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Platon, Leuchtturm

387 v.Chr., also genau vor 2400 Jahren, gründete Platon jene Institution, deren Bestimmung es schließlich war, mit Philosophie, Wissenschaft und ihrem menschlichen und politischen Reformprogramm in die gesamte griechische Welt und bis in die Neuzeit hineinzuwirken. Dabei beschritt man in der Akademie einen zweifachen Weg: die Erziehung und Ausbildung des Menschen über Tugend und Wissenschaft, um so die Gesellschaft zu einem gerechteren und harmonischeren Zusammenleben zu inspirieren.

Angesichts der Bedeutung der Akademie ist es ein Rätsel, warum selbst die griechische und römische Welt so wenig über das Leben in dieser Schule der Philosophie zu Platons Zeit weiß und berichtet. Woher kommt diese Informationslücke? Platon wusste von der Gefahr, der die Philosophen immer ausgesetzt waren. Schon die Schule von Pythagoras wurde vom aufgehetzten Mob zerstört. Sein geliebter Meister Sokrates wurde wegen seines angeblich verderblichen Einflusses auf die Jugend sowie Missachtung der Götter zum Tode verurteilt. Verordnete Platon aus diesem Grund seinen Schülern Geheimhaltung über ihre philosophische Praxis und ihre geistigen Übungen, um sich nicht ähnlichen Gefahren auszusetzen?

Geprägt von den Erlebnissen, Erkenntnissen und Erfahrungen einer mehrjährigen Reise nach Ägypten und Sizilien kam Platon 387 v. Chr. nach Athen zurück und gründete die Akademie auf einem Grundstück, das an den Garten des Helden Akademos angrenzte. Der Name des Hains wurde alsbald auf die Schule übertragen und ihre Schüler nannten sich Akademiker.

Das Leben in der Akademie

Platon, Saulen Akademie

Dikaiarchos, ein Schüler von Aristoteles, erwähnt in seiner Beschreibung des Lebens in der Akademie, dass ihre Mitglieder als eine Gemeinschaft freier und gleicher Männer lebten und dabei gleichermaßen Tugend und gemeinsame Forschung anstrebten. Die fortgeschritteneren Schüler übernahmen dabei Lehr- und Forschungsaufgaben. Der Unterricht war kostenlos, und es galt ein für damals unübliches Prinzip der Gleichberechtigung der Lernenden unabhängig von Abstammung und sozialem Rang. Vielmehr gab es eine Unterscheidung der Schüler auf  Basis des philosophischen Fortschrittes in „ältere“ und „jüngere“ Mitglieder. Auch die Aufnahme von Frauen in der Akademie zeigt Platons fortschrittlichen Geist, der sich von gesellschaftlichen Konventionen löste und alle interessierten und begabten Seelen gleichermaßen förderte.

Die Schulmitglieder verstanden sich als Lebensgemeinschaft. Neben dem Unterricht und den wissenschaftlichen Arbeiten gab es auch gemeinsame Mahlzeiten, Symposien und Feste. Forschung und Lehre waren bis zu einem gewissen Grad frei, da Platon eine dogmatische Festschreibung seiner Lehre ablehnte. Einzelne Lehrmeinungen, die Platons Ideen widersprachen, konnten in der Akademie vertreten werden. Die Lehrenden und Lernenden teilten aber Platons Grundüberzeugungen. Wenn das nicht mehr der Fall war, wie bei Aristoteles, verließ der Schüler die Akademie.

Eine von den Pythagoreern inspirierte Neuerung für die attische Philosophie war die Idee, dass die Schule nicht von der Präsenz des Gründers abhing, sondern nach seinem Tod fortbestand. Leiter der Schule war als Nachfolger Platons der Scholarch, der von den Schülern auf Lebenszeit gewählt wurde.

Warum eine Schule der Philosophie?

„Lang ist der Weg über Belehrung, kurz und wirksam durch Beispiele“
Seneca

Platon wollte nicht nur Bücher schreiben, sondern Kenntnisse vermitteln und informieren. Sein wichtigstes Anliegen bestand darin, einen philosophischen Lebensstil zu übertragen. Das Mittel der Wahl dazu war die Lebensgemeinschaft der Philosophen.

