Dass Denken nicht aufhört, Mensch zu sein
Als Ernst Cassirer in den Tagen vor seinem Tod an der letzten Überarbeitung von Der Mythus des Staates arbeitete, wirkte er ruhig – beinahe versöhnt. Seine Frau Toni beschreibt, wie sie ihn währenddessen einmal fragte, was er jetzt, im Rückblick, als das Wichtigste ansehen würde. Und seine Antwort lautete: „Dass Denken nicht aufhört, Mensch zu sein.“ Welche Bedeutung hat dieses tiefsinnige und gar nicht leicht zu erfassende Vermächtnis seines Denkens für uns heute?
Davor stellt sich jedoch die Frage, warum der Kulturphilosoph und Erkenntnistheoretiker Ernst Cassirer, der Zeit seines Lebens und Forschens nach dem inneren Bauplan der Kultur suchte, nach dem, was den Menschen zum Menschen macht, gerade seine letzten Lebensjahre dem Mythos des Staates widmete? Dies ist leicht beantwortet:
Er verlor seine Heimat, seine Professur, seine akademische Familie. Und stellte sich selbst die Frage, wie das Land von Kant, Goethe und Schiller in einen irrationalen Kollektivmythos, Führerkult und Gewaltideologie abgleiten konnte?
The Myth of the State ist sein Versuch, die politischen Katastrophen seiner Zeit, den Nationalsozialismus und den Zusammenbruch der europäischen Aufklärungskultur, zu verstehen. Und aus diesen Katastrophen zu lernen. Dass Denken nicht aufhört, Mensch zu sein, solange es sich der Wahrheit und Würde des Menschen verpflichtet fühlt.
WARUM MYTHOS?

Um The Myth of the State richtig zu verstehen, muss man seine umfassende Theorie des Mythos als symbolische Form zumindest ansatzweise begreifen. Cassirer bezeichnet den Menschen als animal symbolicum. Kultur und Symbole bestimmen, wie wir die Welt erleben und deuten.
Grundsätzliche symbolische Formen sind für ihn zunächst Sprache, Mythos, Religion und Kunst. In weiterer Folge auch Wissenschaft, Technik und Moral und Recht. Je nach symbolischer Form kann beispielsweise ein Baum unterschiedlich verstanden werden. Für einen Botaniker ist der Baum Teil eines Ökosystems. Er klassifiziert ihn und untersucht seine biologischen Prozesse. Für einen Indigenen kann der Baum Sitz eines Geistes sein. Er ist mit einer mythologischen Bedeutungversehen. Ein Maler nimmt die Ästhetik des Baumes wahr und erfasst ihn künstlerisch. Aus einer religiösen Perspektive kann der Baum ein Symbol des Paradieses oder der Welt insgesamt sein. Unsere kulturell geprägte Symbolwelt bestimmt, wie wir den Baum interpretieren.
Mythos ist für Cassirer die früheste Form menschlicher Weltdeutung. „Der Mythos ist nicht der Irrtum des primitiven Geistes, sondern seine erste Form von Wahrheit – als Lebensdeutung.“ Der Mythos reagiert auf elementare menschliche Erfahrungen wie Angst, Tod, Schuld, Naturgewalten. Diese werden als handelnde Mächte, als Götter oder Geister personifiziert. Der Mythos arbeitet mit symbolisch aufgeladenen Figuren wie Held, König und Feind. Er gibt dem Leben und der Welt eine Totalerklärung aus einem Guss.

In The Myth of the State analysiert Cassirer, wie mythische Denkmuster in der Moderne wiederkehren, jedoch in einer neuen und gefährlichen Form. Nicht als spontane Welterklärung, sondern als gezielte politische Manipulation. Da ist der Führer als Erlöser und Heilsbringer. Da ist die Volksgemeinschaft als mythisch überhöhte Einheit. Und da ist der Feind als Sündenbock für alle Übel und da ist die Sprache als Erregung, Suggestion und Beschwörung. Cassirers zentrale Botschaft lautet:
„Die Gefahr liegt nicht im Mythos selbst – sondern darin, dass er ohne Kritik, ohne Reflexion und ohne ethisches Maß zur Grundlage von Politik gemacht wird.“
Auch die derzeitigen autokratischen Tendenzen in Russland, China, der Türkei oder auch den USA sind nach Cassirer kein Rückfall in primitive menschliche Kulturformen. Sondern sie sind eine politischt echnisch perfektionierte Verwendung mythischer Strukturen, verbreitet mit den modernen Mitteln von Ideologie, Propaganda und Medien.
Ernst Cassirer, der liberale Humanist

Ernst Cassirer war kein politischer Aktivist. Aber als liberaler Humanist fühlte er eine tiefe Verantwortung, sich dem Totalitarismus nicht nur politisch, sondern symbolphilosophisch entgegenzustellen. Demokratie muss sich auch symbolisch behaupten, nicht nur juristisch. Sie lebt nicht allein von Wahlen, Verfahren und Gesetzen.
Auch Freiheit, menschliche Würde und politische Vernunft brauchen symbolische Formen, gemeinsame Bedeutungen, Werte, Erzählungen, Bilder und Begriffe.
Argumentieren genügt nicht, man muss berühren, bedeuten, zeigen, gestalten. Wenn John F. Kennedy zwei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer vor über 400.000 Westberlinern sagt „Ich bin ein Berliner!“, dann ist dies keine juristische Floskel, sondern eine symbolische Geste der Solidarität, ein Gegen-Narrativ zum kommunistischen Herrschaftsmythos.
Mit Cassirer gesprochen: „Der Mensch lebt nicht in einer Welt der Dinge, sondern in einer Welt der Bedeutungen.“
Und wir haben verlernt, der Demokratie, der Freiheit, unserer kulturellen Identität, unseren Werten und ganz allgemein unserer menschlichen Würde Bedeutung und Sinn zu geben. Hat also unser Denken aufgehört, Mensch zu sein?
