Wer wagt, gewinnt

Wer wagt, gewinnt

Risiko „Komfortzone“

Obwohl lange bekannt, wachsen täglich die Erkenntnisse über die fatalen Auswirkungen des Verharrens in der Komfortzone. Natürlich sind Angst und Stress auf ein Minimum reduziert, wenn man nur in seinen Routinen bleibt, nur bis zum Tellerrand seiner bekannten Fähigkeiten agiert und nur in seinen gewohnten Blasen denkt und spricht.

Aber die Neurowissenschaften zeigen auf, wie dadurch unser Gehirn schrumpft und die neuronale Plastizität verlorengeht. Dadurch verstärkt sich die Angst vor Neuem mehr und mehr bis zur sogenannten „erlernten Hilflosigkeit“. Die Fähigkeit, Stress zu bewältigen, nimmt ab und kleinste Störungen führen zu hoher Belastung. Die fehlende Herausforderung mündet in Langeweile, Unzufriedenheit und letztlich Depression. Und durch einen bequemen Rückzug gehen die sozialen Kompetenzen verloren, durch laufende Unterforderung bleibt nicht nur Potenzial ungenutzt, sondern die Leistungsfähigkeit nimmt sogar rapide ab.

Wem das noch nicht genügt, um die Komfortzone als Schreckgespenst auf den finsteren Dachboden zu verbannen, dem seien noch die Auswirkungen auf unsere Erziehung und damit die nächste Generation aufgelistet. Denn Eltern, die sich selbst nach Komfortzonen sehnen, werden zu „Helikopter-Eltern“, die das Leben ihrer Kinder ständig überwachen und ihren Kindern alle Entscheidungen abnehmen. Und zu „Rasenmäher-Eltern“, die ihren Kindern alle Steine aus dem Weg räumen und jedes Hindernis planieren. Die Folgen sind geringe Frustrationstoleranz – schon kleinste Kränkungen können zu monströsen Amokläufen führen –, fehlende Problemlösungskompetenz und damit fehlendes Vertrauen in sich selbst, verstärkte Angst vor Risiko – heute traut man Gymnasiasten nicht einmal mehr den Schulweg zu –, vor allem aber eine eklatante Zunahme von Angststörungen, Burnout und anderen psychischen Beeinträchtigungen. In den markanten Worten der Psychologin Esther Wojcicki: „Überbehütung ist Unterentwicklung“. Und sie muss es wissen, hat sie doch ihre drei Töchter zu höchst engagierten und erfolgreichen Menschen erzogen.

Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone.“
Neale Donald Walsch

Fazit: „Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone!“ (Neale Donald Walsch, bekannt von den „Gesprächen mit Gott“) Wer also seine Komfortzone nicht verlässt, wer in der trügerischen Sicherheit verharrt und kein Risiko auf sich nimmt, hat tatsächlich eine Gewissheit: die Gewissheit, das Leben und seine eigene Entwicklung zu verpassen.

Abenteuer

Der „Sprung des Glaubens“

Haben Sie gewusst, dass dieses Zitat von Søren Kierkegaard stammt? Und hätten Sie gedacht, dass dieser Religions- und Existenzphilosoph als der Philosoph des Risikos gilt? Bei ihm ist Risiko nicht ökonomisch oder Mittel zum Zweck, sondern das Wesen der Existenz. Risiko ist der Preis von Freiheit und Selbstverwirklichung. „Wer wagt, der verliert vielleicht. Wer nicht wagt, der verliert gewiss“, lautet sein Credo. Dieses Wagnis, trotz Unsicherheit zu entscheiden und zu handeln, nennt Kierkegaard den „Sprung des Glaubens“. Damit meint er nicht nur den Akt des Glaubens in Gott ohne Sicherheiten und Beweise.

Der Sprung des Glaubens ist ein universelles Prinzip, wir alle müssen immer wieder ohne Sicher- und Gewissheiten entscheiden: Wir verlieben uns – haben wir die Sicherheit, dass diese Liebe für immer hält? Wir wechseln unseren Job und wir ziehen in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land. Wir gründen eine Familie und wir starten ein neues Projekt. All diese existenziellen Entscheidungen beinhalten das Risiko von Verletzung, Trennung, Verlust, Scheitern und Enttäuschungen aller Art. Es sind keine sanften Übergänge, es sind Sprünge – vom Zweifel ins Vertrauen, von der Kontrolle in die Hingabe, von rational begründbaren Sicherheiten in das Glauben.

„Der Glaube beginnt dort, wo das Denken aufhört“, schreibt Kierkegaard. Er war kein Gegner des Denkens, aber Denken hat seine Grenzen. So sehr wir auch prüfen und analysieren, es wird uns keine absolute Gewissheit liefern. Und an dieser Stelle müssen wir springen. Wir leben von und durch Entscheidungen, nicht von und durch Garantien.

Genauso deutlich formulieren es die östlichen Philosophien. Darin heißt es, dass Leiden durch die Anhaftung an Sicherheiten entsteht. Und sie fügen noch einen weiteren Gedanken dazu: Wer sich an Sicherheiten klammert und sich nicht freiwillig den Herausforderungen stellt, wird nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung (Karma) dazu gezwungen.

„Wenn der Schüler nicht geht, wird der Weg zu ihm kommen“ sagen die Zen-Meister. Im Taoismus heißt es:

„Wer sich dem Wandel widersetzt, wird vom Wandel überwältigt.“

„Wandel“ ist wohl das treffendste Konzept für unsere aktuelle Situation in der Welt. Kollektiv ist es längst ein Wandel, der uns überwältigt: Geopolitische und wirtschaftliche Kriege, KI und Digitalisierung, Extremwetter, Migrationsbewegungen. Individuell liegt es an jedem von uns. Im Kleinen ist jeder Tag eine Gelegenheit, unsere Komfortzone zu verlassen und etwas Unbekanntes zu wagen: Ein Gespräch mit einer fremden Person beginnen, einen neuen Weg zu unserem Arbeitsplatz ausprobieren, ein unangenehmes Problem ansprechen oder eine Entschuldigung aussprechen. Im Großen müssen wir uns ehrlich fragen, wo wir uns zwar sicher fühlen, aber gleichzeitig das Leben und Wachstum verpassen: der sichere Job, der nur noch Routine und keine Weiterentwicklung ermöglicht; der langjährige Freundeskreis, der längst nicht mehr unseren Interessen entspricht; die immer gleichen Konflikte, ohne dass wir die Probleme ehrlich ansprechen oder die halbherzige Beziehung, weil uns die Einsamkeit ängstigt.

Bevor Sie vom Wandel überwältigt werden, wagen Sie den „Sprung des Glaubens“.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 182 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht.