Wandel – eine Erziehung für die Veränderung

Wandel – eine Erziehung für die Veränderung

Veränderung, Wandel

Historisch gesehen haben alle Gesellschaften Krisen durchlebt, die Menschen dazu veranlassten, ihre Vision von der Welt zu erneuern. Jede dieser Krisen erzeugte einen notwendigen Wandel, damit man mit der Veränderung besser umgehen kann. Das 20. und das 21. Jahrhundert sind dabei keine Ausnahme.

Wie können wir diese Wende bewältigen? Bildung und Erziehung sollten junge Menschen auf eine Welt vorbereiten, in der es weniger Energie gibt, und sie in Gartenanbau, Kochen, Landwirtschaft, Wald- und Feldarbeit trainieren … nicht nur, um eine Verbindung zur Natur wiederherzustellen, sondern um von ihr zur lernen.

Wir erleben eine Epoche der vielfältigen Veränderungen: das Auftauchen der digitalen Welt und sozialer Netzwerke, der Klimawandel, neue Produktionsformen, Begeisterung für das Natürliche … Eine neue Generation fordert uns heraus, unser Bildungs- und Erziehungssystem zu überdenken.

Eine Welt in der Krise

In Wirklichkeit erleben wir mehrere Krisen gleichzeitig. Wie Abdennour Bidar (1) betont, ist die Mutter aller Krisen die Krise der Verbundenheit.

Wenn es einen Riss gibt, gibt es eine Krise. Die ökologische Krise beruht auf dem Zerreißen der Verbundenheit mit der Natur und so vergiften wir die Natur. Die wiederholten Wirtschaftskrisen zeigen uns das Zerreißen der Verbindung von Gerechtigkeit und Teilen. Die Phantasien vom Zusammenprall der Zivilisationen beschleunigen die geopolitischen Krisen.

Der Bruch zwischen den spirituellen Inspirationen von Menschen und Gesellschaften, die zu materialistisch geworden sind, hat eine Sinnkrise verursacht, wie wir sie lange nicht erlebt haben.

Die Wissenskrise, die für uns von besonderem Interesse ist, ist das Ergebnis der Aufteilung des Wissens in unterteilte Fachgebiete und der mangelnden Kommunikation zwischen wissenschaftlichen, humanistischen und spirituellen Visionen der Welt.

All das führt dahin, dass uns bewusst wird, dass wir in einem Zeitalter des Übergangs leben, zwischen einer bekannten Welt und einer anderen, die wir erst kennenlernen werden und für die jeder von uns Verantwortung trägt.

Eine Welt im Übergang

Ein Übergang ist eine Passage, ein gradueller Zwischenzustand zwischen zwei Zuständen: Zwei Ideen, zwei Situationen, von einer Entwicklung in eine andere hinein.

Eine Kultur des Übergangs ist nicht nur eine einfache Frage der erneuerbaren Energien. Sie beinhaltet gleichermaßen, sich im Inneren zu ändern. Einen neuen geistigen Zustand einzunehmen.

Dabei wird es wichtig zu wissen, zu welchem Zweck und aus welchem Grund wir leben.

Die Rolle der Erziehung im Übergang

Angesichts der Unsicherheiten und der Widersprüche, denen wir uns stellen müssen, ist eine positive Vision wesentlich. Und die beginnt mit der Erziehung: Wir sollten lernen, das Wesentliche und Positive, was wir in uns tragen, ans Licht zu bringen und es real werden lassen.

Schwierigkeiten zwingen uns, unsere Komfortzone zu verlassen, das Beste aus uns herauszuholen und uns zu verwirklichen.

Wie der Philosoph Arne Naess (2) erklärt, bedeutet der Erwerb der eigenen Identität, die traditionellen Grenzen der persönlichen Individualisierung zu überschreiten, was zur Identifikation mit allen anderen Formen des Lebens führt.

Bildung sollte Einzelpersonen und Gemeinschaften zu Resilienz (3) führen. Sie sollten junge Menschen auf eine Welt vorbereiten, in der es weniger Energie gibt, und sie in Gartenanbau, Kochen, Landwirtschaft, Wald- und Feldarbeit trainieren … nicht nur, um eine Verbindung zur Natur wiederherzustellen, sondern um von ihr zur lernen.

Permakultur erzeugt Bindungen

Ein wesentlicher Punkt für eine Philosophie des Übergangs ist die Permakultur. Philosophie und Permakultur haben als gemeinsames Ziel Verbindungen herzustellen, Natur und Menschen zu studieren und mit Intelligenz für das Gute zu arbeiten.

