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Charakterbildung

Charakterbildung in den antiken Philosophieschulen

Philosophische „Exerzitien“ sind Übungen des Alltags, bei denen man jederzeit und überall theoretische Lehren in der täglichen Praxis ausprobiert. Aus dem lateinischen Exercitium – Übung abgeleitet, waren die „Exerzitien“ Teil des täglichen Lebens und des traditionellen mündlichen Unterrichts in den antiken Philosophenschulen. Ziel war – und ist es heute – das Leben zum Übungsfeld zu machen und jeden Tag philosophische Lehren anzuwenden, wodurch man tiefer, freier und vor allem bewusster lebt.

Die philosophische „Ars Vivendi“ stellte eine permanente Übung dar; man konzentrierte sich auf jeden Moment des Alltags und wurde sich seines einzigartigen Wertes bewusst, man lebte in der Gegenwart. Mittels der „Vogelschau“ erhob man sich über die Dinge, betrachtete alles aus der Perspektive des Kosmos und wurde von den Gesetzen des Lebens inspiriert, wodurch sich die Sorgen und Probleme relativierten. Und schließlich war sich der Philosoph immer seiner sozialen Verantwortung bewusst, seinem Verhältnis zu den Mitmenschen.

Charakterbildung

Heute denkt man häufig, dass die antike Philosophie eine Flucht in die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung war. Das Gegenteil war der Fall. Die antike Philosophie wurde immer in einer Gemeinschaft praktiziert, deren Mitglieder zusammen forschten und studierten, sich gegenseitig halfen und geistig-seelisch unterstützten. Außerdem nahmen die Philosophen immer ihre Verpflichtung als Bürger der Städte, in denen sie lebten, wahr. Sie wirkten auf das Gemeinleben ein, versuchten die Gesellschaft zu ändern und ihre Mitbürger zu unterstützen. Sie waren „Volunteers“ der Antike, die sich in den Dienst der Gemeinschaft stellten und danach trachteten, möglichst gerecht zu handeln.

Das philosophische Leben bringt – damals wie heute – eine innere Verpflichtung mit sich, als Vorbild zu wirken. Der Philosoph soll von der Vernunft geleitet sein, er darf sich nicht durch Zorn, Groll und Vorurteile blenden lassen oder angesichts von Schicksalsschlägen die Fassung verlieren. Er versucht innere Seelenruhe zu bewahren, auch angesichts von Ungerechtigkeiten, Leid und Elend der Menschheit. Seine schöne und schwere Aufgabe besteht darin, in allen Lebenslagen eine Gelegenheit zu sehen, seinen Charakter zu formen und Weisheit und Gelassenheit zu erlangen.

Übungen zur Charakterbildung

Charakterbildung

Sind Sie neugierig geworden? Betrachten wir nun einige Übungen zur Charakterbildung näher, denn man kann seine Psyche genauso trainieren wie den Körper. Viele Menschen gehen regelmäßig ins Fitnessstudio oder betreiben verschiedene Sportarten, um beweglich zu bleiben, den Kreislauf zu trainieren und Kondition aufzubauen. So wie wir uns körperliche Ziele setzen, z.B. etwas weiter zu laufen, oder einen höheren Berg zu erklimmen, so können wir uns auch bei den geistigen Übungen bewusste Vorgaben machen.

Selbstbeherrschung

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  • Wenn ich Charakterfehler überwinden möchte, kann ich mir vornehmen, für eine gewisse Zeit nicht über abwesende Personen zu lästern oder ordentlicher zu sein.
  • Wer jähzornig und leicht aufbrausend ist, könnte versuchen, mindestens ein Monat sein Temperament zu zügeln. Gelingt es, kann man den Zeitraum erweitern, aber nicht ohne sich vorher über den Erfolg zu freuen! Oft sehen wir nur das vor uns, was wir noch erreichen wollen, nicht aber das Vollbrachte.

    „Wenn du nicht jähzornig sein willst, so bleib den ersten Tag in Ruhe; und zähl die Tage, an denen du nicht zornig wurdest. Wenn du dreißig Tage ohne Zorn hinter dir hast, bringe dem Gott ein Dankopfer!“ – Epiktet.

