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Leben Joggen

Die Chance von Covid19 hat mir heute eine gute Reflektion beschert. Wenn das Leben einen einsperrt, sollte man sich Freiheiten überlegen. Gute, machbare Ziele überlegen. Diese kann man immer wieder ändern oder erweitern – Jeden Tag etwas weiter oder auch mal eine Abkürzung.

Seit Ende März herrscht in Bayern eine Ausgangsbeschränkung. Für Spaziergänge und Einkäufe darf man seine vier Wände verlassen. Am Montag war ich seit langem mal wieder Joggen. Eine Runde von fünf Kilometern. Es war anstrengend und ich habe mich danach sehr gut gefühlt. Gestern war ich wieder laufen. Diesmal sechs Kilometer. Wieder sehr anstrengend und wieder fühlte ich mich gut. Ich habe, wie man so schön sagt, Lunte gerochen.

Es wäre doch toll, wenn ich das nun jeden Tag machen würde. Naja, zumindest häufiger. Heute habe ich mir also wieder das Sportzeug angezogen und bin zu der Stelle gefahren, von wo ich loslaufe. Schon auf dieser kurzen Autostrecke sah ich, wie sich die Wipfel einiger hoher Tannen heftig im Wind wogen. Puh, so windig kam es mir zu Hause gar nicht vor. Doch ich war immer noch frohen Mutes. Ich bin ja jetzt durchtrainiert!

Ohne Ziele kann sich das Leben nicht entwickeln

Leben Ziel Joggen

Ich laufe los und auf den ersten Kilometern verläuft alles gut. Dann komme ich auf ein offenes Feld und der Wind bläst mir heftig entgegen. Ich spüre nun, dass mir die zwei Bier gestern Abend und der wenige Schlaf von letzter Nacht viel von meiner Kraft geraubt haben. Von wegen durchtrainiert! Und auf dieser Strecke gibt es zwei für mich heftige Steigungen. Die Eine liegt genau vor mir. Murphy gibt sein Bestes. Ich pfeife aus dem letzten Loch, denn diese Steigung lässt dem Wind freie Bahn. Meine Hände sind Eiszapfen, ich bin völlig aus der Puste.

In diesem Augenblick schießt es mir durch den Kopf. Was hier gerade mit mir passiert, lässt sich auf das Leben übertragen. Auch im Leben braucht man Ziele. Und dann gilt es, sich auf diese Ziele zuzubewegen. Durch „das zu Hause bleiben müssen“ habe ich die gute Möglichkeit bekommen täglich zu joggen. Und es fing toll an. Die zwei ersten Tage haben mich sehr motiviert und ich habe mir höhere Ziele gesteckt. Und nun das.

Stehen zu bleiben ist keine Option

Es wäre töricht nicht auf meinen Körper zu hören. Mein Herz rast und wenn ich so weiter mache ist das nicht mehr gesund. Also gut. Auf den letzten 20 Metern der Steigung erlaube ich meinem Körper etwas Verschnaufpause, höre auf zu laufen. Die nächsten 50 Meter gehe ich schnellen Schrittes. Stehen zu bleiben ist keine Option, denn zum einen würde ich anfangen zu frieren und zweitens habe ich den Willen auch noch anzukommen, denn mein Auto kommt ja nicht zu mir.

Ziel entgegenstreben trotz Gegenwind

Leben Gegenwind

Mein Puls hat sich zwar nur mäßig beruhigt, doch ich bekomme wieder gut Luft und jogge weiter. Bald kann ich abbiegen und der Wind kommt dann „nur“ von der Seite. Naja, auch wenn es jetzt nicht mehr ganz frontal ist, so ist es doch ausgesprochen kraftzehrend. Und nach der nächsten Kurve werde ich wieder Gegenwind haben. Der Wind fräst an meinem Willen. Die Kurve kommt und der Wind auch. Meine Kapuze ist wie ein Segel. Ich halte eine ganze Weile durch, doch dann kann ich dem Gegenwind in dem Tempo nicht mehr entgegen laufen. Ich gehe also wieder und spüre in mich hinein, wie mein Körper mir dankbar auf die Schulter klopft. Mir wird klar, dass man auch im Leben, wenn man seinen Zielen entgegenstrebt oft heftigen Gegenwind bekommt.

Mal langsamer werden ist gesund

Leben Gesund

So heftig, dass man glaubt zu scheitern. Doch es ist wichtig nicht stehen zu bleiben. Auch mit kleinen Schritten kommt man dem Ziel näher und man bleibt auf dem Pfad. Wenn man wieder Kraft hat kann man sich wieder schneller auf das Ziel zubewegen. Und auch mein Körper erholt sich jetzt gerade recht schnell, denn durch zwei Tage Joggen hat sich schon ein klein wenig Kondition aufgebaut. Zumindest rede ich mir das ein, denn es hilft. Dann legt auch der Wind eine Pause ein und ich lasse mich dazu ermutigen wieder loszulaufen.

