Bade dich frei
Wie du im Eis unabhängig von den Umständen wirst.
Der römische Kaiser Marc Aurel schlief wie seine Soldaten auf dem kalten Boden. Sehr zum Leidwesen seiner Mutter, die sich Sorgen um seine Gesundheit machte. Harte Arbeit, dürftige Nahrung, Abhärtung des Körpers im Kampf, Enthaltsamkeit, wenig und unbequemer Schlaf …
Für den Stoiker Marc Aurel war klar: „Wer sich für schlechte Zeiten rüstet, kann von diesen nicht überrascht werden.“
Waren die Stoiker deswegen unglücklich? Ganz im Gegenteil. Sie suchten ihr Glück im Unvergänglichen, in der Tugend, in den inneren Werten und den hohen Ideen. Durch die Unabhängigkeit von äußeren Umständen erlangten sie ein unvorstellbares Maß an Freiheit.
EINE FREIHEIT, DIE WIR GERADE DABEI SIND, ZU VERLIEREN
Schlechtes Wetter in unseren kostbaren Urlaubswochen? Die Laune ist dahin. Ein Schnupfen plagt unsere Nase? Sofort müssen Medikamente her, die sie wieder freimachen, denn behinderte Nasenatmung ist auch für eine Nacht unerträglich. Kopfschmerzen? Rasch eine Tablette. Gusto auf Schoko? Genügend Vorrat ist im Schrank. Draußen ist es kalt? Schnell die Daunenjacke her.
Wir haben das Maß der gesunden Abhärtung verloren. Dabei sind es gerade zwei Faktoren, die für den Erhalt der Gesundheit so kostbar sind: erstens die bewusste Reduktion von Nahrung für einen bestimmten Zeitraum und zweitens der Einsatz von Kältereizen.
Kältetraining erlebt gerade eine Renaissance. Solche Phasen hat es immer wieder gegeben. Kälte als Impuls für die Gesundheit ist keine neue Erfindung – ganz im Gegenteil.
Vor dem heutigen Kälte-Protagonisten „Wim Hof“ war es in den 1850er-Jahren Sebastian Kneipp, der den Kälte-Hype anführte. Doch auch Kneipp hat es nicht erfunden: Er lernte über die Heilkraft der Kälte sowohl von Vincenz Prießnitz als auch vom „Urvater der deutschen Wasserheilkunde“ Siegmund Hahn, der bereits 1732 ein Buch über die Heilkraft von kaltem Wasser veröffentlichte.
Im Gegensatz zu den großen Wasser-Heilanstalten, die im 18. und 19. Jahrhundert oft von Professoren gegründet und geleitet wurden, verbreitet sich der aktuelle Trend des Kältetrainings stark durch Influencer und über die sozialen Medien.
Beim Kaltbaden oder Eisbaden ist es egal, ob man sich in eine Wanne mit kaltem Wasser setzt oder sich einen hübschen Badeplatz in der Natur sucht. Man steigt ins Wasser, um eine bis zwei Minuten drinnen zu bleiben und dabei möglichst entspannt zu sein. Hilfreich dafür ist es, sich auf die Atmung zu konzentrieren und speziell die Ausatmung zu verlängern. Dabei geht es nicht um einen Wettbewerb – also möglichst lang drin zu bleiben –, sondern um den bewussten Schritt in das unangenehme Gefühl der Kälte und diese Empfindung dann bewusst und entspannt wahrzunehmen.

WER SOLLTE VOM KALTEN BAD ABSEHEN?
Kältetraining ist eine kurze, intensive Belastung für den Körper, ähnlich wie ein Sauna-Gang oder eine intensive Sport-Einheit und sollte daher nur bei guter körperlicher Verfassung gemacht werden. Im Zweifelsfall (und generell bei Vorerkrankungen) sollte im Vorfeld ein Arzt konsultiert werden.
Abgeraten wird bei Herz-/Gefäßerkrankungen (z. B. Angina Pectoris), Nierenerkrankungen, Bluthochdruck (über 160 mm Hg), Kälteurtikaria, Asthma, Panikattacken oder Raynaud Syndrom Typ 2.
WAS KANN NUN DIESES KURZE BADEN IM KALTEN WASSER BEWIRKEN?
Der Kältereiz ist ein Impuls für das Immunsystem und aktiviert so die körpereigene Abwehr. Der Kreislauf wird trainiert, Fett verbrannt, die Haut wird straffer und die Stimmung besser. Vor allem aber trainiert er eine andere Form der inneren Haltung: Wir sind stark, wir sind robust und stabil, wir halten durch, wir können, weil wir wollen, wir lieben die Herausforderung, wir sind mutig, wir lassen uns von unseren Komfort-Gewohnheiten einfach nicht mehr alles gefallen!
