Das philosophische Opfer
Jede Lebensform hat ihre Aufgabe und Bestimmung im großen Kreislauf und Zusammenspiel des Lebens. Wir bekommen Licht, Wärme, Pflanzen, Tiere, Wasser, Luft zum Atmen, … aber auch Vogelgesang, Sternenglanz, Sonnenuntergänge, Blütenpracht, Tannenduft, Meeresrauschen …
Und wir haben das Feuer erhalten, den göttlichen Funken, das spirituelle Element. Auch dies ist einer Opfergabe zu verdanken. Als Prometheus – der Menschenfreund – erkannte, dass sein Bruder Epimetheus alle Gaben der Götter den Tieren schenkte und die Menschen frierend und ängstlich in Höhlen hockten,
erfüllte ihn großes Mitgefühl. Er brachte das göttliche Feuer den Menschen. Damit war vor allem das geistige Feuer gemeint. Zur Strafe wurde er von Zeus an den Kaukasus gekettet. Allnächtlich kommt
ein Adler und frisst seine Leber, die tagsüber nachwächst. Eine unendliche Qual, die er seit damals zum Wohle der Menschheit auf sich nimmt.

In Indien gibt es eine ähnliche Legende, nach der die Manasaputras, die strahlenden Väter der Menschheit, sich opferten und ihr Schicksal mit dem der Menschheit verknüpften, um sie vor Irrwegen zu
bewahren. Es wird erzählt, dass sie ihre engelsgleiche Daseinsform aufgaben, um der Menschheit zu helfen. Und weiter sagt man, dass es eine Seelengruppe gibt, die dieses Opfer zutiefst berührte und die
deshalb einen Pakt mit den Manasaputras schloss. Sie versprach, alles zu tun, damit diese feurigen Wesen so schnell wie möglich in ihre himmlischen Welten zurückkehren könnten. Seitdem inkarniert diese
Seelengruppe immer wieder und opfert sich, um Menschen beim geistigen Erwachen zu unterstützen.
Heute haben wir dieses uralte Prinzip vergessen, das den Kreislauf der Schöpfung seit jeher in Gang hält. In der westlichen Welt leben wenige auf Kosten von vielen, beuten die Natur aus und zerstören sie. Wir
erfüllen unser „sacrificium“, unser heiliges Amt nicht. Heute empfinden es viele Menschen als selbstverständlich, möglichst viel zu bekommen, ohne etwas zu geben. Die Konsummentalität hat uns etwas sehr Wertvolles genommen: die große Befriedigung, etwas Wertvolles beitragen zu können. Das verleiht dem Menschen Würde und Glück. Etwas zu geben, befreit.

Die Ägypter, deren zutiefst ökologische und humanistische Geisteshaltung von modernen Archäologen immer deutlicher erkannt wird, lehrten ihre Bevölkerung, der „Maat“ zu dienen. Dies war sowohl eine Gottheit als auch das Prinzip von Wahrheit-Gerechtigkeit-Solidarität. Jeder hatte die Pflicht, seinen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Ordnung und des friedlichen Zusammenlebens zu leisten. Die größte Verantwortung in diesem Sinne trug der Pharao. Zahlreiche Darstellungen zeigen, wie der Pharao vor den
Göttern kniend mit beiden Händen eine Feder oder eine kleine Gestalt der Göttin Maat darbringt.
„GEIZ IST GEIL“
Dieser Slogan wäre von den Ägyptern als inakzeptabel verachtet worden. Solches Denken zerstört die menschliche Verbundenheit und Solidarität.
Er ist das genaue Gegenteil der Idee, nach welcher Opfer mit Verzicht in Beziehung steht. Und es ist ganz natürlich, auf etwas zu verzichten: Eltern von Kleinkindern auf Schlaf, Sportler und Künstler beispielsweise auf Freizeit. Auf diese Art befreit ein Opfer Energie, wenn man Wünsche zugunsten eines höheren Ideals aufgibt. Auch zahlreiche Menschen in „systemrelevanten“ oder sozialen Berufen verzichten auf Nachtruhe, Feiertage, einen geregelten Lebensrhythmus zum Wohle anderer. Viele riskieren sogar ihr Leben – wie Polizisten, Soldaten, Feuerwehrleute, Katastrophenhelfer und die „Helden von Fukushima“.

OPFERN KANN AUCH FREUDVOLL SEIN
All diese Menschen zeigen Hingabe, Liebe und Einsatzbereitschaft. Dies ist Seelenadel und erinnert an Verhaltensweisen von ägyptischen Beamten oder die Konfuzius in seinen Annalekten dem Djün-Dse, dem edlen Menschen, ans Herz legt.
Nicht alle Opfer werden unter „schmerzlichem Verzicht“ dargebracht, sondern durchaus auch gerne. Wahre Opfergaben sind frei von Hintergedanken oder dem Wunsch nach Gegenleistung. Opfer fördern die Tugenden der Großzügigkeit und Freiheit, des Mutes, der Demut und Dankbarkeit.
PRAKTISCHE ANWENDUNGSMÖGLICHKEITEN:

- Öffnen Sie Ihren Geist und Ihr Herz für Sonnenlicht und Wärme, Nahrung, sauberes Trinkwasser, ein Dach über dem Kopf – im Winter gut geheizt! Auch beschenkt uns die Natur mit ihrer Schönheit und Regenerationskraft.
- Seien Sie dankbar für die aktuelle Situation in unserem „Auenland“. Wir leben in Sicherheit, Frieden und mit funktionierender Infrastruktur. Wir können unsere Meinung frei äußern, reisen, wann und wohin wir wollen und gehen unseren Interessen nach.
- Üben Sie Großzügigkeit und wagen Sie es, aus vollem Herzen zu schenken. Das wird den Begünstigten zu Freigiebigkeit inspirieren, denn starke Seelen wollen geben, wenn sie etwas erhalten. So entsteht eine Kette der Großzügigkeit.
- Üben Sie Verzicht zugunsten anderer! Bringen Sie persönliche Bequemlichkeiten als Sacrificium, als „heiliges Amt“ auf dem Altar der Solidarität dar und dienen Sie Ihren Mitmenschen! Es gibt zahlreiche Institutionen und Vereine, in denen Sie ehrenamtlich tätig sein können, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Alles in allem: Opfern Sie freudig, und Ihr Leben wird sich verändern!
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 180 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht.
