Idealismus im Dachgeschoss: Die Tübinger Philosophen-WG
Der Deutsche Idealismus ist aber etwas anderes, nämlich eine philosophische Strömung um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert. Bewusstsein, auch Selbstbewusstsein, Denken und Geist stehen im Mittelpunkt. Der Idealismus geht davon aus, dass wir die Welt begreifen können, da sie zum großen Teil von uns gestaltet ist. Man zählt Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte dazu, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Für Hegel ist Idealismus die Überwindung von Gegensätzen wie Welt und Geist, Leib und Seele etc. Die deutschen Idealisten wollten, verkürzt gesagt, alle philosophischen Sparten in einem Gesamtentwurf, einem „System“, zusammenfassen und darauf aufbauend die Welt erklären.
Im Jahre 1913 wurde bei einer Auktion ein doppelseitig beschriebenes Blatt erworben, ein unvollständig erhaltener Text aus dem Jahr 1796 oder 1797, der eindeutig die Handschrift Hegels trägt. Der Philosoph und Hegel-Forscher Franz Rosenzweig, der den Text erstmals publizierte, gab ihm den Titel „Ältestes Systemprogramm des deutschen Idealismus“. Fachleute, die den Text analysierten, fanden in der Wortwahl wenig Übereinstimmung mit dem jungen Hegel, dafür umso mehr mit seinen ehemaligen Zimmergenossen Hölderlin und Schelling. Ein Forscher übertrug Hölderlin aufgrund der „Schönheit“ sogar die alleinige Autorschaft. Fazit: Der Text wurde uns zwar in der Handschrift Hegels übermittelt, jedoch wird eine gemeinsame Urheberschaft von Hegel, Hölderlin und Schelling angenommen. Andere Autoren kommen nicht infrage. Vielleicht erstaunt uns die Nennung Hölderlins, der vor allem als Dichter – und was für einer! – bekannt ist, im Zusammenhang mit einem philosophischen Text. Er durchlief dasselbe Studium wie seine Freunde, diskutierte auf Augenhöhe mit ihnen, doch hören wir in das „Systemprogramm“ hinein:

Der Philosoph muss ebenso viel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter, die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstaben-Philosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. … Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit. (Friedrich Schiller)
Ich möchte Ihnen den berühmtesten Satz des Textes nicht vorenthalten: „Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst“.
„DIE LINIEN DES LEBENS SIND VERSCHIEDEN“ (HÖLDERLIN)
Wie gesagt, keiner der drei wollte auf eine Pfarrstelle, also wurden sie in unterschiedlichen Orten Hauslehrer bei Adeligen oder sehr reichen Bürgern. Sie hielten noch einige Jahre brieflichen Kontakt.
- Hegel wurde nach einigen Zwischenstopps preußischer „Staatsphilosoph“ in Berlin und starb dort 1831.
- Schelling, der in seiner beruflichen Laufbahn auch einmal in München war (wieso hätten wir sonst eine Schellingstraße?) wurde nach dem Tod Hegels dessen Nachfolger in Berlin. Er starb 1854 in Bad Ragaz, Schweiz.
- Auch Hölderlin durchlief einige Hauslehrerstellen, unter denen er sehr litt. Eine Universitätskarriere strebte er nie an. Er wollte Dichter sein (und hätte es auch sein können, denn er hatte von seinem Vater genug geerbt, aber seine Mutter verwaltete das Geld und hoffte immer noch auf eine Pfarrstelle für ihren Sohn). Nach einem Zusammenbruch wurde er 1806 zwangsweise in eine Nervenheilanstalt, Irrenhaus wäre hier wohl die bessere Bezeichnung, in Tübingen eingeliefert und 1807 als unheilbar der Familie des Schreinermeisters Ernst Zimmer übergeben. Dort lebte er, liebevoll versorgt, bis zu seinem Tod im Jahre 1843. Der Hölderlin-Turm direkt am Neckar ist heute ein Museum.

Ganz in der Nähe der ehemaligen Nervenheilanstalt und des Hölderlin-Turms steht das Stift. Seit 1969 werden auch Studentinnen aufgenommen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich viel verändert: Heute haben alle Studierenden ein beheizbares Einzelzimmer und sie haben ein Mitspracherecht in vielen Bereichen. Von Drill und Bevormundung keine Spur. Eines ist jedoch gleichgeblieben: Nur Bürger und Bürgerinnen von Baden-Württemberg können sich um ein Stipendium bewerben, das nach wie vor ein Naturalienstipendium ist, d. h. Kost (sehr gutes Essen, wie ich gehört habe) und Logis sind frei, ebenso der Unterricht. Immer noch geht man davon aus, dass die Stipendiaten nach Abschluss ihres Studiums entweder evangelische Pfarrer oder Lehrer in Württemberg werden.
Von den berühmten Stipendiaten früherer Jahre, zu denen auch der Pfarrer und Dichter Eduard Mörike gehört, sind nur Plaketten an den Wänden geblieben. Und doch glaube ich, dass es so etwas wie den Genius Loci gibt, den Geist eines Ortes, der auch heute noch dort waltet. Wer weiß, welche künftigen Geistesgrößen uns das Stift noch beschert?
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 181 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht.
