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Tiere, Seele

Werde ich mein geliebtes Haustier nach dem Tod wiedertreffen? Haben Tiere nicht fast unglaubliche Fähigkeiten? Wie grausam werden Tiere heute behandelt! Ist es daher moralisch noch vertretbar, Fleisch zu essen? Alle diese Fragen kreisen um das eine Thema: Haben Tiere eine Seele?

Die Existenz der Seele – beim Menschen und beim Tier – kann auf objektive Weise weder bewiesen noch nicht bewiesen werden. Die Seele ist von Natur aus nicht materiell und somit nicht Gegenstand objektiver Verifikation. Antworten können wir aber trotzdem in unserer Intuition, in den Philosophien und Religionen der Welt suchen und finden.

Die Welt-Seele

Viele Traditionen sprechen von der Idee einer Welt-Seele, lat. „anima mundi„. Von dieser Anima wird das lateinische und später englische Wort „animal“ – Tier, Lebewesen – abgeleitet.

Die Welt-Seele ist ein unsichtbares, lebendes Wesen, welches die ganze Schöpfung belebt. Sie agiert wie ein Vermittler zwischen Gott (auch Geist genannt) und der Materie. Der römische Philosoph Plotin erklärt die Beziehung zwischen Seele und Materie in einem Bild:

„Materie ist wie ein flüssiges Siegelwachs und die Seele ist das Siegel, welches dem Wachs die Idee des Lebendigen einprägt. Ohne Seele würden demnach die Welt und alle Kreaturen überhaupt nicht existieren.“

Alles lebt.
Darüber hinaus verfügt alles in der Natur über gewisse Formen von Intelligenz und Bewusstsein. Samen wachsen nicht blindlings, Blumen reagieren auf die Sonne. Moleküle verhalten sich in einer organisierten Weise – wenn sie es nicht tun würden, würde alles auseinanderfallen. Ganz zu schweigen vom hochorganisierten Verhalten der Ameisen und Bienen. All dies impliziert einen hohen Grad an Intelligenz, allerdings mit unterschiedlichem Grad an Freiheit und Bewusstsein.

In traditionellen Kulturen

Tiere, Seele

werden zum Beispiel Berge als riesige, lebendige Wesen betrachtet, als verehrungswürdige Geister. Steinen und kostbaren Metallen wird eine Seele zugeschrieben und daraus folgend eine spezielle magische oder heilende Fähigkeit. Sie gelten als Kanal für mächtige, unsichtbare Kräfte. Die Erde selbst ist ein Körper einer großen Seele und alle Lebewesen der Erde sind ein Teil von diesem großen Wesen. Auch Tiere haben Seelen, und – wie wir alle – entwickeln sie sich zu höheren Stufen des Bewusstseins. Ein Gedicht des Sufi-Mystikers Rumi beschreibt diese innere Sicht der Evolution sehr gut:

Siehe, ich starb als Stein und stand als Pflanze auf,
Starb als Pflanz‘ und nahm drauf als Tier den Lauf,
Starb als Tier und war ein Mensch. Was fürcht‘ ich dann,
Da durch Sterben ich nie minder werden kann?
Wieder, wenn ich werd‘ als Mensch gestorben sein,
Wird ein Engelsfittich mir erworben sein,
Und als Engel muss ich sein geopfert auch,
Werden, was ich nicht begreif, ein Gotteshauch.

(aus Dschelaleddin Rumi: Mathnawi, Buch III, Geschichte XVII Deutsch von Friedrich Rückert)

Das ist der traditionelle Glaube – vorchristlich, vorwissenschaftlich. Aber schon im 4. Jh. n. Chr. bezeichnete der Theologe Chrysostomos den Glauben, dass Tiere eine Seele haben könnten, als zutiefst häretisch. Der berühmteste Theologe des Mittelalters, Thomas von Aquin, gestattete zwar den Tieren eine Seele, aber er leugnete ihre Unsterblichkeit. Aber wenn eine Seele ein immaterielles Wesen ist und daher nicht vergehen kann, warum sollte das Tier dann nicht unsterblich sein?

