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Altruismus

Der US-Amerikaner Wesley Autrey hatte gerade in der Metrostation einem Epileptiker Hilfe geleistet, indem er ihm einen Kugelschreiber zwischen die Lippen klemmte. Nach kurzer Zeit ließen die Krämpfe nach und der junge Mann stand wieder auf. Wesley ging zu seinen kleinen Töchtern und wartete mit ihnen auf die Einfahrt des Zuges. In dem Moment, als der Zug einfuhr, taumelte der Mann erneut und stürzte auf das Gleisbett.

Geistesgegenwärtig sprang Autrey hinunter, zerrte ihn zwischen die Gleise, warf sich auf ihn, drückte ihn runter. Es blieben gerade zwei Finger breit Abstand zwischen seinem Kopf und dem Zug. Beide überlebten unverletzt.

Ich finde dieses Verhalten bewundernswert und frage mich: Hätte ich genauso gehandelt? Wäre ich mutig genug, mein Leben zu riskieren? Bin ich prinzipiell bereit, mich selbst für andere in Gefahr zu bringen?

Altruismus, Risiko

Wesley Autreys Verhalten steht in krassem Widerspruch zu dem heute verbreiteten Menschenbild, wonach jeder sich selbst der Nächste ist und immer den eigenen Vorteil sucht. Demzufolge sind Egoismus, Gier und Konkurrenzdenken die Haupttriebkräfte im Menschen. Hier jedoch riskiert ein junger Familienvater in Gegenwart seiner kleinen Töchter sein Leben für einen völlig Unbekannten.
Und meint hinterher, nichts Besonderes geleistet zu haben.

Was stimmt? Ist der Mensch dem Menschen ein Wolf, wie Thomas Hobbes im 17. Jh. behauptete? Oder ist er ein zutiefst kooperatives Wesen, wie die neueste Altruismus Forschung lehrt?

Schauen wir uns die beiden scheinbar so unversöhnlichen Menschenbilder an.

Homo oeconomicus – Der manipulierte Mensch

Die Wirtschaftswissenschaft fußt auf der Theorie, dass Menschen nutzenmaximierende und kostenreduzierende Wesen sind, die ausschließlich ihren individuellen Vorteil suchen. Der neoliberale Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedmann ist der festen Überzeugung, dass jede Gesellschaft nur über Habgier funktioniert, selbst als man ihn auf die Ungleichverteilung des Reichtums in der Welt aufmerksam machte.

Die Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mitten in unser Leben gedrängt und beherrscht unser Leben. Einige wenige Konzerne und Superreiche dominieren die Weltwirtschaft. Skrupellos spekulieren sie mit Lebensmitteln, die ein Großteil der Weltbevölkerung zum Überleben braucht. Einigen wenigen Personen dienen sie als Investitionsobjekt, obwohl andere ihrer Menschheitsgeschwister die Produkte zum Überleben brauchen. Die Weltbank schätzt, dass deshalb bis 2008 Hunderttausende verhungert sind … Diese erschreckende Zahl bestätigt die Behauptung der Ikone des Neoliberalismus, Friedrich Hayek: eine Gesellschaft basiert hauptsächlich auf Gewinnstreben und Altruismus spielt überhaupt keine Rolle.

Hauptsache, ich kann mehr verdienen, wenn andere Menschen irgendwo weit weg sterben, ist mir das doch egal.

Die verführerische Macht des Geldes

Die US-Psychologin Kathleen Vohs untersuchte die verführerische Macht des Geldes. Und stellte in Experimenten fest, …dass Versuchspersonen, deren Unbewusstes mit Begriffen aus der Finanzwelt manipuliert worden waren, weniger hilfsbereit waren. Anderen Versuchspersonen wurden auf verschiedene Arten Geldscheine gezeigt. Auch diese waren weniger kooperativ, hatten geringere Lust auf gemeinsame Freizeit und gingen sogar körperlich von ihren Gesprächspartnern auf Distanz.

Die erschreckende und auch vollkommen logische Konsequenz: Geld macht süchtig und die Theorien über grenzenlose Gier, Egoismus und Geiz bringen Menschen dazu, genauso zu agieren! Der Wolf in uns wird gefüttert …
Deshalb leben zehn Prozent der Weltbevölkerung auf Kosten der anderen 90 Prozent. Und viele denken, dass sei der Preis für Wohlstand … und es sei normal, dass nur zehn Prozent privilegiert sind …

Altruismus ist gesund

Glücklicherweise haben immer größere Zweifel am kapitalistischen und neoliberalen Menschenbild die „Altruismus-Forschung“ auf den Plan gerufen. Um die angeborenen Neigungen des Menschen zu erkennen, führte man verschiedene Experimente mit Kleinkindern durch. So zeigte man sechs Monate alten Kleinkindern Videoclips mit einem hilfreichen grünen und einem hindernden blauen Männchen. Als die Kinder anschließend diese Figuren als Spielzeug angeboten bekamen, entschieden sie sich für den Unterstützer.

