Dass Denken nicht aufhört, Mensch zu sein
PROBLEM 1: ENTMENSCHLICHUNG
Zunehmend werden Menschen auf Humankapital, Kostenfaktoren, Datenpunkte und Optimierungsziele reduziert. Bildung ist Training, um in einer ökonomisierten und technokratisierten Welt zu funktionieren. Der Mensch aber ist ein Wesen, das Bedeutung und Sinn sucht, das Denken als kritisches, reflektierendes und fragendes Bewusstsein versteht. Dass Denken nicht nur kalte Rationalität, sondern auch mitfühlende und verantwortungsvolle Ethik ist. Dass unser Denken also menschlich ist.
PROBLEM 2: POLARISIERUNG
Die Gesellschaft spaltet sich, die Konflikte werden moralisiert, wer anderer Meinung ist, wird zum Feind. Identität entsteht durch den Ausschluss der anderen: Wir gegen die. Der Mensch aber sucht Verbindung und Harmonie. Dass unser Denken nicht vereinfachend und ausschließlich, sondern differenziert und inkludierend ist, im Sinne einer Harmonie des Gegensatzes. Dass unser Denken also menschlich ist.

PROBLEM 3: MACHT OHNE MASS
Macht erhebt sich zusehends über Recht, Ethik und Wahrheit. Sie erhebt sich auch über Kritik, macht sie lächerlich oder gleich mundtot. Politiker und Parteien genügen sich selbst. Das Denken ist nur noch instrumentell und strategisch. Der Mensch jedoch denkt immer den anderen mit. Dass unser Denken also verantwortungsvoll und damit auch selbstbegrenzend ist. Dass unser Denken das Maß achtet. Dass unser Denken also menschlich ist. Dass Denken nicht aufhört, Mensch zu sein.
Ernst Cassirer hielt seine letzte große Vorlesung an der Columbia University. Thema: „Mythos und Macht“. Seine Frau erinnert sich an den Moment, als er zum Rednerpult ging. „Er ging langsam, fast zögernd – nicht aus Schwäche, sondern weil er jedes Wort wog, bevor es gesprochen war.“ Als die Vorlesung endete, war der Applaus höflich. „Aber einige standen auf – nicht aus Höflichkeit, sondern aus Respekt. Ich glaube, sie wussten, dass sie etwas gehört hatten, das mehr war als Analyse. Es war ein letzter Appell an die Vernunft.“ Er selbst sagte dazu später:
„Ich habe nichts gesagt, was sie nicht selbst wissen. Aber vielleicht habe ich erinnert, was sie zu vergessen drohen.“
