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Wiederverzauberung

Politischer Paradigmenwechsel

Die Eroberungszüge Napoleons und der Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verursachten allseits einen Paradigmenwechsel. In Abgrenzung zur „Grande Nation“ Frankreich begreifen Schiller und Novalis Deutschland als „Kulturnation“. Der Blick wendet sich zur Vergangenheit vom Individuellen zum Kollektiven. Nun wird nach dem „Volk“, seinem Geist, seinen Wurzeln Ausschau gehalten. Geschichtsforschung und Mythologie gewinnen an Bedeutung. Es ist die Zeit der „Heidelberger Romantik“ (1804–1809), in der man Märchen, Mythen und Volkslieder sammelt. Diese Volkspoesie bildet die Grundlage für eine patriotischnationale Anti-Napoleon-Propaganda.

Romantik

Der anfangs verklärte Revolutionär ist nun gehasstes Feindbild. Das negativromantische Empfinden steigert sich zu verstörenden Vernichtungsfantasien (Kleist). Erstmals wird die zerstörerische Kraft des Romantischen erkennbar, speziell in der Politik. Kurz nach Napoleon endet die Epoche der Romantik. Die politische Restauration verbietet alle Höhenflüge. Es ist die Zeit des Biedermeier. In Malerei (Caspar David Friedrich) und Musik (Schumann) lebt die Romantik noch fort. Von neuen Denkern wird sie auf die Erde geholt. Karl Marx fordert jetzt die praktische Verwirklichung der Ideale. „Romantiker“ wird zum Schimpfwort. Es geht fortan darum, Partei zu ergreifen. Die geistige Revolution der Romantiker wird zur politischen.

Linke und rechte Gehirnhälfte

Romantik

War die Romantik, diese „deutsche Affäre“, wie sie der Buchautor Rüdiger Safranski nennt, damit tot? Als historische Epoche ja, als geistige Kraft nein. Das Romantische sollte noch mehrfach hervorbrechen, als Aufschrei der Seele, der intuitiven rechten Gehirnhälfte gegen die Dominanz der linken. Tieck und E.T.A. Hoffmann hatten früh das Gerade und Abgezirkelte kritisiert. Wo das Krumme, das Verwinkelte verschwindet (Gärten, Straßen), gibt es keine Überraschung mehr, keinen Reiz, nur Monotonie, Langeweile, Leere.

„Man hat die Welt wie ein mechanisches, von selbst fortlaufendes Uhrwerk sich gehörig zurechtgestellt“,

formuliert es Eichendorff. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die empirisch-technischen Naturwissenschaften ihren Siegeszug erst angetreten. Bis ins 20. Jahrhundert, nein, bis heute sollte sich die Raserei des wirtschaftlich-technischen Fortschrittsglaubens ungehemmt fortsetzen – nicht ohne Gegenreaktion!

Wechselspiel der Archetypen

Romantik

1917 beschreibt der Soziologe Max Weber die durch Intellekt und Ratio eingetretene „Entzauberung der Welt“. Alles war rational und rationell, also irgendeiner materiellen Nützlichkeit unterworfen, der moderne Mensch entmenschlicht. Nichts blieb heilig. Den Gegenpol zu diesem „stahlharten Gehäuse der Moderne“ konnte, wie schon ein Jahrhundert zuvor, am besten die Natur bieten. So entstanden vielfältige romantische Strömungen, beispielsweise jene der „Wandervögel“ oder der „Lebensreformer“. Sie suchten nach alternativen Lebens- und Wirtschaftsmodellen. Noch tiefgründiger und umfassender hatte sich bereits 1874 Richard Wagner eingebracht. Mit dem „Ring des Nibelungen“ schuf er eine neue Mythologie. Sein Traum war ein alle und alles vereinigendes „Gesamtkunstwerk“ als Gegenentwurf zum geistlosen Egoismus der  zersplitterten Gesellschaft. Das Zelebrieren von Kunst im eigenen Musentempel wurde beinahe religiös. Mit Absicht: Der Generalangriff auf alle Sinne sollte ein mythisches und mystisches Erwecken des Publikums entfachen.

