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Gaia

Lange Zeit betrachteten die Wissenschaftler die Erde als tote Steinkugel, die sich mechanischen Gesetzen folgend durch das All bewegt. In den letzten Jahrzehnten ist diese mechanistische Sicht des Universums durch viele neue Erkenntnisse ins Wanken geraten. Eine davon ist die Gaia-Theorie, die die Erde als lebenden, sich selbst organisierenden Organismus beschreibt.

1979 wurde die Gaia-Hypothese durch den Biologen und Kybernetiker James Lovelock der Öffentlichkeit vorgestellt. Am einfachsten wird die Gaia-Theorie durch einen Vergleich mit dem menschlichen Körper verständlich.

Der Körper „Erde“

Gaia - Sonnenuntergang

Die Ordnung unseres Körpers wird ständig durch äußere Einflüsse wie z.B. Temperaturschwankungen, Viren, Verletzungen, oder innere Einflüsse wie Angst, Zorn oder Stress bedroht und durcheinander-gebracht. Zur Kompensation dieser Störungen ist eine permanente Kooperation der Bestandteile unseres Körpers notwendig, um den Sauerstoff-, Säure- oder Salzgehalt des Blutes und der Zellen zu korrigieren. Auch die Temperatur des Körpers wird permanent durch Schwitzen (Kühlung) oder Energieverbrennung (Erwärmung) konstant gehalten.

Der Körper verfügt über unzählige solcher Selbststeuerungsmechanismen. Ebenso ist es mit unserer Erde.

Auch sie hat sehr empfindliche Ausbalancierungsmechanismen und reguliert selbst die chemische und organische Zusammensetzung der Atmosphäre, der Meere und der Böden.

Beim menschlichen Körper erfolgt die Selbstregulation zum Beispiel über rote und weiße Blutkörperchen, Zellen oder Bakterien, also Einheiten, die man durchaus als „eigenständige“ Lebewesen mit eigenen Absichten definieren kann. Unser Körper ist also ein Lebewesen, dass wiederum aus kleineren Lebewesen besteht, die sehr wichtig für das Funktionieren des Ganzen sind.

Genauso verhält es sich nach Lovelock mit der Erde. In Bezug auf unseren Planeten sind Menschen, Tiere und Pflanzen die Mikroorganismen, die das Ganze im Gleichgewicht halten. Nehmen wir als Beispiel die Atmosphäre der Erde. Sie besteht zu 21 % aus Sauerstoff. Die restlichen 79 % sind fast nur Stickstoff, auch wenn die anderen Gase wie Kohlendioxyd mit 0,03 % oder Methan und Edelgase, die nur in Spuren vorkommen, in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen sind.

Wussten Sie, dass jedes Molekül dieser Atmosphäre, unserer Atemluft erst kürzlich in den Zellen anderer Lebewesen entstanden ist. Oder anders gesagt: was wir Menschen einatmen, haben andere Lebewesen, vor allem Pflanzen und Mikroorganismen erst kürzlich ausgeatmet – und was wir ausatmen, ist wiederum Basis für den Lebensprozess anderer Lebewesen. Dies gilt nicht nur für den bekannten Sauerstoff-Kohlendioxyd-Kreislauf, sondern genauso für den Stickstoff, der ständig von im Meer lebenden Mikroorganismen freigesetzt wird, die ihn aus nitrathaltigen Salzen gewinnen und damit wiederum den Salzgehalt der Meere regulieren. Würde man dieses Gleichgewicht stören, indem man etwa den Sauerstoffgehalt der Atmosphäre um 1 % erhöhte, würde sich sofort alles, auch feuchtes Gras, selbst entzünden. Eine Steigerung des Kohlendioxyd- oder Methan-Gehaltes würde zu einer Erwärmung der Erde führen.

Wie gut die Selbststeuerungsmechanismen der lebenden Erde funktionieren, sieht man an einem Vergleich mit einem Planeten Erde ohne organisches Leben. Dessen Atmosphäre bestünde aus 98 % Kohlendioxyd, 3,5 % Stickstoff, Sauerstoff und andere Gase wären nur in Spuren vorhanden. Die Oberflächentemperatur der Erde läge im Schnitt bei 240 – 340 ° C (!), der Luftdruck bei 60 Atmosphären (anstatt einer!).

Die durch die Gaia-Theorie dargelegte Fähigkeit der Erde, ein inneres Gleichgewicht bei variierenden äußeren und inneren Umständen aufrechtzuerhalten, lässt uns also die Erde als Organismus oder Lebewesen verstehen.

Das Lebewesen „Erde“

Göttin

Warum löst nun diese sehr wissenschaftlich formulierte Theorie heute eine so emotionell geführte Diskussion unter Wissenschaftlern, Philosophen, Theologen oder einfach interessierten Menschen aus. Was erhitzt die Gemüter so außerordentlich?

Die Frage, ob die Erde als Ganzes lebendig ist oder ob sie nur Träger von Lebewesen ist,

berührt zutiefst unser Weltbild. Betrachtet man die Religionen fast aller antiken Kulturen, so wurde die Natur und die Erde stets als etwas Heiliges, als Lebewesen und als Göttin verehrt. Unter dem Namen Gaia verehrten die Griechen die Erde, Kybele verkörperte ein ähnliches Prinzip für den kleinasiatischen Raum also die heutige Türkei. Noch heute wird die Erde als Pachamama von den Indios, den Nachfahren der Inkas in Südamerika verehrt.
Nur wenigen ist bekannt, dass selbst der Name unseres Planeten sich von der germanischen Göttin Erda ableitet, während die Geologie und die Geografie von Gea, dem römischen Pendant der griechischen Gaia abstammen. Auch viele steinzeitliche Figuren stellen Muttergottheiten dar – wie die auf der Schwäbischen Alb gefundene „Venus vom hohen Fels„, die derzeit mit einem Alter von 35.000 Jahren eine der ältesten figürlichen Darstellung ist.