Platon, Akademie

Platon beschreibt die Situation der Menschen in seinem Höhlengleichnis. Diese sind gefangen in einer Welt der Unwissenheit. Ohne Kenntnis ihrer wahren Identität und ohne Verständnis ihrer Aufgabe wetteifern sie um nichtige und flüchtige Errungenschaften wie Macht, Besitz und die Erfüllung ihrer Wünsche. Das wirkliche Sein des Menschen besteht hingegen in seiner unsterblichen Seele, die wie ein Funke aus dem göttlichen Feuer entsprungen ist. Die Verwirklichung dieses Seins erlangt, wer zu den Ideen, den ewigen Werten des Guten, Gerechten, Wahren und Schönen vordringt. Diese befinden sich außerhalb der Höhle und stellen eine höhere Wirklichkeit dar. Um den Weg aus der Höhle zu beschreiten, reicht es dabei nicht aus, diese Werte zu erkennen und zu verstehen. Es geht darum, Tugenden zu entwickeln, d. h., diesen Werten entsprechend zu handeln. Dieser Aufstieg ist eine Katharsis, ein Prozess der Reinigung, bei dem der Mensch seine äußeren Schlacken wie Unwissenheit und Untugenden zurücklässt. Sein inneres göttliches Licht kommt dadurch zunehmend klarer zum Vorschein.

Diese Erziehung zum wirklichen Mensch-Sein war der Zweck der Akademie. In seinem Siebten Brief erklärt Platon, dass er über seine wirkliche Philosophie niemals eine Schrift verfasst hat und es auch nicht tun werde. Er beschreibt sein wirkliches Bestreben als eine Lebensweise, die nicht wie anderes Wissen formuliert werden könne,

„… sondern indem es, vermöge der langen Beschäftigung mit dem Gegenstande und dem Sich-hinein-Leben, wie ein durch einen abspringenden Feuerfunken plötzlich entzündendes Licht in der Seele sich erzeugt und dann durch sich selbst Nahrung erhält.“

Im Symposion beschreibt Platon, dass die fruchtbare Seele nur durch den Austausch mit einer anderen Seele etwas befruchten kann. Dazu braucht es lebendige Gespräche und tägliche Unterredung, was ein gemeinsames, auf geistige Ziele hin organisiertes Zusammenleben voraussetzt.

Die geistigen und praktischen Übungen

Platon Akademie

Eine wichtige Rolle spielte wie in den pythagoreischen Schulen die Mathematik und die Geometrie. Die Ausbildung der Schüler zielte dabei vermutlich weniger auf das Beherrschen von Rechenoperationen. Durch diese Disziplinen sollte der menschliche Geist von der durch die Sinne wahrgenommenen Welt zur Welt der Ideen, also zur Wirklichkeit, erhoben werden. Für Platon wie für seinen Meister Sokrates war es entscheidend, regelmäßig sein Bewusstsein aus den alltäglichen Themen und Problemen der „Höhle“ herauszuheben und sich dem Ewigen zuzuwenden. Aus dieser übergeordneten Perspektive sollte der Philosoph regelmäßig reflektieren, ob er entsprechend seinen höchsten Werten lebt und dann die entsprechende Anstrengung auf sich nehmen, um seine Fehler und Untugenden zu korrigieren.

Wie Platon es auch in seiner Politeia einforderte, hatten dialektische Übungen ihren festen Platz im Unterricht der Akademie. Dabei wurde eine These aufgestellt in der Art: „Kann die Tugend gelehrt werden?“ Einer der Schüler hatte die Aufgabe, diese These anzugreifen, der andere, sie zu verteidigen. Platon war bewusst, dass solche Diskussionen nur allzu leicht in ein sophistisches Streitgespräch münden können, wo es nur mehr darum geht, recht zu haben und den Gegner rhetorisch zu besiegen. Aus diesem Grund ist die platonische Dialektik keine rein logische, sondern eine geistige Übung, die von den Gesprächspartnern eine Askese verlangt: Es geht nicht darum, dem anderen seine Sichtweise aufzuzwingen, sondern um eine gemeinsam unternommene Anstrengung, sich einer Wahrheit anzunähern, die über den Standpunkten beider Kontrahenten liegt. Der platonische Dialog lehrt daher, sich in den anderen zu versetzen und dabei den eigenen Standpunkt zu überwinden, zu erhöhen und zu bereichern.

