Idealismus im Dachgeschoss: Die Tübinger Philosophen-WG
In den 1790er-Jahren studierten Hegel, Hölderlin und Schelling am Stift in Tübingen, der universitären Ausbildungsstätte für evangelische Pfarrer in Württemberg. Eine Zeit lang teilten sie sich sogar eine Stube. Es entstand eine philosophisch-intellektuelle Freundschaft, die das geistige Leben in Deutschland
langfristig beeinflusste. Pfarrer ist keiner von ihnen geworden.
Wer es auf das Stift geschafft hatte, hatte es geschafft. Sein Leben würde in geordneten Bahnen verlaufen,
entweder als Hofbeamter oder als protestantischer Pfarrer, zwar nicht gut besoldet, jedoch angesehen. Freilich war es nicht einfach, ein Stipendium für das Stift zu bekommen. Davor standen viele Examen.
Blitzgescheit waren alle Stiftler, doch das Selberdenken war ihnen von höchster Stelle verboten. Herzog Carl Eugen, der von 1744 – 1793 regierte und ihre Ausbildung und ihren Lebensunterhalt beglich, wollte
eine Kirche, die sein absolutistisches Regime unterstützte. Man musste sich also fügen bis zur Verkrümmung. Einigen gelang das besser als anderen; manche zerbrachen daran.
DAS DREIGESTIRN
Obwohl die Familien von Hegel, Hölderlin und Schelling zur schwäbischen Ehrbarkeit gehörten – so die Bezeichnung für das gehobene Bürgertum – waren sie nicht so begütert, dass sie ihren Söhnen ein frei
finanziertes Studium hätten ermöglichen können. Da war ein Stipendium auf dem Stift die einzige Möglichkeit.
- Außerdem war zumindest die Mutter von Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) fest entschlossen, aus ihrem Sohn einen Pfarrer zu machen. Also ging er in Nürtingen, wo er aufwuchs, von 1775 bis 1784 auf die Lateinschule und bekam Privatunterricht in Latein, Griechisch, Hebräisch und Rhetorik – bitte rechnen Sie nach, wie alt der Junge war.
- 1783 kam ein absoluter Überflieger auf diese Schule, der junge Friedrich Schlegel (1775 – 1854). Der Bub war geradezu erschreckend gescheit, auch nicht gerade bescheiden, und das machte ihn bei seinen Mitschülern unbeliebt, aber Hölderlin verteidigte ihn. Schelling verließ die Nürtinger Schule schon nach drei Jahren, weil ihm seine ratlosen Lehrer nichts mehr beibringen konnten. Sein Vater, ein Theologe und Orientalist, war Schulleiter des Seminars Bebenhausen bei Tübingen und setzte seinen Sohn zu seinen ältesten Schülern. 1790 durfte der fünfzehnjährige Schelling mit einer Sondergenehmigung ins Tübinger Stift einziehen. Hölderlin besuchte nach Nürtingen noch das Seminar in Maulbronn und ging von dort 1788 aufs Stift. (Bebenhausen und Maulbronn sind ehemalige Klöster und heute Weltkulturerbe.)
- 1788 kam auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel ins Stift. Er war im gleichen Jahr wie Hölderlin geboren (1770), hatte in Stuttgart ein Gymnasium besucht, das ihm weniger gute altphilologische Kenntnisse, dafür aber einen Hauch von freiheitlichem Denken vermittelte. Hegel war ein Spätzünder. Er galt schon seinen Kommilitonen als „alter Mann“, und tatsächlich gibt es kein Jugendbildnis von ihm. Er brauchte halt ein bisschen länger, war besonnener als die beiden anderen und vor allem darauf bedacht, dass seine Pfeife nicht ausging. Nun war es also zusammen, das Tübinger Dreigestirn. Fünf Studienjahre lagen vor ihnen.

„MODERT KNECHTE! FREIE TAGE STEIGEN / LÄCHELND ÜBER EUREN GRÄBERN AUF.“ (HÖLDERLIN 1791)
Die Ausbildung, zu der auch Mathematik und Astronomie gehörten (Kepler war ein Stiftler gewesen), war exzellent, obwohl sie sich streng an die politischen und kirchlichen Vorgaben hielt. Wenn nur die dauernde Gängelei nicht gewesen wäre, dieses Leben, das nur aus Verboten zu bestehen schien: kein Wirtshausbesuch, kein Alkohol und natürlich keine Mädchen. Und keine verbotene Lektüre! Natürlich
wurden die Verbote umgangen. Wenn man erwischt wurde, setzte es Karzer, eine Art Studentengefängnis.
Die verbotenen Bücher wurden unter Steinen am Neckarufer versteckt. Dazu gehörten Rousseau, für Hegel der Leitstern seiner Jugend, Diderot, Voltaire, Kant, an dem sich Schelling abarbeitete, Leibniz,
dem sich vor allem Hölderlin widmete, Spinoza – und Schiller! Schiller, der vor dem Herzog außer Landes fliehen musste. Und Schubart, der von Carl Eugen zehn Jahre auf der Festung Hohenasperg eingekerkert wurde! Beiden waren ihre freiheitlich-republikanischen Gedanken zum Verhängnis geworden. Unsere drei lernten ihre Helden früher oder später persönlich kennen.

Dann 1789 der Paukenschlag: der Sturm auf die Bastille, die Französische Revolution. Im selben Jahr waren die Menschenrechte in Kraft gesetzt worden. Damit sollte die Unterdrückung des Volkes enden. Im Stift brodelte es. Man ließ sich französische Magazine kommen, gründete Debatier-„Klupps“. Dass Hegel, Hölderlin und Schelling um einen Freiheitsbaum, diesem Symbol der Französischen Revolution, tanzten, mag eine Anekdote sein, im übertragenen Sinne stimmt sie aber. Man war hoch gestimmt, sah eine bessere Zukunft wie die Morgensonne am Horizont aufgehen. Wir können uns wohl nur schwer vorstellen, mit welcher Wucht dieser Traum zerstört wurde, als die Revolution immer mehr im Blut versank. Später dann noch einmal ein kurzes Aufflackern: Napoleon. War er der ersehnte Freiheitsheld? Und wieder wurden Hoffnungen enttäuscht. Vor allem dem sehr empfindlichen Hölderlin setzte das zu. Doch die Freunde, nicht nur Schelling und Hegel, auch andere, fingen ihn immer wieder auf.

DAS ÄLTESTE SYSTEMPROGRAMM DES DEUTSCHEN IDEALISMUS
Mit welchen philosophisch-politischen Fragen sich die jungen Leute beschäftigten, haben wir schon erfahren. Was trieb sie noch um? Natürlich das Christentum, damit waren sie ja täglich konfrontiert.
Einig waren sie sich in der Ablehnung seiner zeitgenössischen Ausprägung; im Urchristentum fanden sie jedoch Antworten auf ihre Fragen. Ihre Begeisterung für das antike Griechenland kannte jedoch keine
Grenzen. Wie bekommt man diese unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Ideen unter einen Hut? Sie waren zweifelsfrei Idealisten in dem Sinne, dass sie sich um ein ethisches Verhalten im Bezug auf die
Gesellschaft bemühten, dies durchdachten und diskutierten.