Tiere, Seele

Die naturphilosophische Idee der Gruppenseele

sagt, dass in den Naturreichen der Mineralien, Pflanzen und Tiere die Seele nicht individualisiert ist. Hier gibt es Gruppenseelen, welche sich mit dem Fortschritt der Evolution zunehmend teilen. So gibt es zum Beispiel eine Gruppenseele für jede Art von Schmetterlingen, Tigern oder Braunbären. Tiere dieser Arten gehen von ihrer entsprechenden Gruppenseele aus, und wenn sie physisch sterben, kehren ihre Seelen wieder in die Gruppe zurück und gehen in ihr auf, wobei sie ihre vorübergehende Individualität wieder verlieren. Auf diese Art und Weise übertragen sich unmittelbar alle Erfahrungen, die das Tier als Individuum im Leben machte, in das Bewusstsein der ganzen Gruppe. Alle Tiere dieser Art, nicht nur die unmittelbaren Nachkommen, tragen diese neuen Informationen und Erfahrungen bereits bei der Geburt in sich.

Ein gutes Bild zum besseren Verständnis liefert ein Wassereimer, aus dem man mit einem Glas Wasser schöpft. Im Glas wird das Wasser mit verschiedenen Farben ganz leicht eingefärbt. Wenn nun das Wasser wieder zurück in den Eimer kommt, dann entsteht dort eine Mischfarbe und das frisch hineingegossene Wasser kann nicht mehr vom übrigen Wasser getrennt werden. Die gesonderte Identität existierte nur vorübergehend im Glasgefäß.

Tiere, Seele

Die Idee der Gruppenseele kann viele Rätsel der Wissenschaft lösen, zum Beispiel die Intelligenz einer natürlichen Selektion über einen relativ kurzen Zeitraum: Vor einem Jahrhundert hatte der britische Birkenspanner (biston betularia) eine helle Färbung. Aber jetzt hat er in Industrieregionen mit hoher Umweltverschmutzung eine dunkle Farbe angenommen, während die hellen in naturbelassener Umgebung weiter bestehen. Dies zeigt die intelligente Anpassung an verschiedene Umweltbedingungen, um Feinden besser zu entgehen. Eine zentrale Intelligenz (die Gruppenseele) gibt ihre erhaltenen Informationen an alle Artgenossen weiter.

Ein anderes Beispiel zeigt der Biologe Rupert Sheldrake an Ratten, die ein gewisses Verhalten erlernen. Stellt man eine andere Gruppe von Ratten an einem anderen Ort der Welt einige Jahre später vor dieselbe Aufgabe, lernen sie das Verhalten viel schneller als die erste Gruppe. Die Lernerfahrung der ersten Ratten hat sich irgendwie auf alle anderen übertragen.

Unterschied zwischen Tier und Mensch

Tiere, Seele

Die Idee der Gruppenseele birgt auch die Erklärung für dieses Problem. Im Allgemeinen haben Tiere kein spezielles Bewusstsein von sich selbst. Wenn man ihnen ihr eigenes Spiegelbild zeigt, reagieren sie so, als handle es sich um ein anderes Tier. Menschen andererseits erkennen sich selbst bereits in frühen Entwicklungsstadien als eigenständige Persönlichkeiten. Das würde mit der naturphilosophischen Lehre zusammenpassen, die sagt, dass menschliche Seelen individualisiert sind.
Wenn ein Mensch stirbt, verliert er nicht seine Seelen-Identität und geht nicht in die Gruppenseele zurück, sondern er lebt weiter und reinkarniert wieder als individuelle Seele. Die Tiere sind während ihres Leben nur vorübergehend getrennt von der Gruppenseele.

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2 Comments

  1. Schöner Text, aber ich frage mich, wieso es im buddhismus oft so üblich ist, zu glauben
    das der Mensch als Tier wiedergebohren werden kann?

    • Hallo Fremder,

      so wie ich die ursprünglichen Lehren des Buddhismus kennen gelernt habe, ist es nicht der Fall, dass der Mensch als Tier wiedergeboren wird, weil er über diese Entwicklungsstufe bereits hinaus ist. So ist es oft mit Lehren…sie werden erweitert, verfremdet etc. Das macht es für uns noch schwieriger zu erkennen, was wahr und was Täuschung ist.

      Viele Grüße

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