Platon Dialog

Die dialektische Annäherung an die Wahrheit unterscheidet eine Schule der Philosophie von einer Religion. Religionen vermitteln Wahrheiten meist dogmatisch und es wird oft gefordert, diese zu glauben, ohne sie zu hinterfragen. Der philosophische Diskurs fordert hingegen den Menschen auf, echte und falsche Wahrheiten zu hinterfragen, selbst zu forschen und eine Sache aus allen Gesichtspunkten zu beleuchten. Danach folgt die bewusste Entscheidung: diese „Wahrheit“ zu verwerfen oder sie aus eigener Reflexion und Überzeugung zu übernehmen – und – danach zu leben.

Platon fasste auch das Denken als eine Art Dialog auf. Im besten Sinne verstanden ist es „das innere Gespräch der Seele mit sich selbst.“ Vermutlich war es deshalb auch eine regelmäßige Übung in der Akademie, sein Denken von negativen Aspekten zu reinigen und in diesen fruchtbaren inneren Dialog mit der Seele zu treten.

Die philosophische Lebenswahl

Platon Akademie Tugenden

Als einst ein alter Mann Platon erzählte, dass er die Vorlesungen über die Tugend besucht hatte, fragte er diesen Zuhörer:

„Und wann willst du anfangen, tugendhaft zu leben?“

In der Akademie konnte und sollte man lernen, auf philosophische Art und Weise zu leben, von materiellen Interessen frei sich dem Studium und der Forschung widmen, in bewussten Gegensatz zum sophistischen Geist des Profits.

Heutzutage denken wir bei Philosophen eher an Menschen, die langatmig analysieren und argumentieren und über intellektuelle Fertigkeiten verfügen. Für Platon hingegen hatte das Wort Philosophie noch seine eigentliche Bedeutung: „Liebe zur Wahrheit“. Die Liebe motiviert den Menschen zur Handlung. Sie lenkt unsere Interessen auf das geliebte und ersehnte Objekt, in diesem Fall zur Wahrheit und Weisheit. Also weg von flüchtigen Vergnügungen hin zu edleren und wahrhaftigeren Bestrebungen. Der Philosoph soll lernen, sein Leben nicht nach den Wünschen des Körpers auszurichten, sondern nach den Bedürfnissen seiner Seele. Was die Seele nährt ist das Gerechte, das Gute, das Wahre und das Schöne.

Der Philosoph, dessen Interesse hauptsächlich der Tugend und der Weisheit gelten, reinigt dadurch seine Intelligenz vom Makel des Egoismus und anderen fremden Elementen. Er reinigt seine gesamte Natur, was ihn zu geistiger Reife und Unabhängigkeit führt. Er löst sich von den Fesseln der Vergangenheit, ist weniger beladen von Schuld und Fehlern und insgesamt glücklicher. Glück darf dabei nicht mit Vergnügen verwechselt werden. Glück kommt ganz natürlich aus der Reinheit des Geistes und des Herzens. Man braucht es nicht suchen.

Der historische Einfluss der Akademie

Platon Dialoge

Die Transformation zu besseren und gerechteren Menschen war für Platon das einzige Mittel zu einer Transformation der Gesellschaft. Man darf sich daher die Akademie nicht als eine abgeschiedene oder beschauliche Insel vorstellen, sondern die Schüler waren angehalten, sich in der Gesellschaft zu engagieren und an der Verbesserung der Gesellschaft mitzuarbeiten.

