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Es gibt Augenblicke, wo man erst merkt, wie lieb man seine Freunde hat.

Johann Wolfgang von Goethe

Vor wenigen Wochen war noch alles normal.

Unser Alltag, unsere Freizeitaktivitäten, unsere Urlaubsplanungen, unsere fast ständige Erreichbarkeit. Jetzt bin ich die vierte Woche im Home-Office und die Tage dehnen sich gefühlt aus. Mir kommt es so vor, als wäre dieser Zustand schon viel länger.

Täglich erreichen mich so viele Nachrichten, links und Videos, dass ich sie mir alle gar nicht mehr alle ansehen kann. Jetzt schaue ich nur noch zweimal am Tag auf mein Handy und abends lese ich die aktuellen Nachrichten aus der Welt.

Schon immer fühle ich mich in Deutschland auf einer privilegierten Insel und jetzt noch mehr. Wenn ich die Situation auf der Welt betrachte, wie viele Menschen einsam und unter Schmerzen sterben, krank oder arbeitslos sind, hungern oder gar nicht mehr hinausgehen dürfen fühle ich mich hier wie in einem Paradies.

Herausfordernd ist diese Zeit auch für Menschen, die ganz alleine leben oder Familien mit zwei bis drei Kindern im Home-Office, die parallel ihre Kinder unterrichten oder sich Beschäftigung überlegen und mittags für alle kochen.

Wie schnell sich alles verändern kann

Sein

Normalerweise bin ich in meinem Alltag als Hebamme viel unterwegs. Ich liebe es, draußen zu sein, Familien zu besuchen und den anderen halben Tag im Büro zu arbeiten.

Nun sitze auch ich fast den ganzen Tag am Computer in meiner Küche, skype und telefoniere viel mit den von mir betreuten Familien, mit meinen Kolleginnen und bin abends oft in Videokonferenzen unserer Philosophiekurse.

Richtig glücklich bin ich damit nicht. Mir fehlt menschliche Begegnung, Augenkontakt, ein Lächeln, eine Berührung. Ich empfinde so wie Martin Buber gesagt hat:

Alles Wirkliche Leben ist Begegnung.

Jeden zweiten Tag rufe ich jemanden an. Eine Person aus meiner Familie, eine Freundin oder eines meiner Patenkinder und trinke mit einem netten Telefon-Plausch einen Kaffee am Telefon. Ich leide darunter, wenn ich nur schriftliche Nachrichten bekomme. Der Kontakt über die Stimme ist mir lieber als zu chatten. Es ist neu und fremd für mich, die Menschen nur zu hören, sie nicht mehr zu sehen oder zu spüren.

gemeinsam kochen

Ein Highlight sind für mich jetzt meine fast täglichen Einkäufe im Bio-Laden bei uns im Viertel, ich bin glücklich dort kurz zu plaudern, das junge und gut gelaunte Team zu erleben und fröhliche Tanzmusik zu hören, die dort läuft.

Einkaufen war früher oft noch ein „muss ich auch noch schnell erledigen“, jetzt ist es eine reine Freude. Mein Mann und ich suchen uns jeden Tag ein neues Rezept heraus, das wir kochen. So erleben wir Kreativität und leckere Abwechslung in unserem Home-Office Alltag.

Mutter Erde sorgt für sich

Sein

Am Nachmittag gehe ich viel an der Isar spazieren. Das Wasser im Fluss in der Stadt ist so klar als wäre es gerade frisch aus der Quelle entsprungen! Die Enten, Schwäne und Gänse tummeln sich und sind so lebendig und sonnen sich in den ersten warmen Sonnenstrahlen.

Ich bin verzaubert vom Frühling. Wenn ich jetzt draußen in der Natur bin und diese unglaubliche Lebenskraft, die in den Bäumen und Pflanzen hervorbricht, dieses Wunder des Lebens, das mit jedem Frühling zurückkehrt, spüre erlebe und sehe, fühle ich Frieden und Zuversicht in mir.

Vielleicht hat unsere Mutter Erde mit dem Virus für sich gesorgt.

Letzte Woche habe ich in der Zeitung gelesen, dass sich über der Südhalbkugel das Ozonloch geschlossen hat. Oder dass im Meer wieder Delfine schwimmen. Das Corona-Virus hat die gesamte „Friday-for Future“ Bewegung überholt!

Meine Übung: mit mir SEIN können.

Sein

Ich bin so gerne mit anderen Menschen zusammen, beruflich und auch privat. Jetzt ist gerade alles anders. Im Wort „Allein“ steckt das Wort „All“. Mit dem All Eins zu sein. Oder in „Einsamkeit“ steckt „ein Same“.

Ich spüre immer mehr, dass Alleinsein auch der Regeneration dient, ich kann Dinge innerlich klären. In vielen Kulturen ist der Rückzug ein wichtiger Prozess. Ich nehme die Herausforderung an – die Zeit jetzt zu nutzen, mich tiefer in mir selbst zu verwurzeln, wie ein starker kraftvoller Baum einen neuen Jahresring – neue Erkenntnisse hervorzubringen.

Ich lese sehr viel und auch gerne. Zum Beispiel „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“ von Stefan Bollmann. Zu Goethes Zeiten haben sich die Menschen oft seitenlange Briefe geschrieben und sich erzählt, was sie erlebt haben. Gleichzeitig war das wie eine Reflexion, Erlebtes mit innerem Abstand wieder zu geben. Diese Woche habe ich auch schon drei Briefe geschrieben. So lerne ich, mich mit meinen Mitmenschen noch mehr verbunden zu fühlen, auch wenn ich sie lieber sehen würde.

Indem ich sie anrufe, Ihnen schreibe, Ihnen etwas zu Ostern schicke (heute bin ich für drei Pakete gerne eine Stunde an der Post angestanden) und an sie denke.

Als Philosophin habe ich jetzt die Gelegenheit, mich im Loslassen und Vertrauen haben zu üben. Essentielle Werkzeuge, die wir bei jeder Geburt, jeder Veränderung und auch beim Abschied nehmen am Ende unseres Lebens brauchen.

Den Weg zu studieren heißt sich selbst zu studieren,
sich selbst zu studieren heißt sich selbst vergessen.
Sich selbst zu vergessen bedeutet
eins zu werden mit allen Existenzen

Zen-Buddhismus

Hier noch ein paar praktische Tipps, um glücklich mit sich SEIN zu können:

Frühling
  • Einen Rhythmus im Alltag aufbauen – und halten
  • Gymnastik, Sport am Morgen, ein kleines Zitat lesen
  • Einen guten Freund anrufen, im Stehen telefonieren
  • Frisch und abwechslungsreich kochen, neue Rezepte ausprobieren
  • Bewegung an der frischen Luft, Natur und Tiere beobachten
  • Blumen und Schönheit in die Wohnung holen
  • Tagebuch schreiben, über sich selbst reflektieren
  • Klassische Musik bewusst hören
  • Gute Bücher lesen
  • Dankbar sein, sich dazu täglich drei Punkte überlegen

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