Kunst erleben und verstehen lernen

Kunst erleben und verstehen lernen

Eine Zeitreise von der Antike bis zur Moderne

„Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit“ liest man am Eingang der Wiener Sezession. Ähnliches sagte schon Friedrichs Schiller. Was aber erzählt uns die jeweilige Kunst über ihre Zeit? Und hat sie auch etwas Überzeitliches?

Beginnen wir mit dem Überzeitlichen.

SCHAUPLATZ NUMMER 1

Museo de Prado, Madrid. Ein Audioguide führt mich von Raum zu Raum, von Meisterwerk zu Meisterwerk. Ich staune ob der Farben, Formen, Kompositionen, Harmonien, Kontraste. Und manchmal bin ich regelrecht entrückt. Wie bei der „Verkündigung“ von Fra Angelico: Links im Bildhintergrund die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Im Vordergrund die Verkündigungsszene. Und ein Lichtstrahl, der aus der Sonne im Hintergrund auf die Muttergottes fällt. Da begreife ich etwas vom Sinnzusammenhang zwischen uns aus dem Paradies Vertriebenen und der verkündeten Erlösung durch einen Sohn Gottes. Ich verstehe die Notwendigkeit des Menschen, sich seine Göttlichkeit wieder zu erobern, um ins Paradies zurückzukehren. Und ich verstehe, dass jedes Geschehnis nur die Wirkung einer im Hintergrund liegenden Ursache ist. Und noch mehr verstehe ich. Vor allem verstehe ich, dass jedes dieser meisterlichen Werke eine besondere Botschaft, eine Art Wahrheit offenbart. Die ich nicht immer verstehe und die mir auch der Audioguide nicht immer verständlich macht.

SCHAUPLATZ NUMMER 2

Was erzählen uns die großen Philosophen über den Sinn der Kunst? Der erste bekannte Kunsttheoretiker war wohl Aristoteles. Für ihn ist der

Zweck der Kunst nicht die Darstellung der äußeren Erscheinung der Dinge, sondern ihrer inneren Bedeutung.

Der römische Dichter Horaz meinte, „wie die Malerei, so die Dichtung“ und betonte ihre Fähigkeit, Schönheit und Wahrheit auszudrücken.

Auch wenn im Mittelalter Kunst oft kritisch als Ablenkung von Gott verstanden wurde, sah beispielsweise Anselm von Canterbury (1033 – 1109) in ihr eine Möglichkeit, die göttliche Wahrheit und Komplexität der Schöpfung zu verstehen.

In der Renaissance, der Wiedergeburt der antiken Ideale, lesen wir bei Leonardo da Vinci (1452 – 1519):

Die Malerei ist eine stumme Poesie, und die Poesie ist eine blinde Malerei. Beide Kunstformen streben danach, die Wahrheit zu enthüllen.

Für Goethe ist die „Kunst eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“

Und kommen wir noch zu Hegel, einem der bedeutendsten Kunstphilosophen der Neuzeit. Er sieht in der Kunst – neben Religion und Philosophie – eine Form des absoluten Geistes. Durch die Kunst wird das Absolute für die Sinne fassbar gemacht. Just Hegel spricht auch vom Ende der Kunst. Was nicht das Ende aller künstlerischen Produktivität bedeutet, sondern der Verlust dieser höchsten Funktion von Kunst als Darstellung des Absoluten. Und das vor über 200 Jahren. Lange vor dem Entstehen der modernen Kunst, die durchaus ähnlichen Kritiken ausgesetzt ist.

So diente die Kunst für den britischen Philosophen und Kulturkritiker Roger Scruton ursprünglich dazu, tiefere Wahrheiten und menschliche Erfahrungen auszudrücken, während die moderne und postmoderne Kunst oft oberflächlich ist und die Schönheit und den Sinn für das Erhabene verloren hat.

Theodor W. Adorno sieht die Kunst in der heutigen Kulturindustrie zur Ware degradiert, wodurch ihre Fähigkeit, die Wahrheit und gesellschaftliche Verhältnisse zu reflektieren, untergraben wurde.
Sieht man von den Entwicklungen der letzten 100 Jahre ab, lässt sich das Überzeitliche in der Kunst mit den beiden Begriffen Schönheit und Wahrheit einfangen. Schönheit als Ausdruck und Abbild einer göttlichen Harmonie. Und Wahrheit, die durch die Kunst offenbar und dadurch dem Menschen zugänglich und verstehbar wird.

DER ZEIT IHRE KUNST

Tatsächlich ist es faszinierend, wie jede Zeit ihre eigenen Darstellungsformen hervorbringt, die dahinterliegende Bestrebungen und Entwicklungen der jeweiligen Zivilisation und ihrer Menschen zum Ausdruck bringen. So entstanden, oft auch rückblickend, die unterschiedlichen Epochen. Wann hört die Romanik auf und beginnt die Gotik? Warum und wodurch? Und wie wird aus der schlichten Renaissance der bombastische Barock und dann das dekorative Rokoko? Und wie und warum provoziert der Neoklassizismus die Romantik und diese wiederum den Realismus?

Was also erzählt uns die Kunst über ihre jeweilige Zeit? Dazu sind viele Meter Buch geschrieben worden. In diesem Artikel soll der Fokus auf signifikante Schlüsselbegriffe und Werke gelegt werden.