Platon selbst reiste drei Mal nach Sizilien, um Syrakus von einer Diktatur in einen gerecht regierten Staat umzuwandeln. Die Tragödie des maßgeblich daran beteiligten Dion, der zugleich Platons Freund und Schülers der Akademie war, ist eindrucksvoll im Siebten Brief dargestellt. Zahlreiche Schüler der Akademie haben eine politische Funktion übernommen, ob als Berater der Herrschenden, als Gesetzgeber oder als Gegner der Tyrannis. Ein anderer Schüler der Akademie, Aristoteles, wurde Erzieher von Alexander dem Großen, der in seinem Reich die Gleichberechtigung der Perser mit den Griechen einforderte und durchsetzte. Dadurch wurde er zum Vorreiter der Idee eines Weltbürgertums, die dann im Römischen Reich zur Entfaltung kam.

Die Akademie hatte durch die Qualität ihrer Mitglieder und die Vollkommenheit ihrer Organisation eine beträchtliche Auswirkung auf ihre Epoche ebenso wie auf die Nachwelt. Mit ihrer fast 1000-jährigen Geschichte war sie die bedeutendste philosophische Institution der europäischen Geschichte. Unzählige Schüler wurden in ihr zu Mathematikern und Astronomen, zu Ärzten, Künstlern oder Politikern ausgebildet, die daran arbeiteten, die Geschichte positiv zu beeinflussen. Ihre Mitglieder traten nicht durch politische Revolutionen hervor, sondern durch ein oft bescheidenes und nachhaltiges Wirken, mit dem sie die Gesellschaft verbesserten.

Platon Akademie

Gleichzeitig wurde die Akademie auch zur Inspiration für viele weitere Schulen der Philosophie, die in klassischer Zeit in Griechenland und im Römischen Reich entstanden sind, nicht zuletzt jene der Stoiker. Der humanistische und zivilisatorische Einfluss der Akademie war so beeindruckend, dass manche Historiker den Beginn des Mittelalters nicht mit dem Untergang des (West-)Römischen Reiches ansetzen, sondern mit der Schließung der platonischen Akademie durch Justinian um 529 n. Chr.

Der Ruf der Akademie erreichte selbst noch den Beginn des 2. Jahrtausends, wo die „Schule von Chartres“ diese platonische Tradition wieder aufnahm und zu einer der Inspiratoren der gotischen Revolution des Hochmittelalters wurde. Einen weiteren Gipfel erreichte der platonische Geist in Florenz, wo die platonische Akademie im 15. Jh. neu erstand. Sie beherbergte Philosophen wie Pico de la Mirandola oder Marsilio Ficino, Künstler wie Michelangelo und Leonardo da Vinci und wurde zur maßgebenden Gestaltungskraft der Renaissance und des Humanismus, die bis in unsere Gegenwart hinein wirkt.

Interessiert, was Platon noch über die Liebe, über die Seele sagt? Und wie die Angst vor dem Leben überwinden werden kann? Heribert Holzinger, der Autor dieses Artikels erarbeitet diese Themen mit anderen Vortragenden  in unserer nächsten Veranstaltung. Ein Workschop mit praktischen Übungen.

About The Author

Heribert Holzinger ist seit 25 Jahren Autor, Vortragender und Seminarleiter im Bereich praktische Philosophie. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der Anthropologie, Symbologie und der platonischen Philosophie. Als praktischer Philosoph leitete er über 10 Jahre den Treffpunkt Philosophie in Innsbruck und war in den 2000er-Jahren Mitinitiator und Ausbildungsleiter von GEA, einer Initiative für Aktive Ökologie in Österreich. Seit 2008 liegt sein Lebensmittelpunkt in München. Beruflich ist er Seminarleiter im Bereich der Lebenskompetenzförderung, Suchtprävention und in verschiedenen Themen der Persönlichkeitsentwicklung wie Kommunikation, Konflikttrainings und der Erlebnispädagogik. Sein Motto: „Sei mutig! Selbst wenn du es nicht bist - dann gib vor, es zu sein. Keiner wird den Unterschied bemerken.“

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