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Meditation

Alles ist verschwommen. Nur der orange Punkt ist klar. Meine Augen fixieren ihn, die Atmung fließt ruhig und gleichmäßig. Der Geist ist ruhig, meine ganze Aufmerksamkeit zentriert. Da fällt mir ein, dass ich heute Vormittag ein wichtiges Meeting habe. Mein Herz beginnt zu klopfen, doch sofort gelingt es mir, die Konzentration wieder auf den Punkt zu lenken. Die Ablenkung ist besiegt. Jetzt meditiere ich, das Meeting kommt später. Dieser Moment dient meinem inneren Raum, alles andere kann warten.

Meditation ist „in“

Ich bin seit 30 Jahren in der Erwachsenenbildung tätig und leite Workshops und Seminare zu philosophischen und psychologischen Themen. Oft baue ich eine Meditationsübung ein.  Und da konnte ich im Laufe der Zeit eine große Veränderung bemerken.

Noch vor etwa fünf bis sieben Jahren reagierten viele Menschen befremdet und ich musste ihnen erklären, in welcher Haltung man bei Übungen idealerweise auf dem Stuhl sitzt. Und vielen gelang es nicht, die Augen zu schließen und sich ernsthaft auf die Übung einzulassen. Verunsicherung war zu spüren. Das hat sich geändert.

Heute wissen die Teilnehmer, welche Sitzposition förderlich ist. Bereitwillig schließen alle die Augen und im selben Moment macht sich eine gelöste Atmosphäre im Raum breit.

Wo früher der eine oder andere anmerkte, dass ihn die Übung gestresst hätte, sind heute die Rückmeldungen durchwegs positiv.

Vor Kurzem las ich im Buch „Rückkehr zur Menschlichkeit“ des Dalai Lama Dinge, die ich selbst erfahren habe, und die er wunderbar auf den Punkt bringt.

Er sagt, dass die Entwicklung geistiger Disziplin für ihn ein unverzichtbarer Teil des täglichen Lebens ist.

Das tägliche Üben untermauert seine Entschlossenheit, stets mitfühlend und zum Wohle anderer zu handeln. Auf der anderen Seite hilft es ihm, negative Gedanken und Gefühle in Schach zu halten und innere Ruhe zu bewahren.

Was ist Meditation?

Das Wort „Meditation“ leitet sich ab vom Lateinischen meditari „nachdenken, nachsinnen, überlegen“ bzw. vom Altgriechischen medomai „denken, sinnen“. Meditation ist eine in vielen Religionen und Kulturen ausgeübte spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln.

In östlichen Kulturen gilt sie als eine grundlegende und zentrale bewusstseinserweiternde Übung. Die angestrebten Bewusstseinszustände werden je nach Tradition unterschiedlich und oft mit Begriffen wie Stille, Leere, Panorama-Bewusstheit, Einssein, Im-Hier-und-Jetzt-Sein oder Frei-von-Gedanken-Sein beschrieben.

Im Osten verwendet man den Sanskritbegriff bhavana – „kultivieren“ oder dessen tibetische Entsprechung gom – „Schulung“.

Heute sind uns meditative Praktiken vor allem aus östlichen Kulturen bekannt, sie waren jedoch auch in der Antike und im Christentum üblich. Berühmtes Beispiel sind die „Selbstbetrachtungen“ von Marc Aurel. Bei abendlichen Reflexionen schrieb er seine Gedanken zu Tagesereignissen nieder und durchdachte alles Erlebte noch einmal, um es zu verstehen. Die mystischen Traditionen des Christentums wollten den Verstand zur Ruhe bringen, um den „einen Urgrund“ aufzuspüren.

Wie Meditation glücklich macht

In all diesen Traditionen erkannte man durch die Beschäftigung mit dem menschlichen Geist einerseits dessen unruhige Natur und Flüchtigkeit. Anderseits wurde man sich der Macht des Geistes bewusst. Um ein tibetisches Gleichnis zu verwenden:

Der Geist ist stark wie ein Elefant.

