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Begeisterung

„Wauwau!!!!“, ruft das zweijährige Paulchen, „Wauwauwauwau!!!“ und hüpft im Kinderwagen auf und ab. Er verrenkt sich, um den Hund noch einmal zu sehen und wieder zeigt er aufgeregt mit dem Finger. „Wauwau!!!!!“. Die Begeisterung ist grenzenlos. Und deshalb lernt Paulchen so viel. Kleine Kinder erleben 20 bis 50-mal (!) täglich diesen rauschartigen Zustand. Dabei ist das Gehirn richtig aktiv, durch den Begeisterungssturm werden die neuronalen Netzwerke stimuliert, es kommt zu einem Feuerwerk und das Erlebte und Erfahrene wird im Gehirn verankert.

Positive Gefühle unterstützen das Lernen

Begeisterung

die Problemlösungskompetenzen, das Immunsystem usw. Schon seit Langem ist durch Statistiken erwiesen, dass optimistische Menschen schneller gesund werden und im Leben erfolgreicher sind als Pessimisten.

  • Die positive Weltsicht lenkt den Blick auf Chancen und Gelegenheiten. Man sieht das halb volle Glas Wasser.
  • In der Begegnung mit anderen erkennt man deren Stärken und Fähigkeiten eher als deren Schwächen.
  • In unvorhergesehenen Situationen sieht man Chancen und Gelegenheiten anstatt Schwierigkeiten. Probleme sind willkommen, um sich weiterzuentwickeln.
  • Konflikte ein Anlass, um einander besser kennenzulernen.
  • Und das Wichtigste: Zuversichtliche Menschen sind glücklicher. Was wiederum dazu führt, dass sie weniger anfällig für Krankheiten sind, lösungsorientiert denken und gute Beziehungen haben, weil man ihre Nähe sucht. Und so schraubt sich die Aufwärtsspirale nach oben.

Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen

Begeisterung

Seit einiger Zeit hat sich auch die Hirnforschung des Themas angenommen. So erforscht der Neurobiologe Gerald Hüther der Universität Göttingen den Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen. Und er hat festgestellt, dass sich diese beiden grundlegenden menschlichen Tätigkeiten nicht trennen lassen. Unsere Emotionen bestimmen unser Denken, und unsere Gefühle sind ausschlaggebend dafür, ob und wie wir etwas lernen.

Und das wichtigste Gefühl ist die Begeisterung. Begeisterung wird vom Duden als

„Zustand freudiger Erregung, leidenschaftlichen Eifers; von freudig erregter Zustimmung, leidenschaftlicher Anteilnahme getragener Tatendrang; Hochstimmung, Enthusiasmus“

bezeichnet.

Ist Begeisterung eine Tugend?

Diese wird ja definiert als eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung. In den klassischen „Tugendlisten“ der Antike, des Christentums, der Bürgertugenden kommt sie nicht vor. Jedoch ist Begeisterung eine Seelenqualität, die gerade in unseren heutigen Krisenzeiten wertvoll ist. Sie geht einher mit Hoffnung, Freude und Mut.

Der „Geist“ in der Begeisterung zeigt den Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen auf. Und das griechische Wort Enthusiasmus (= von Gott erfüllt) weist auf eine höhere Macht hin, auf „Theos“ – Gott. Wenn ein Mensch vom Geist oder Gott erfüllt ist, entsteht eine ungeheure Kraft. Denken Sie nur an die zahlreichen sportlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Höchstleistungen.

Ein sehr berührendes Beispiel ist das „Simon Bolivar Youth Orchester“ des Gustavo Dudamel aus Venezuela. In diesem bettelarmen Land musizieren Kinder und Jugendliche aus allen Schichten der Gesellschaft unter oft erbärmlichen Bedingungen – getragen von einer Welle der Begeisterung, die das ganze Land erfasst hat. Sie bilden sich gegenseitig aus, wer mehr kann, unterrichtet die anderen – egal ob er jünger oder älter ist. Durch dieses „Sistema“ gehört das Orchester mit seinen über 200 Musikern heute zu den gefragtesten Klangkörpern der Welt.

