Das philosophische Opfer
Ein Ausdruck der Freiheit, der Freude und des tiefempfundenen Glücks
Ich sehe meinen Vater noch vor mir, wie er in seinem rot karierten Flanellhemd auf den Felsen über dem See steht … Die Kaffeekanne in der Hand, gießt er einen dicken braunen Strahl auf den Stein. Das Gesicht der Sonne zugewandt: „Für die Götter.“ Erst dann schenkt er unsere Kaffeetassen voll.
Dies erzählt Robin Wall Kimmerer im Buch „Geflochtenes Süßgras“ und beschreibt ein uraltes Ritual, nach dem viele Völker (bis heute) zuerst eine Opfergabe darbringen, bevor sie für sich sorgen. Diese Geschichte und viele andere aus diesem Buch bringen mich zum Thema „Opfer“: zur Bereitschaft, auf etwas zu verzichten oder etwas Außergewöhnliches zu leisten – zum Wohle anderer Wesen, der Natur oder für Ideale und Werte.
Wikipedia definiert Opfer ausschließlich im religiösen Sinn als Darbringung von materiellen Objekten belebter oder unbelebter Art an eine metaphysische Macht. Die Internetseite DWDS (deutscher
Wortschatz) ergänzt folgende Aspekte:
- unter schmerzlichem Verzicht dargebrachte Spende
- Gabe für eine Gottheit
- jemand, der eine Missetat oder etwas Schlimmes erdulden musste beziehungsweise jemand oder etwas fällt einer Sache zum Opfer

Es gibt jedoch noch eine weitere Form, die beide Definitionen nicht berücksichtigen: die bewusste und bereitwillige Hingabe und „Aufopferung“ für andere Menschen, Überzeugungen und Ideale. Wir kennen historische Beispiele wie Sokrates, Giordano Bruno oder Margarete Porete, eine französische Mystikerin, die auch auf dem Scheiterhaufen endete. Aktuellere Beispiele finden wir beispielsweise bei den Helden von Fukushima oder den Feuerwehrleuten in Kalifornien, die unter Einsatz ihres Lebens das wütende „Sunset Fire“ bekämpften.
VIELSCHICHTIGE BEDEUTUNGEN
Einige meiner philosophischen Schüler meinten, dass der Begriff „Opfer“ erst einmal einen negativen Beigeschmack hätte, denn die erste Assoziation war „Opfer sein“, sich in einer Opferhaltung befinden.
Oder auch das Schimpfwort „du Opfer“. Hier sehen wir einen ersten interessanten Punkt: „Opfer“ kann aktiv oder passiv sein. Man kann ein Opfer aktiv darbringen, aber auch Opfer eines anderen oder
einer Situation sein. Und häufig begegnen uns Leute, die sich machtlos fühlen und eine Opferhaltung angenommen haben. Diese Haltung ist wenig förderlich, denn man verliert Handlungsfähigkeit und
Selbstwirksamkeit.
Die Naturphilosophie lehrt eine kosmische Gerechtigkeit, das Gesetz von Dharma und Karma, nach dem alles, was geschieht, sinnvoll und notwendig ist. Die Proben und Herausforderungen des Lebens dienen dem inneren Wachstum. So können wir Verantwortung für unser Schicksal übernehmen und unsere Bestimmung erkennen.

Diese besteht nicht in äußerem Erfolg, Besitz oder Ansehen, sondern in der Übereinstimmung mit den Naturgesetzen, in guter Beziehung mit allen Wesen und in innerer Freiheit glücklich sein. Das gelingt, wenn wir aktiv Verantwortung für unser Leben und auch für ein hartes Schicksal wie eine schwere Krankheit übernehmen. Also auf keinen Fall ein „Opfer“ der Umstände zu sein, sondern seinen Frieden machen.
Das Opfer setzt heilige Freiwilligkeit voraus. Der Sklave zahlt unter Zwang Tribut.
Erich Limpach
DAS AKTIVE OPFER
Für uns ist es heute ungewohnt, ein Dankesopfer darzubringen. Robin Wall Kimmerer, die mit den indianischen Traditionen groß geworden ist, fragte bei jeder Ernte von Heilpflanzen, Rinden, Beeren
oder Wurzeln die Pflanze, ob sie bereit war zu geben. Nach der Ernte zerbröselte sie Tabak auf dem Boden, um der Natur etwas zurückzugeben.
Diese Haltung mutet uns heute seltsam und aus der Zeit gefallen an. Doch ist nicht das genaue Gegenteil der Fall?
Das Nomen „Opfer“ ist eine Rückbildung aus dem Verb „opfern“. Dieses wird auf das lateinische Verb operare („ausführen“, „verrichten“) oder zu lateinisch offerre („darbringen“, „schenken“) zurückgeführt, in der Bedeutung „der Gottheit dienen“, „Almosen geben“.
DER ASPEKT DES HEILIGEN
Die Herkunft des lateinischen Begriffs für „sacrificium“ bringt den Aspekt des Heiligen hinein. Denn er leitet sich ab von „sacrum facere“, was so viel bedeutet wie heilen / ganz machen. Seit der Industriellen Revolution haben wir den Kontakt zur Natur und das Bewusstsein für die Gaben der Schöpfung verloren. Das Leben auf Erden ist nur durch Sonne und Mond, die Elemente, die Tiere und Pflanzen usw. möglich. Sie alle dienen uns. Und so war und ist es Brauch, durch Opfergaben etwas zurückzuerstatten, um den Kreislauf des Lebens in Gang zu halten. Wer bekommt, gibt zurück. In unserem Brauch des Erntedankfests hat sich dies erhalten.

Der Theosoph Sri Ram beschreibt, dass das Leben auf Erden dem Opfer des großen göttlichen Prinzips zu verdanken ist, das sich aus einer unerschöpflichen Quelle immerwährend ergießt. Das sei die göttliche Bewegung, denn alles Leben ist Bewegung. Auch wir Menschen mögen diesem Prinzip des freudvollen Gebens folgen. „Wenn wir die Menschen um uns herum mit unserer Sympathie und unserem Verständnis überhäufen, wenn wir gut an sie denken und ihnen schöne und hilfreiche Gedanken schicken, wachsen
wir im Geben und stellen fest, dass es uns immer leichter fällt, Dinge auf der physischen Ebene zu geben. Auf diese Weise lernen wir ein Leben des Dienens und der Aufopferung zu führen – die physische Ebene miteingeschlossen, denn das Leben ist ein Prozess der Veränderung von innen nach außen. Wenn wir einen Geist des Gebens haben, wird er sich in unserem äußeren Leben mit allen natürlichen Mitteln manifestieren.“