Ungezähmt kann er durch die Felder trampeln, die Ernte vernichten und sogar Menschen töten. Gebändigt ist er ein wertvolles Lasttier, das sogar den Fuß hebt, um eine Ameisenstraße zu schonen.

Meditation

Das erinnert mich an die oben erwähnte Aussage des Dalai Lama, dass er durch die täglichen Übungen Mitgefühl und die Entschlossenheit, stets zum Wohle der anderen zu handeln, entwickelt. Und dass er negative Gefühle und Gedanken in Schach halten kann.

Man erlangt mehr Verständnis für andere und erweitert seine Liebesfähigkeit.

Das ist eine der schönsten Erfahrungen, die ich persönlich machen konnte. Meine Sichtweise hat sich stark verändert. Früher habe ich die Schwierigkeiten und Schwächen der Menschen gesehen – also das Augenmerk auf die „Defizite“ gelenkt.

Heute aber ist meine Wahrnehmung (zumeist) wohlwollend und wertschätzend und ich erkenne die Möglichkeiten und Stärken der Menschen – habe also einen „Ressourcenblick“.

Zwei Arten der Meditation

  1. Die diskursive oder analytische Meditation
  2. Die konzentrative Meditation

Die diskursive Meditation ist eine Art analytischer Prozess, bei dem der Übende ein bestimmtes Thema durchleuchtet und von vielen Seiten betrachtet, um es mental zu durchdringen.

Die konzentrative Meditation dient der Schulung der Aufmerksamkeit. Man richtet sie für eine gewisse Zeit auf einen bestimmten Gegenstand (z. B. einen Punkt an der Wand oder ein Räucherstäbchen). Beide Arten der Meditation brauchen Übung.

Konkrete Tipps für die Meditation

  • Planen Sie einen konkreten Zeitpunkt für die Übungen – üben Sie mehrmals wöchentlich und idealerweise morgens! Dazu ist es hilfreich, am Vorabend nicht zu viel gegessen zu haben.
  • Sorgen Sie für größtmögliche Ruhe! Geräusche sind wie ein Dorn, der sich in den ruhenden Geist bohrt. Am Anfang genügen fünf bis zehn Minuten…
  • Wählen Sie eine Körperhaltung, die bequem, aber nicht zu bequem ist! Ideal ist es, wenn der Rücken gerade und der Kopf leicht nach vorne geneigt sind. Die Arme sollen entspannt auf den Knien oder Oberschenkel ruhen.

Praktische Übungen

  1. Zur analytischen Meditation:
    Wählen Sie einen Alltagsgegenstand und treten Sie mit ihm in einen inneren Dialog, z. B. mit Ihrer Kaffeetasse. Aus welchem Material ist sie, wo und wie wurde sie angefertigt? Welche Menschen waren an ihrer Herstellung beteiligt? Wie lange existiert sie wohl schon und wie lange wird sie noch existieren? … Lassen Sie Ihrer Vorstellungskraft freien Lauf!
  2. Zur konzentrativen Meditation:
    Setzen Sie sich vor eine weiße Wand und suchen Sie sich einen Punkt etwa in Augenhöhe! Atmen Sie einige Male tief ein und aus und lenken Sie dann Ihre Aufmerksamkeit auf diesen Punkt!
    Konzentrieren Sie sich ausschließlich auf den Punkt und denken Sie an nichts anderes! Wenn Ihr Geist abschweift, bringen Sie ihn ruhig und geduldig wieder zum Punkt zurück!

About The Author

Gudrun Gutdeutsch leitet seit über 10 Jahren ehrenamtlich den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Seit 30 Jahren praktiziert sie Philosophie als Lebenskunst und ist als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig. Seit 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie". Außerdem ist sie Autorin des Buches "Wie duscht ein Philosoph?" Beruflich wirkt sie als Trainerin (u.a. für das FREUNDE-Programm) und als Fachberatung für Interkulturelle Pädagogik und sprachliche Bildung.

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