Götterdämmerung

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus gelangte der Widerstreit von Rationalem und Irrationalem schlussendlich zum siedenden Höhepunkt puren Wahns. Die naturnahe Idylle der ursprünglichen Romantiker taugte freilich wenig für die Zwecke der NS-Ideologen. Sie war ihnen zu individualistisch, zu mütterlich, zu kosmopolitisch. Stattdessen forderte Goebbels eine technikbegeisterte „stählerne Romantik“ als Ansporn zu heroischen Taten. Der damit entfachte Weltenbrand hatte am Ende nichts Romantisches mehr …

Lehren aus der Geschichte?

Romantik

1945 war ein Jahr vollständiger Ernüchterung. Die schnörkellose Sachlichkeit der Wiederaufbaujahre spiegelte sich in der Architektur. „Wunder“ erlebte nur noch die Wirtschaft. Ansonsten war alles Idealistische und Romantische tabu. Umso überraschter war die bürgerlich geordnete Welt, als dann der sozialromantische Sturm der 68er über sie hereinbrach. Tatsächlich nichts gelernt!

Das 21. Jahrtausend beginnt höchst unromantisch und auf abgründige Art doch „romantisch“. Die Terroranschläge von New York werden endlos durch alle Medien gedroschen, bis der Mythos „9/11“ entsteht. Der US-Präsident erklärt fremde Mächte zum „Reich des Bösen“ und begründet ein Ministerium zum Schutz der „Heimat“.

Gleichzeitig rufen die Zauberwelten eines Harry Potter globale Begeisterung hervor. Mit „Fantasy“ und „Gaming“ entstehen weitere romantische Fluchtmöglichkeiten aus einer überrationalisierten Welt. Im Kino sind die Verschwörungsgeschichten von Dan Brown so populär wie 200 Jahre zuvor die Geheimbundromane. Und wer´s lieblicher wünscht, liest ganz naturverbunden „Land“-Zeitschriften. Kurzum: Das Romantische ist nicht totzukriegen.

Romantik 2.0 – Appell zur Harmonie

Romantik

Und das ist auch gut so. Der Mensch kann nur heil werden, wenn er Verstand und Gefühl, Intuitives und Rationales harmonisch verbindet. Andernfalls droht ein eruptives Hervorbrechen des Verdrängten – Apokalypse. Der Astrologe Döbereiner hat oftmals darauf hingewiesen. Der Mechanismus ist einfach und zwingend: Wenn wir Menschen Neptun, das Transzendente, das uferlose Mystische nicht in unser Leben integrieren, so kommt Mars als Rächer des ungelebten Neptun. Doch Kriegsgott Mars ist bloß die Warnung. Gänzlich Unbelehrbare erwartet am Ende Pluto-Hades, der Unterweltsherrscher, jener Abgrund, der alles verschlingt. Romantik in ultimativer Form.

Betrachten wir die zentralen Elemente unserer Gesellschaft (Wissenschaft, Religion, Kunst, Politik). Wir leben heute gefährlich nahe am plutonischen Korrektiv. Turbokapitalismus, Materialismus, Technik, Kommerz, Konsum haben den Menschen bis zum Ersticken vereinnahmt. Deutsche Versicherungsmentalität obendrein verspricht alles Unvorhersehbare zu verdrängen. Kein Platz für Romantik.

Der Teufel lacht. Ihn braucht man nicht mehr an die Wand zu malen. Er ist schon da. Die Wissenschaft gebärdet sich wie Dr. Faustus. Sie versklavt Menschen mithilfe Mikrochips und transplantiert demnächst Köpfe. Junge Techniker im Silicon Valley erliegen kruden Allmachtsfantasien. Im Religiösen hat der Totenkult bereits Einzug gehalten: täglich ein Selbstmordattentat. Alt und Jung tragen den Sensenmann am T-Shirt. In der Politik marschieren die Zombies von gestern.

Und die Kunst? Keine Ahnung, aber der Erhebung des Menschen, seiner Veredelung im Sinne Schillers und der Schönheit dient sie wohl kaum noch. Nun denn, wollen wir beginnen, wirklich aus der Geschichte zu lernen?

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