Die Selbstbeherrschung und das Heilen der Seele von zu starken Affekten waren Seneca ein Anliegen. Und Zenon, der Begründer der Stoa, lehrte, dass Affekte vernunftlose, naturwidrige, das Maß überschreitende Triebe seien. Jeder Mensch habe es in der Hand, sich ihnen auszusetzen oder sie zu zügeln. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass ein Zornausbruch, tiefe Niedergeschlagenheit oder versteckter Groll uns selbst am meisten schaden. Diese starken negativen Gefühle vergiften unsere Seele und kosten Kraft.

Die Übung zur Charakterbildung besteht darin,

  • sich die Ursachen für die heftigen Emotionen bewusst zu machen,
  • ehrlich mit sich selbst zu sein, und
  • an den eigenen Einstellungen und Denkmustern zu arbeiten.

Tagesrückschau

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Das gelingt oft nicht im Moment des Affekts, sondern erst nach einiger Zeit, deshalb haben die Philosophieschulen eine Tagesrückschau empfohlen, wo man mit einiger Distanz die Ereignisse des Tages reflektiert, seine Schlussfolgerungen daraus zieht und eine Strategie für zukünftige ähnliche Situationen erarbeitet. So bekommt man mithilfe der Vernunft Distanz zu den negativen Emotionen. Dies dient der psychischen Hygiene, man befreit sich so vor dem Schlafengehen von negativen Emotionen und tritt gereinigt in das „transzendente Bewusstsein“ des Schlafes ein.

„Was kann es Schöneres geben, als diese Gewohnheit, den ganzen Tag zur Prüfung an sich vorbeiziehen zu lassen? Und was für ein Schlaf folgt auf diese Selbstschau? Wie ruhig, wie tief und frei, wenn die Seele entweder ihr Lob oder ihre Mahnung erhalten hat und als ihr eigener geheimer Beobachter und Richter sich Rechenschaft gegeben hat über ihr sittliches Verhalten.“ – Seneca.

Seneca ärgerte sich am meisten über Fehler, die er schon erkannt hatte und nicht mehr machen wollte. Im Selbstgespräch ermahnte er sich:

„Sieh zu, dass du das nicht weiterhin tust! Für heute verzeihe ich dir! In jener Debatte hast du zu eigensinnig deinen Standpunkt vertreten. Lasse dich in Zukunft nicht mit ungebildeten Menschen ein. Nicht lernen will, wer nie gelernt hat. Den dort hast du rücksichtsloser kritisiert, als du gedurft hättest. Darum hast du ihn nicht gebessert, sondern beleidigt … Meide gemeinen Umgang, denk daran!“

Natürliche, kosmische Sichtweise

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Die Stoiker waren der Ansicht, das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie versuchten, materielle, vergängliche Güter zu erlangen und zu bewahren oder Übel zu vermeiden, die oft unvermeidlich sind. Ihre Philosophie lehrt deshalb, nur das erreichen zu wollen, was man erlangen kann und nur das zu vermeiden suchen, was sich auch vermeiden lässt. Das sind einzig und allein das moralisch Gute und das moralisch Schlechte. Nur hier können wir frei entscheiden. Alles andere, physischer Besitz, Ansehen, das Schicksal … unterliegen der notwendigen Verkettung von Ursachen und Wirkungen, die außerhalb unserer Willensfreiheit sind.

Die Übung zur Charakterbildung fordert, von einer „menschlichen“ Sichtweise der Realität, bei der wir die Dinge emotional bewerten, zu einer „natürlichen, kosmischen“ Sichtweise zu kommen, wo jedes Ereignis in die Perspektive der Allnatur rückt. Hier beobachten wir das Gesetz von Karma – Ursache und Wirkung – auch in Bezug auf unser Leben. Die Aufgabe besteht nun darin, mit der Vernunft die Emotionen zu kontrollieren und die Gelegenheit zu nützen, dasAnhaften“ an dieser Welt zu überwinden.

Wie Sie sehen, kann man den ganzen Tag über – jederzeit und überall – Philosoph sein. Man lebt intensiver, indem man sich immer und jederzeit beobachtet und erprobt. Jede Situation ist eine Gelegenheit zur charakterlichen Vervollkommnung – im Dienste unserer eigenen Seele, unserer Mitmenschen und der Allnatur.

 

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About The Author

Gudrun Gutdeutsch leitet seit über 10 Jahren den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Seit 30 Jahren praktiziert sie Philosophie als Lebenskunst und ist als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig. Seit 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie". Außerdem wirkt sie als Trainerin (u.a. für das FREUNDE-Programm) und Fachberatung für Interkulturelle Pädagogik.

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