Ich weiß nicht, ob mir der liebe Gott absichtlich eine Probe stellt, denn nach wenigen Minuten peitscht mir die Luft wieder frontal ins Gesicht und auf meinen Körper – und ich habe reichlich davon. Mein Segel füllt sich wieder mit Luft und ich kämpfe. Gleich kommt der Abzweig, an dem ich mich für die kürzere Strecke oder für die errechneten sieben Kilometer entscheiden kann. Ich laufe an dem Abzweig vorbei und entscheide mich für die lange Strecke.

Aber wer ist eigentlich dieses ICH?

Ich könnte großspurig Heldengeschichten von meinem Willen und meiner Kämpfernatur erzählen. Wenn ich ehrlich bin habe ich schon überlegt, meine Gedanken in einen Blog zu fassen, denn dieser Joggingausflug hat mich auch etwas über das Leben gelehrt. Und wie peinlich wäre es denn, wenn ich dann noch schreiben müsste, dass ich mich für die Abkürzung entschieden habe. Geht also gar nicht. Also musste es die längere Strecke werden.

Mein Körper kann zwar nicht so toll sprechen wie mein Kopf, doch wenn er es könnte hätte er all seinen Frust in zwei Worte zum Ausdruck gebracht: „Echt jetzt?“

Die Gedanken verlieren sich bald wieder, denn es kommt jetzt noch eine kürzere Passage freies Feld in der falschen Richtung. Also Gegenwind. Ich bin in Gedanken die Strecke schon abgelaufen und weiß, dass es das letzte Stück mit Gegenwind sein wird. Die zweite große Steigung wird von Rückenwind begleitet sein. Doch da bin ich noch nicht und ich kämpfe jetzt gerade sehr heftig.

Ich mache einen Deal mit mir. Dieses Stück laufe ich noch durch und wenn ich dann wieder seitlich zum Wind laufe darf ich gehen. Denn jetzt ist der Untergrund weich und nachher asphaltiert. Und auf Asphalt zu laufen ist bekanntlich ungesünder und da darf ich dann wieder ein Stück gehen.

Tricks sind erlaubt, solange sie nichts und niemanden schaden und der Sache helfen

Ziel Joggen

Ein guter Trick hilft immer. Außer Atem gehe ich schon mit dem ersten Schritt auf dem Asphalt wieder langsam. Wieder etwas fürs Leben gelernt: manchmal hilft uns eine kleine Sache wie eine Windstille, wieder Kraft zu gewinnen und weiter zu machen. Man darf auch seinen Verstand dazu missbrauchen, sich etwas vorzumachen, wenn es dazu nutzt, nicht stehen zu bleiben und weiter zu laufen.

Manchmal hilft es sich ein Zwischenziel zu setzen, was hier und jetzt erreichbar ist.

Ich biege auf einen Feldweg ab, der in meine zweite Steigung übergeht. Mit dem heftigen Rückenwind läuft es fast als wäre ich auf einer ebenen Fläche. Zwanzig Meter vor mir baut sich eine kleine Windhose auf und tänzelt vor mir her, bevor sie sich auflöst.

Meine Aufmerksamkeit auf die Natur gerichtet,  merke ich wie gut es mir tut, meinen Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Eine Entspannung für meine Augen, die seit Tagen hauptsächlich von meinen Bildschirmen und den Wänden begrenzt werden. Mit dem Wind im Rücken und der Natur vor mir kann ich jetzt mein Laufen sogar richtig genießen. Die Anstrengung ist zwar noch da, doch sie ist jetzt in einer guten Balance mit den positiven Eindrücken.

Vorbei am Pferdehof genieße ich den Blick auf die Pferde und die Natur. Mein Auto kommt in Sicht und ich habe das Gefühl, es wartet schon sehnsüchtig. Die Messung sagt mir, dass ich sieben km geschafft habe. Nur 1000 Meter mehr als gestern. Ich lächle. Egal, was die Elektronik meint. Für mich waren es mindestens zehn Kilometer und ich fühle mich wieder gut. Fertig, doch gut. Mein Ziel für heute ist erreicht.

Erfahrungen helfen uns in der Zukunft

Wind Joggen

Während ich verschnaufe überdenke ich meine letzte Passage. Auch bei unseren Zielen im Leben kann es passieren, dass der Gegenwind zum Rückenwind wird und uns auf schwierigen Passagen hilft. Und die Windhose, die mich aus den Gedanken geführt hat?

Wir sollten bei all unserem Streben niemals vergessen, auch mal rechts und links zu schauen und zu genießen. Das Leben stellt uns die Proben , die wir auch bewältigen können. Angepasst an uns, wie ein maßgeschneiderter Anzug. Wichtig ist zu lernen die Zeichen richtig zu deuten und dem Ziel zu folgen – und dankbar Verschnaufpausen anzunehmen. Ein weiser Kopf hat einmal gesagt:

Das Leben ist schön! Von einfach war nie die Rede!

Und morgen? Ja morgen werde ich mir vielleicht wieder das Sportzeug anziehen!

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