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Chancen

Corona hat auf der ganzen Welt den Stecker gezogen: Stillstand, Entschleunigung und Zeit sich zu fragen: was ist wesentlich im Leben. In den Philosophiestunden, die ich wöchentlich unterrichte, habe ich die Philosophie der Stoa wiederentdeckt. Ich bin begeistert, wie passend die Lehren der Stoiker auf die jetzige Zeit und auch die Coronakrise passen.

Warum sollten Gemälde, Literatur oder Musik, nicht aber unser eigenes Leben ein künstlerisches Projekt sein?

In der Antike wurde der Begriff „ars vivendi“ als Kunst zu leben entwickelt. Gut zu Leben war kein Zufall sondern das Ergebnis von lebenslanger geistiger Disziplin und täglichen Übungen. Ähnlich wie an einem Kunstwerk können wir jeden Tag an uns selbst arbeiten, uns so verbessern und zur Entfaltung bringen.

Sich jeden Tag in die Höhe emporschwingen! Zumindest einen Augenblick lang; er kann kurz sein, vorausgesetzt er ist intensiv. Jeden Tag eine geistige Übung – allein oder zusammen mit einem anderen Menschen der sich auch bessern will. Aus der Dauer heraustreten. Bemüht sein, die eigenen Leidenschaften und Eitelkeiten abzustreifen. Über sich selbst hinauswachsen.

MARC AUREL

Die Philosophen der Stoa schlagen eine Vielzahl an Praktiken und Übungen vor:

  • Tägliche Meditationen
  • Gespräche mit Freunden
  • Lektürestunden
  • Reflexionen beim Spaziergang
  • Wichtige Lebensweisheiten in Notizbüchern festzuhalten

Tägliche Reflexion am Abend im Tagebuch: Haben sich die Aufregungen des Tages gelohnt? Was hast du heute an deinem Lebensstil verbessert?

Carpe Diem – Nutze den Tag!

Allzu leicht vergessen wir das Wichtigste im Leben: das Leben selbst. Carpe diem (‚nutze den Tag‘) ist keine leichte Aufgabe. Denn gerade was am Selbstverständlichsten ist – unser Sein – droht uns am ehesten zu entgleiten. Eine buddhistische Weisheit empfiehlt:

Bleib stehen, schau dich um und sieh, wie wunderschön das Leben ist: die Bäume, die weißen Wolken, der weite Himmel. Lausche den Vögeln, genieße die sanfte Brise. Wir wollen jeden Schritt genießen und dankbar sein.

So können wir uns vornehmen, mindestens einmal am Tag innezuhalten, um uns der tiefsten Freude zu vergewissern, die wir haben: der Freude zu sein. Ein solcher Moment muss nicht lange andauern, wenn er nur intensiv genug ist.

Es ist hilfreich, sich wertvolle Momente, Weisheiten und Sinnsprüche gut einzuprägen, um jederzeit auf sie zurückgreifen zu können. Wenn wir zum Beispiel Wut in uns aufsteigen spüren, sollten wir uns fragen, ob das Problem überhaupt der Aufregung wert ist.

Übe dich deine Fassung zu bewahren, nimm dich zusammen! Zorn wenn er warten muss hört auf.

SENECA

Wenn dich jemand geärgert hat empfiehlt Marc Aurel zu überlegen:

Kann dieser Mensch vielleicht gar nicht anders? Bedenke, dass auch du nicht unfehlbar bist undso, wie er dich ärgert, auch du andere Menschen verärgert hast. Das Leben ist kurz, und wenn du dich noch länger ärgerst, hast du deine Zeit vergeudet.

Sokrates lehrt uns, für uns selbst und unsere Seele zu sorgen. Diese Haltung lässt das Leben wertvoller und tiefer werden. Die Philosophie ist ein Schlüssel zu mehr Lebensfreude, wenn wir bereit sind, Erkenntnisse auch anzuwenden.