Die Permakultur ist in den 1970er Jahren während der ersten Ölkrise entstanden. Ihr Name (engl.: permanent culture) beschreibt eine Kultur der Nachhaltigkeit. Hierin ähnelt sie der überzeitlichen Philosophie und ihrer Ethik. Seit 15 Jahren erlebt die Permakultur in verschiedenen Umgebungen und Ländern einen Aufschwung. Sie erinnert uns an ein jahrtausendealtes Konzept der alten Ägypter: Dass eine wahrhaft menschliche Gesellschaft in der Lage ist, eine bewohnbare Welt zu schaffen, die Widersprüche durch die Begriffe Vertrauen, Solidarität, Zusammenarbeit, Gerechtigkeit und Wahrheit integriert in einem einzigen Konzept, welches die Ägypter Maât nannten.

Heute stehen wir vor der gleichen Herausforderung mithilfe der Permakultur. Deren Ziel ist es, lebensfähige menschliche Siedlungen zu schaffen um damit unter anderem folgende Konzepte zu verbinden:

  • beobachten und interagieren,
  • Energie einfangen und speichern,
  • keinen Abfall produzieren,
  • vom Allgemeinen zum Spezifischen gehen,
  • integrieren statt trennen,
  • sich an Veränderungen anpassen und sie mit Kreativität zu nützen …

Eine Begleitung zur Veränderung

Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Übergangserziehung liegt darin, zu verstehen, dass Veränderungen nicht auf einmal stattfinden (4). Es beginnt mit der Erkenntnis der Notwendigkeit, sich selbst zu verändern, der Anwendung großer moralischer Kraft, gefolgt von Handlungen auf individueller und kollektiver Ebene, die dann in das tägliche Leben integriert werden müssen.

Wie auch immer die Veränderungen sein mögen: es ist wichtig, dabei unterstützt zu werden. Um das Voranschreiten besser zu erleben oder den Rückschritt auf eine vorhergehende Stufe zu vermeiden.

Diese Erziehung zum Wandel erfordert die Entwicklung von Geduld und Vertrauen, um die Bemühungen langfristig zu leiten. Und es ist auch erforderlich, einen Ort und ein offenes Ohr anzubieten, um den Widerstand gegen Veränderung überwinden und darüber hinauswachsen zu können.

Wenn wir Schwierigkeiten haben, uns individuell und kollektiv zu verändern, liegt es an einer zu starken Gewöhnung an unsere Gesellschaft, obwohl diese nicht funktioniert. Und an dem Glauben, dass es unmöglich ist, etwas anderes zu tun.

In jeder Epoche der Geschichte haben Krisen stattgefunden, die Übergänge hervorgebracht haben, die die Entstehung neuer Weltbilder ermöglichten. Warum nicht auch im 21. Jahrhundert?

1968 wurde ein Slogan ins Leben gerufen:“L’imagination au pouvoir“. [bedeutet in etwa: sei überzeugt von der Machbarkeit –  vielleicht vergleichbar mit „Yes, we can“, Anm.d.Ü.]. 

50 Jahre später ist es zweifellos an der Zeit, sich darauf einzulassen, um paradoxerweise zu Schöpfern des Unmöglichen zu werden.

Fußnoten:

  1. Französischer Philosoph, geb. 1971, Spezialist für aktuelle Entwicklung des Islam und der Veränderungen im spirituellen Leben der Welt unserer Zeit
  2. Norwegischer Philosoph (1912 – 2009), Begründer der Tiefenökologie
  3. Kapazität eines Systems zur Anpassung an die Schocks und die äußeren Ereignisse
  4. Siehe dazu Chris Johnstone, Pionier in Resilienztraining und einer der Akteure des Wandels von Beginn an. Gemeinsam mit Joanna Macy Autor von Hoffnung durch Handeln: Dem Chaos standhalten, ohne verrückt zu werden.

Aus Revue Acropolis 305 von März 2019, https://www.revue-acropolis.fr/la-transition-laccompagnement-au-changement/

Übersetzung: Traudl Plattner

Literaturempfehlung:

Wie du die Veränderung wirst, die du dir wünschst:

 

Eine Antwort

  1. […] stellt Rob Hopkins fest und verweist damit auf eine andere Krise, die schon in den 1990ern offensichtlich wurde – die Krise der Kreativität. Studien zeigten, dass der IQ als Indikator für das rationale-kognitive Denken weltweit beständig ansteigt, während die Entwicklung der Kreativität einem kontinuierlichen Abwärtstrend folgt. Doch gehen uns wirklich die Ideen aus? Mitnichten, meinen Neurobiologen, denn diese Fähigkeit ist plastisch und erneuerbar bis ins hohe Alter. Wenn wir unsere Kreativität wieder benutzen, wächst sie und bringt immer wieder Neues hervor, von dem wir nicht wussten, es denken, vorzustellen, es tun zu können. Genau an dieser Stelle beginnt der Wandel. […]

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