raum für das „Andere“ zu schaffen, und auch nicht, um Intelligenz zu kanalisieren. Mit Rajas versuchen wir, über unser Leben so viel Kontrolle auszuüben, dass es sehr schwierig wird, von ihm zu lernen.

Sattva – das rechte Gleichgewicht

Dualität
Fotografie © Pierre Poulain – www.photos-art.org

Doch zwischen Tamas und Rajas, in der Mitte der „Grauzone“ befindet sich Sattva. Es ist schwierig zu finden, denn Sattva – was so viel wie das rechte Gleichgewicht bedeutet – liegt nicht in einem mathematisch festgelegten Abstand zwischen Tamas und Rajas. Es ist dynamisch, es ändert sich ständig, gerade so, wie wir manchmal mehr und manchmal weniger Fokus bei unserem Handeln brauchen. Es muss sich mit Intelligenz und Achtsamkeit jederzeit und an jedem Ort an unsere Lebensumstände anpassen, mit der rechten Unterscheidungskraft, um die Wirklichkeit von der Illusion zu unterscheiden. Sattva finden und in Sattva sein, kann zur Lebensaufgabe werden. Es entspricht der Suche des Fotografen nach der Harmonie der Grautöne, nach dem Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten in einem Bild.

Die Suche nach dem „dritten Weg“

oder dem „Mittelweg“ – erinnert an den Goldenen Mittelweg des Buddhismus, einer anderen großen philosophischen Tradition. Dieses Konzept zwingt uns, von einer dualistischen Auffassung weg zu einer dritten zu gelangen, wo die offensichtlichen Gegensätze sich gegenseitig ergänzen, anstatt einander auszuschließen. Die dualistische Sichtweise hält nach Licht ODER Schatten Ausschau, während die dritte nach den Grautönen sucht, die aus Licht UND Schatten bestehen.

UND statt ODER

Dualität
Fotografie © Pierre Poulain – www.photos-art.org

Und das ist das Leben: „Und“ statt „Oder“, integrativ und nicht ausgrenzend, grau, nicht schwarz oder weiß. Vielleicht  wird dieser Umstand unbewusst mit Schwarz-Weiß-Fotos in Verbindung gebracht – die aber in der Wirklichkeit auf verschiedensten Grautönen basieren und die in den Herzen von Fotografen und vielen Menschen immer noch einen festen Platz haben. Wenn wir eine Schwarz-Weiß-Fotografie betrachten, können wir ihre Essenz auf den ersten Blick erkennen, die Harmonie zwischen Licht und Schatten, ohne von Farben abgelenkt zu sein, die als Maske wirken können.

Ein gutes Foto ist vielleicht eines, das das „TAO“ einfängt, den flüchtigen Moment der Harmonie in der ewigen Bewegung und in den unendlich vielen Kombinationen zwischen Yin und Yang – das perfekte Grau.


Pierre Poulain ist ein Weltbürger. Er spricht englisch, französisch, spanisch und hebräisch. Er lebt in Israel. Die Kamera ist immer dabei. So entstehen seine Fotos aus der ganzen Welt, die man auf seiner Webseite und auch in seinem Buch „Philosophie durch die Linse“ findet. Dieser Artikel ist ein Auszug aus diesem Buch, in dem er uns zeigt, wie man als Fotograf die Philosophie praktisch anwendet. Interessiert? Das Buch kannst Du hier per Email bestellen.

 

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