Am Leipziger Max-Planck-Institut beobachteten 18 Monate alte Jungen und Mädchen einen Erwachsenen, der mit vollen Händen eine angelehnte Schranktüre öffnen wollte. Fast immer halfen die Kleinen und stießen die Tür auf. Kinder, die jedoch dafür mit einem Spielzeug belohnt wurden, waren bald weniger hilfsbereit …

Hilfsbereitschaft und Empathiefähigkeit

sind also anscheinend angeboren und Belohnung bzw. Bezahlung lassen sie verringern.

So waren Menschen, die sich regelmäßig ehrenamtlich engagieren, gesünder als Gleichaltrige. Sie fühlten mehr Begeisterung und Energie und litten seltener an Depressionen. Die Medizin zeigt außerdem, dass empathische Menschen ein besseres Immunsystem haben und deshalb weniger oft erkranken. Entscheidend ist also, wie viel Mitgefühl man selbst empfindet und wie sehr man sich um andere kümmert.

Der Dalai Lama erklärte einmal: „Die erste Person, die von Mitgefühl profitiert, ist derjenige, die sie empfindet.“

Sowohl „Ich“ als auch „Du“

Die aktuelle Weltkrise ist sehr komplex und fordert uns als gesamte Menschheit. Wir können sie nur gemeinsam lösen, weil wir heute extrem vernetzt sind. Noch nie war der Einzelne von anderen, weit entfernten Menschen so abhängig. Noch nie wussten wir so genau, was auf der anderen Seite der Welt passiert. Und viele Menschen sind heutzutage vom weltweiten Leid zutiefst bedrückt. Und fühlen sich machtlos.

Was also tun? Die Philosophie gibt dazu zwei Antworten.

Einerseits im Hier und Jetzt Gutes tun. Weise aus Ost und West haben gelehrt, dass jede uneigennützige Tat der gesamten Menschheit zugutekommt. Vielleicht kennen Sie das Zitat aus dem Matthäusevangelium: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und die östliche Philosophie lehrt die „Rechte Handlung“ oder „Handlung aus Dharma“. Diese altruistische Tat in Übereinstimmung mit dem Evolutionsprinzip trägt zur Befreiung aus Samsara – aus dem Rad der Wiedergeburten – bei.
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten des Engagements: sozial, ökologisch oder – das ist meine bevorzugte Form – philosophisch, d. h., Menschen zum Nachdenken anregen und sie bei ihrem Bewusstseinsprozess unterstützen.

Und so kommen wir zum zweiten Punkt: der Arbeit an sich selbst – getreu Gandhis beliebtem Motto:
„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt.“

Engagement, Ökologie

Die Philosophie war in der Antike Lebenskunst und Charakterbildung, bevor sie zu intellektuell abstrakten Diskussionen verkümmerte. Es ist Zeit, sie wieder zu rehabilitieren – und immer mehr Menschen interessieren sich für den „Weg der praktischen Philosophie“.
Der Weg ist das Ziel – zu einem moralischen und bescheidenen Leben. Wo man die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und Gemeinschaft pflegt und nach einem Verständnis der Naturgesetze und der aktuellen Ereignisse sucht.
Nicht entweder Ich oder Du. Sondern: sowohl – als auch!

Meint Ihre
Gudrun Gutdeutsch

About The Author

Gudrun Gutdeutsch praktiziert seit 30 Jahren philosophische Lebenskunst. Sie leitet seit 15 Jahren ehrenamtlich den Treffpunkt Philosophie Deutschland. Hier ist sie u.a. als Kurs- & Seminarleiterin und Vortragende tätig - mit den Schwerpunkten Psychologie, Spiritualität und Vergleichende Philosophie und Religionen. Seit über 15 Jahren schreibt sie die Serie "Lebenskunst" für das Magazin "Abenteuer Philosophie" und ist Autorin des Buches "Wie duscht ein Philosoph?" Beruflich wirkt sie als Trainerin und als Fachberatung für Kulturelle Vielfalt.

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