„Menschen, die Herausragendes leisten, berichten übereinstimmend, dass sie zwar nahezu ihr gesamtes Leben mit Arbeit verbracht haben, jedoch keinen einzigen Tag wirklich gearbeitet hätten. Sie spüren einfach eine unerschöpfliche Begeisterung, Faszination und Freude an ihrer Tätigkeit“,

schreibt Sportwissenschaftler und Sportpsychologe Michael Draksal in seinem Buch „Psychologie der Höchstleistung – Dem Geheimnis des Erfolges auf der Spur“.

Mit Begeisterung lernen

Begeisterung

Gerald Hüther erklärt, dass wir nur dann etwas lernen können, wenn die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert werden. Rein kognitives Lernen funktioniert nicht – oder wenn, dann nur über Konditionierung, also Belohnung und Strafe. Das ist jedoch kein glückliches Lernen, sondern Dressur (und leider im heutigen Schulsystem die gängige Methode).

Zurück zum gelingenden Lernen: Die emotionalen Zentren schütten neuroplastische Botenstoffe aus, um das Gelernte im Gehirn zu verankern. Wenn wir enthusiastisch sind, fungieren die emotionalen Zentren wie eine Gießkanne. Sie lassen die neuroplastischen Botenstoffe wie Dünger über das ganze Gehirn fließen. Wir sind glücklich, unsere Wangen röten sich, das Herz klopft schneller, unsere Augen leuchten – wir strahlen Begeisterung aus – und diese ist bekanntlich ansteckend.

Hüther lehrt auch, dass

  • das Gehirn bis ins hohe Alter Neues lernen kann, wenn man wahrhaft motiviert und begeistert ist.
  • Er erklärt weiter, dass wir uns nur im sozialen Kontext weiterentwickeln können in einer Lerngemeinschaft.
  • Er behauptet, dass jeder Mensch hochbegabt ist und alles Wissen in sich trägt. Es braucht nur die richtige Methode, es freizulegen.

Begeisterung

Diese Idee erinnert an die antike Vorstellung der Erziehung. Dieses Wort (Erziehung) leitet sich vom lateinischen educere – „herausziehen“ ab. Denn schon Platon lehrte vor 2500 Jahre, dass der Mensch alles Wissen in sich trägt, man müsste ihm nur dabei unterstützen, es zum Ausdruck zu bringen. Die drei wesentlichen Elemente dazu sind – laut Hüther:

  1. Einladen
  2. Ermutigen
  3. Inspirieren.

Einladen geht mit Freiwilligkeit einher. Eine Einladung kann angenommen oder abgelehnt werden. Ermutigen bedeutet zu vertrauen, dass jeder Mensch latente Potenziale in sich trägt und aktivieren kann. Inspirieren steht mit dem „spirit“ in Beziehung. Wenn wir unsere Ideen und Geistesblitze teilen und einander ergänzen, kann etwas Neues, Großartiges entstehen.

Wie Begeisterung gelingt – eine Einladung:

Begeisterung

  1. Nehmen Sie die kleinen Dinge wahr und erfreuen Sie sich daran. Eine Blume am Straßenrand, ein Kinderlachen, ein freundlicher Gruß, Vogelgesang, eine gelungene Reparatur, ein geglückter Kuchen, etc.
  2. Teilen Sie Ihre Begeisterung: Wenn Sie etwas Schönes erlebt haben, erzählen Sie es weiter. Wenn Sie etwas besonders Interessantes erkannt oder gelesen haben, lassen Sie Ihre Lieben daran Anteil haben. Multiplizieren Sie so die Freude.
  3. Entfachen Sie einen Begeisterungssturm, wenn Sie besondere, ungewöhnliche, große Aufgaben haben. Machen Sie sich die Bedeutung dessen klar, was Sie tun wollen. Wozu ist es wichtig? Was bringt es Ihnen? Was bringt es der Welt? Lassen Sie sich von der Begeisterung ergreifen und legen Sie los. Es wird gelingen.

Viel Mut wünscht Gudrun Gutdeutsch.

About The Author

Gudrun Gutdeutsch leitet seit über 10 Jahren ehrenamtlich den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Seit 30 Jahren praktiziert sie Philosophie als Lebenskunst und ist als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig. Seit 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie". Außerdem ist sie Autorin des Buches "Wie duscht ein Philosoph?" Beruflich wirkt sie als Trainerin (u.a. für das FREUNDE-Programm) und als Fachberatung für Interkulturelle Pädagogik und sprachliche Bildung.

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