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Symbol

Im Advent schmückt ein Adventkranz unsere Wohnungen, zu Weihnachten ein Christbaum; zu Ostern färben wir Eier und schenken uns Hasen – am liebsten aus Schokolade; am 1. Mai wird ein Maibaum aufgestellt, zum Fasching verkleiden wir uns, an Geburtstagen essen wir Torten und zu Neujahr einen Sauschädel. Außerdem schütteln wir uns zur Begrüßung die rechten Hände, tragen Eheringe und zünden unseren Verstorbenen ein Licht an. Symbole sind also in unserem Alltag allgegenwärtig.

Doch welche Bedeutung haben all diese Symbole? Vor allem wozu braucht sie der Mensch?

An den Ufern der großen kanadischen Seen leben bis heute einige Stämme der Ojibway-Indianer. Über Jahrhunderte stellten sie fest, dass die ersten drei Monate des Jahres ohne Gewitter vergehen. Im April ist dann der Donner zum ersten Mal zu hören. Die Donnertage steigern sich bis zum Juli, um dann wieder abzunehmen und schließlich im Oktober zum letzten Mal Gewitter zu bringen. Gleichzeitig mit den Donnertagen kommen die Zugvögel aus dem Süden und verschwinden mit den Gewittern im Oktober, weshalb sie die „Donnervögel“ genannt wurden.

Wir belächeln heute solche Bezeichnungen, denn schließlich sind Meteorologie und Ornithologie (Vogelkunde) zwei komplett verschiedene Wissenschaften, und Zugvögel haben mit dem Donner nichts zu tun. Früher nannten wir solche Völker primitiv, heute vorwissenschaftlich. Damit jedoch sind wir auf einem doppelten Holzweg: erstens wissen auch die Ojibway, dass die Donnervögel nicht die Ursache der Gewitter sind, aber es gibt eine offensichtliche Nähe der beiden Phänomene, was den Begriff rechtfertigt. Zweitens gibt es keinen Entwicklungs- geschweige denn Fortschritt vom Weltbild der Ojibway zu einem wissenschaftlichen Weltbild, sondern es sind grundsätzlich zwei verschiedene Betrachtungs- und Verhaltensweisen, die der Mensch gegenüber der Welt einnehmen kann.

Was unseren wissenschaftlichen Augen als untaugliche Wetterkunde erscheint, ist in den Augen der Ojibway einfach eine Ordnung der umgebenden Welt aus der gelebten, praktischen Erfahrung. So wie sich bei unseren bäuerlichen Traditionen gelebte Erfahrungen von Anbauformen oder Wetterkunde ergeben, die dem Agrarwissenschaftler verborgen bleiben. Dieser verlässt sich lieber auf Pestizide als auf das Anbauen zu einer bestimmten Mondphase oder von Zusatzpflanzen, um Schädlinge fernzuhalten.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen suchte der Mensch den Sinn und die Ordnung der Dinge.

Immer wurde der chaotischen Vielfalt der Welt eine Ordnung gegeben und den Phänomenen eine Ursache und ein Sinn zugeschrieben. Und diese Ordnung und Sinngebung funktioniert durch das Symbolisieren. Großartig wird dies vom Philosophen Ernst Cassirer in seiner Philosophie der symbolischen Formen dargestellt.

Symbole schaffen Sinn.

Nach Cassirer ist Kultur die Art und Weise, wie der Mensch durch Symbole Sinn erzeugt. Symbole entstehen also stets in Verbindung zur Sinnlichkeit, haben aber einen Sinn, der über sie hinaus weist. Bleiben wir beim sinnlichen Phänomen von Blitz und Donner: Die alten Griechen schrieben dieses Phänomen dem Gott Zeus zu. Die Etrusker entwickelten aus den Blitzen hochkomplexe Prophezeiungen, für unsere heutige Wissenschaft handelt es sich um elektrostatische Entladungen. Cassirer bezeichnet Mythologie, Sprache, Wissenschaft, Religion und Kunst als gleichwertige symbolische Formen. Der Blitz als elektrostatische Entladung enthüllt uns nicht mehr und nicht weniger über Sinn und Bedeutung dieses Phänomens als der blitzeschleudernde Zeus.

Kehren wir zu einem Beispiel des Anfangs zurück: warum stellen wir zu Weihnachten einen lichtergeschmückten Nadelbaum auf? Der immergrüne Baum als Symbol des ewigen Lebens in der dunkelsten Zeit des Jahres? Die Lichter als Symbol der Wiedergeburt der Sonne zur Wintersonnwende? Der Baum ist nun kein einfacher Baum mehr, er repräsentiert das Leben. Die Lichter dienen nicht einfach zur Produktion von Helligkeit, sondern repräsentieren die wiedergeborene Sonne. Das Symbolisieren enthüllt uns das Unsichtbare im Sichtbaren, enthüllt uns den im Sichtbaren verborgenen unsichtbaren Sinn.

Ohne die Fähigkeit des Symbolisierens bleiben wir bei der oberflächlichen und funktionalen Bedeutung der Dinge, ähnlich wie die Tiere. Tiere sammeln Zweige, um ihren Unterschlupf auszupolstern, der Mensch jedoch kann daraus einen Adventkranz formen, einen Kreis aus immergrünen Zweigen, was wiederum das Leben ohne Anfang und Ende symbolisiert.

Daher ist für Cassirer der Mensch ein homo symbolicus.

Der Mensch wird nicht zum Menschen durch die Fähigkeit, Werkzeuge zu schaffen, sondern durch die Fähigkeit des Symbolisierens Sinn und Bedeutung zu schaffen. Der Mensch ist das einzige Wesen der Natur, das existiert und seiner Existenz einen Sinn verleihen kann – dank des symbolischen Denkens. Wenn der Mensch bzw. eine ganze Kultur das symbolische Denken verliert, wir also den Dingen der Welt keinen Sinn mehr verleihen können, wird schließlich das ganze Leben sinn- und bedeutungslos.

Woher kommen die Symbole?

Zunächst erkennen wir, dass den Symbolen der verschiedenen Völker und Kulturen eine Tradition von Mythen und Legenden zugrunde liegt. Diese Traditionen sind oft so stark in einem Kollektiv verankert, dass sie selbst durch eine neue religiöse oder wissenschaftliche Struktur nicht zum Verschwinden gebracht werden können. So zum Beispiel war das Ereignis der Wintersonnwende mit seiner Symbolik des Lichtes so stark in den keltisch-germanischen Traditionen Europas verwurzelt, dass das neu entstehende Christentum das Weihnachtsfest und die Geburt von Jesus schließlich auf dieses Datum legen musste. Vielfach wurden heidnische Traditionen einfach mit christlichen Symbolen überlagert.

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