So können wir jeden Tag aufs Neue üben, immer wieder inne zu halten, den Blick für das Wesentliche zu behalten und gelassen zu bleiben. Es braucht lange und ausdauernde Übung bis man auf dem Weg zur Weisheit auch nur ein kleines Stück vorangekommen ist.

Das Leben, das uns gegeben ist, ist lang genug und völlig ausreichend zur Vollführung auch der herrlichsten Taten, wenn es nur von Anfang bis zum Ende gut verwendet würde; aber wenn es sich in üppigem Schlendrian verflüchtigt, wenn es keinem edlen Streben geweiht wird, dann merken wir erst unter dem Drucke der letzten Not, dass es vorüber ist, ohne dass wir auf sein Vorwärtsrücken achtgegeben haben.

SENECA

Die Vogelperspektive

Den Himmel über mir und unter mir die Wellen.

GOETHE

In der Antike wurde als Übung empfohlen, sich die Welt aus der Sicht eines Vogels vorzustellen. Unsere momentane Situation, die Welt in der wir leben, aus der Vogelperspektive zu betrachten, kann die Schwere einiger unserer Ängste und Sorgen in eine angemessene Balance bringen. Ein solcher Blick von oben ermöglicht uns, zu erkennen, was im Leben von Bedeutung ist und was nicht. So manches Schwere verkleinert sich, wenn man es mit einem gewissen Abstand betrachtet.

Geh mit dir zu Rate und erwäge, wofür du dich entscheiden sollst: Lust und Leid sind hier verbunden; um zu jener zu gelangen, musst du dieses auf dich nehmen…Aber wisse, wenn du zu leben beschließt, dann hast du dich für die Welt in ihrer Gänze – für die Welt, wie sie mit Freuden und Schmerzen vor deinen Augen ausgebreitet liegt – entschieden.

SENECA

Der Blick von oben ist mit einem reinigenden Seelenflug vergleichbar. Mittels unserer Vorstellungskraft können wir uns in andere Zeiten, Situationen und Menschen versetzen und uns bis zu einem gewissen Grad über Raum und Zeit erheben.

Marc Aurel schlägt vor, die Alltagsrealität wie von einer Anhöhe aus zu betrachten. Man soll sich zum Beispiel vorstellen, wie die Menschen früher gelebt haben und in „Äonen von Jahren“ in Zukunft leben werden, was letztlich heißt, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Sterben lernen

Philosophieren heißt, sich im Sterben zu üben.

PLATON

Die Stoiker haben in der Natur eine große Lehrmeisterin gesehen. Die Zyklen, die uns die Natur vorlebt finden wir auch in uns. Mit jedem Sonnenaufgang am Morgen kommt das Licht wieder zur Geburt und geht nachts in eine andere Sphäre und es herrscht Dunkelheit. Mit jedem Winter stirbt das Leben, die Natur kommt zur Ruhe, regeneriert sich und mit jedem Frühling kehrt das Leben wieder neu und mit großer Kraft zurück.

Glücklich also ist dasjenige Leben, das mit der Natur in vollem Einklang steht.

SENECA

Wir können uns im Sterben üben, in dem wir die Zyklen, die wir in der Natur beobachten auch in uns wahrnehmen lernen; und in dieser Zeit der Krise Tugenden wie Zuversicht, Vertrauen und Gelassenheit entwickeln.

Wer den Tod fürchtet, ist nicht minder töricht als der, welcher das Alter fürchtet. Denn wie das Greisenalter auf die jüngere Zeit, so folgt der Tod auf das Greisenalter. Wer nicht sterben will, der hat überhaupt nicht leben wollen. Denn das Leben ist uns nur mit der Bedingung des Todes gegeben; dieser ist das Ziel des Lebens.

SENECA

Video-Empfehlung: 5 Prinzipien der Stoiker für ein sinnvolleres Leben

Lektüre-Empfehlungen:

  • Marc Aurel: Selbstbetrachtungen
  • Seneca für Zeitgenossen – ein Lesebuch zur philosophischen Lebensweisheit
  • Epiktet: Handbüchlein der Moral

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