Als die monotheistischen Religionen ihren Siegeszug über die Welt antraten, war es jedoch vorbei mit der Heiligkeit der Erde. Während die antiken Religionen davon ausgingen, dass das Eine, das Göttliche, sich in seiner Manifestation sowohl im Weiblichen wie auch im Männlichen ausdrückt, wurde das Weibliche bei den monotheistischen Religionen hingegen in ein zweifelhaftes Licht gerückt.
Die den Apfel reichende Eva war Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies, die Verursacherin der Erbsünde. Betrachtet man das Mittelalter, so findet diese Abneigung gegen das Weibliche seinen grausamen Ausdruck in der Rechtlosigkeit, Unterdrückung und Verfolgung der Frauen. Man betrachtet sie als weder zur Bildung befähigt noch würdig für den Priesterdienst in den Kirchen und Tempeln. Weise Frauen stehen mit dem Teufel im Bunde und werden als Hexen verfolgt.

Die Aufklärung wendet sich zwar von Kirche und Religion ab, übernimmt aber sehr wohl die mittelalterlichen Wertvorstellungen und Haltungen. Die Natur, die weibliche Seite des Göttlichen, wird weiterhin als etwas Bedrohliches betrachtet, dem Menschen feindlich gesinnt. Aus diesem Grund muss der Mensch sich auch die „scheinbar“ feindlich gesinnte, ungezähmte Natur mit Hilfe der Technik unterwerfen: Bäche und Flüsse müssen begradigt, lawinengefährdete Hänge verbaut werden. Das „Chaos“ der Mischkulturen muss quadratisch angelegten Monokulturen weichen, Urwälder werden gerodet und wenn es uns möglich wäre, würden wir auch das Wetter bestimmen oder Meeresströmungen umleiten.
Die Natur wird aus anthropozentrischer Sicht in Nützlinge und Schädlinge eingeteilt, wobei letztere unabhängig von ihrem Nutzen für die übrige Natur bekämpft werden.

Die Krankheit

Gaia - Bäume

Betrachtet man heute die Erde aus globaler Sicht, so haben die Menschen mit dieser respektlosen Haltung gegenüber der Natur einen Teil der natürlichen Ressourcen der Erde zerstört und die empfindliche Balance der Ökosysteme nachhaltig gestört. Dennoch wird dieses Problem großteils negiert, auch wenn wir die Folgen Jahr für Jahr dramatischer spüren. Die Erde reagiert mit einer erschreckenden Zunahme von Überschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Sturmkatastrophen und Wirbelstürmen. Die Menschheit hingegen setzt weiter auf Expansion und grenzenloses Wachstum.

Sollten wir die „Krankheit“ unserer Mutter Erde nicht ernster nehmen, nachdem sie sich bereits im Fieber windet? Einige Vertreter der Gaia-Theorie meinen, dass die Erde mit einer Eiszeit reagieren könnte, wie sie das in ihrer Milliarden Jahre dauernden Geschichte öfter getan hat (vor jeder dieser Eiszeiten erfolgte eine kurze Warmzeit).

Ganz sicher brauchen wir heute wieder ein tiefes Verständnis der Natur. Es ist notwendig das komplexe Beziehungsgeflecht der Natur zu erkennen, bevor wir als Menschen eingreifen. Mehr noch als unseren Verstand brauchen wir aber die Liebe zur Natur, zur Mutter Erde. Denn was wir lieben, das respektieren wir auch, das bemühen wir uns zu verstehen.

Die Natur ist mehr als eine beliebig ausbeutbare Ressource für den Menschen.

Die verschiedenen Lebewesen, ob Tiere oder Pflanzen haben ihr Recht auf Leben, ob sie für uns nützlich sind oder nicht. Diese „Menschenrechte“ aller Lebewesen gilt es heute zu verstehen und zu empfinden. Der Mensch ist nicht der Herr der Natur, er ist ein Teil der Natur. Mensch und Natur werden ein gemeinsames Schicksal teilen, im Guten wie im Schlechten. Sorgen wir also dafür, dass es ein Gutes wird.

Literatur:

  • Stephan Harding, Lebendige Erde
  • James Lovelock, Das Gaia-Prinzip
  • Jorge A. Livraga, Auf der Suche nach einer naturverbundenen Zivilisation
  • Elisabeth Sathouris, Gaia, Vergangenheit und Zukunft der Erde

About The Author

Heribert Holzinger ist seit 25 Jahren Autor, Vortragender und Seminarleiter im Bereich praktische Philosophie. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der Anthropologie, Symbologie und der platonischen Philosophie. Als praktischer Philosoph leitete er über 10 Jahre den Treffpunkt Philosophie in Innsbruck und war in den 2000er-Jahren Mitinitiator und Ausbildungsleiter von GEA, einer Initiative für Aktive Ökologie in Österreich. Seit 2008 liegt sein Lebensmittelpunkt in München. Beruflich ist er Seminarleiter im Bereich der Lebenskompetenzförderung, Suchtprävention und in verschiedenen Themen der Persönlichkeitsentwicklung wie Kommunikation, Konflikttrainings und der Erlebnispädagogik. Sein Motto: „Sei mutig! Selbst wenn du es nicht bist - dann gib vor, es zu sein. Keiner wird den Unterschied bemerken.“

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