Dopamine Economy
und die Folgen für unsere Gesellschaft
Seit nicht einmal 20 Jahren gibt es nun das Smartphone samt Internetverbindung in unserem Leben – einer historisch gesehen extrem kurzen Zeitspanne. Dies hat wahrscheinlich bereits jetzt stärkere Auswirkungen auf Sozialverhalten und soziale Kompetenzen als jede andere technologische Innovation zuvor. Verantwortlich dafür ist eine neue Form von Kapitalismus, die „dopamine economy“ genannt wird.
LIMBIC CAPITALISM
Nie zuvor in der Geschichte verbrachte eine so große Anzahl an Jugendlichen weltweit den Großteil ihrer Freizeit vor dem Bildschirm. Auch Erwachsene empfinden oft schon nach wenigen Minuten Langeweile den starken Drang, ihr Smartphone zu zücken. Viele US-Amerikaner würden angeblich sogar eher auf Sex verzichten als auf ihr Handy. Doch wie ist es überhaupt dazu gekommen? Die kurze Antwort lautet: indem Firmen immer besser verstanden, mit ihren Produkten unser Belohnungssystem zu manipulieren. Dass gerade Dopamin darin eine Schlüsselrolle spielt, ist erst seit wenigen Jahrzehnten bekannt.
2007 wurden in der Stanford University unter Brian Fogg in einem eigens dafür geschaffenen „Persuasive Technology Lab“ wichtige Forschungen dazu durchgeführt, deren Ergebnisse einige der heute reichsten Unternehmer zu nutzen verstanden.
Schließlich entstand eine neue Form von Kapitalismus, die „limbic capitalism“ oder auch „dopamine economy“ genannt wird. Sie ist deshalb neu, weil deren Produkte einem „addictive design“ folgen, das darauf abzielt, Kundenbindung durch Suchtverhalten zu erzeugen.
WIE FUNKTIONIERT DAS?
Je größer die Dopaminausschüttung im Rahmen unseres Belohnungssystems und je schneller dies durch eine Droge geschieht, umso größer ist deren Suchtpotenzial. Dies betrifft sowohl stoffgebundene als auch nicht stoffgebundene Süchte.
Der Historiker David Courtwright widmete sich der Erforschung von „limbic capitalism“. Nach seinen Worten zielen dessen Dienstleistungen auf schnell und leicht erreichbare, aber auch schnell wieder vergängliche Gefühle der Erleichterung und Belohnung (z. B. durch Likes, lustige oder spannende Kurzvideos, Schnäppchen etc.).
Dadurch wird unser limbisches System manipuliert, in dem wir Motivation und Lustempfindungen verarbeiten. So können unbewusst langanhaltende Konsumgewohnheiten entstehen, bei denen oft diejenigen Gehirnareale unterdrückt werden, die mit Vernunft und Urteilsfähigkeit verknüpft sind, während andere stimuliert werden, die unsere Sehnsüchte verarbeiten. So entstehen Gewohnheiten, die zur Alltagsroutine werden.
Wenn das Gehirn die Abkürzung nimmt, schreibt Nir Eyal, wiederholen wir reflexartig immer wieder eine Handlung, von der wir uns Belohnung erwarten, wobei diese leichter und schneller ausgeführt wird als darüber nachzudenken.
Dies kann auch extreme Ausmaße annehmen. In Südkorea kümmern sich bereits speziell geschaffene Smartphone-Entzugs-Camps darum, Smartphone-Süchtige zu behandeln. Weltweit sind daneben immer mehr Menschen von „binge watching“ betroffen. Gemeint ist das maßlose Anschauen mehrerer oder aller Folgen von TV- oder Streaming-Serien, mitunter bis zur Erschöpfung.

MENSCHLICHE SCHWÄCHEN UND KÜNSTLICHE BEDÜRFNISSE
Dopamine-Economy-Produkte nutzen zudem menschliche Schwächen aus, um davon zu profitieren. Dies funktioniert durch die Schaffung künstlicher Bedürfnisse, die Ersatzbefriedigungen liefern, die schneller und bequemer zu erreichen sind. Z. B. sind vielen Jugendlichen heute Spielkonsolen/Computerspiele bereits so wichtig, dass sie kaum längere Zeit darauf verzichten können. Dagegen ist es schwerer, Freundschaften zu pflegen, um in der realen Welt Abenteuer zu erleben, da dies mehr Geduld, Abstimmung und Disziplin erfordert. Belohnungsgefühle sind in der realen Welt schwerer zu erreichen und erfordern Anstrengung, mehr Zeit und oft die Pflege sozialer Beziehungen. Dopamine-Economy-Dienstleistungen hingegen bieten stets den einfacheren und bequemeren Weg. Persönliche Entwicklung ist dafür nicht nötig – im Gegenteil, diese wird durch virtuelle Ersatzbefriedigungen sogar eher gebremst.

Das Nutzen sozialer Netzwerke wie z. B. Instagram bietet kurzfristig ähnliche Vorteile. Auch hier werden Schwächen ausgenutzt, um Suchtverhalten zu erzeugen. So weisen etwa Social-Media- Süchtige oft ein vermindertes Selbstwertgefühl auf, da hier das ständige Vergleichen mit anderen zu Trugschlüssen über eigene Mängel verleitet. Betroffene ziehen sogar vermehrt Schönheitsoperationen in Erwägung. Im politischen Kontext können Facebook, X und Co außerdem ein Wunschdenken begünstigen, aus dem Betroffene nur schwer wieder herausfinden. Suchtverhalten wird hier auch mithilfe von Algorithmen begünstigt, die gewährleisten, dass User in Bezug auf strittige Themen gezielt mit Informationen versorgt werden, die ihre eigenen Emotionen und Vorurteile ansprechen. Angst und Wut können so schneller auf Feindbilder projiziert werden und erwünschte Bestätigungen leichter gefunden.
Dies begünstigt stark vereinfachte Weltbilder und Verschwörungstheorien. Betroffene sind emotional leichter steuerbar, weil sie mit der Zeit weniger Bereitschaft zeigen, sich ernsthaft mit unangenehmen Tatsachen auseinanderzusetzen. Der respektvolle Umgang und die ernsthafte Auseinandersetzung mit unerwünschten Meinungen könnten so mit der Zeit sogar verlernt werden.
