Schopenhauer und die Berg-Ekstase

Schopenhauer und die Berg-Ekstase

Schopenhauer

Schopenhauer entzieht sich jeder einfachen Einordnung. Er verkündet eine Art subjektiven Idealismus, der zwischen einem Materialismus und einer Philosophie des Geistes schwingt. Sein eigener Anspruch war es nicht weniger als die gesamte Philosophie umzuwerfen. Und sicher hat er wesentliche Erkenntnisse der Psychologie und Geisteswissenschaften vorbereitet und nicht wenige Berühmtheiten wie Freud, C. G. Jung, Nietzsche, Wittgenstein, Einstein, Wagner mit seiner Philosophie erreicht. Bekannt wurde er erst am Ende seines Lebens, insbesondere durch seine Aphorismen zur Lebensweisheit.

Doch etwas verwundert

Durch die Brille einer praxisnahmen Philosophie gesehen, die versucht, theoretische Erkenntnisse auf das eigene Leben anzuwenden, mag es überraschen, wie uns Schopenhauer als Mensch gegenübertritt.

Von einem erhabenen Charakter, gereinigt und erbaut durch eine Berg-Mystik ist wenig zu entdecken. Sein Temperament wird als sehr pessimistisch und ängstlich beschrieben, von einer starken Weltskepsis durchtränkt. „Es wird schlecht und es wird täglich schlechter werden – bis das Schlimmste kommt.“ Durch seine besserwisserische Art und übellaunige Kritiksucht vergrault er nicht nur wohlmeinende Bekannte wie Goethe oder den Verleger Brockhaus, sondern vergällt auch jeden fruchtbaren Kontakt zu den Philosophie-Gelehrten der damaligen Zeit wie Hegel, Schelling, Schleiermacher oder Fichte.

Berg Extase

Im Ringen um das finanzielle Erbe seines Vaters, das es ihm zeit seines Lebens erlaubt, keinem Brotberuf nachgehen zu müssen, kappt er die Beziehungen zu seinen einzigen Verwandten, seiner Mutter und seiner Schwester und lässt sie in ihren prekären Situationen mitleidlos allein. „Ein Genie braucht keine Freunde und Frauen, Monolog ist am interessantesten.“ Die einzige Gesellschaft, die er dauerhaft zulässt, ist sein Pudel.

Als einer der ersten deutschen Philosophen hat er sich eindringlich mit den Lehren aus Fernost beschäftigt

wie den indischen Upanischaden oder den mystisch buddhistischen Texten. Die moralphilosophischen Ideen des Mitleids, des Sowohl-als-Auchs, der Erlösung in einem Nichts- das alles beinhaltet, finden in seinen Schriften Eingang. Doch er steigt auf den Berg, um von den „Zweifüßlern“, wie er gewöhnlichen Menschen abschätzig nennt, möglichst weit entfernt zu sein. Aus dem Chaos der Welt zu entrinnen, sie unter sich zu haben. Er möchte nicht dem Himmel nah sein, sondern der Welt fern, in der es keine Hoffnung gibt und jede Sinnsuche vergeblich ist.

Es drängt sich der Eindruck auf, nicht nur einem Misanthropen, sondern auch keinem moralischen Vorbild gegenüberzustehen, zumindest wenn wir unter gelebter Moral Mitgefühl, Verbundenheit, Verständnis oder Bescheidenheit verstehen. Hatte er das Zerreißen des Schleiers der Maya erlebt? Hatte er einen inneren Himmel erreicht? Kannte er das Gefühlt der allumfassenden Einheit, wenn sich alles auflöst und es kein Subjekt und Objekt mehr gibt, so wie er es beschreibt?

Befristete göttliche Ekstase ohne Gott

eine himmlische Höhe ohne Himmel. Trotz seines Zugangs zu den östlichen spirituellen Weisheitstexten lebte er in metaphysischer Obdachlosigkeit und durchtrennte das Band zwischen oben und unten unversöhnlich.

Praktische Philosophie

Es scheint, als fehlte dem berühmten Philosophen ein praktischer Übungsweg, um nicht nur physisch auf einen Berg zu steigen, sondern sich zu einer Anhöhe der inneren Entwicklung empor schwingen zu können; um einen anstrengenden Weg zu beschreiten, die eigenen Schwächen zu schwächen und Stärken zu stärken, in einem steten Auf und Ab, seine Tugenden zu schmieden und dies im Alltag zu erproben. Und um den Weg bergauf nicht als Flucht, sondern als Schritt hin zu den Menschen zu sehen. Besonders wenn man aus der Vogelperspektive Raum und Zeit überblicken und einen Sinn, eine Aufgabe für sich erkennen kann, oder ein Dharma, wie es die Inder nennen. Eine vita contemplativa wird dabei von Mystikern vieler Epochen für den Weg der Erkenntnis empfohlen. Dabei soll die Verinnerlichung von Philosophie und Kunst den Menschen veredeln, transformieren und nicht nur seine Treibe zähmen.

Philosophie nur zu intellektualisieren, und sein Herz nicht berühren zu lassen, strahlt eine gewisse Kälte aus.

Handlung und Erkenntnis bedingen einander

So lehrt der indische Gesang der Bhagavad Gita. Anders zu handeln als zu fühlen oder zu denken, wirkt unauthentisch.

Die Metapher des Berges und seiner Besteigung ist nichtsdestotrotz von großer Kraft; kann man doch jederzeit einen Berg erklimmen, selbst wenn man abseits der Berge wohnt, wie z.B. in einer Tieflandbucht, wie in Leipzig. Denn das Bewusstsein erheben, sich reinigen von den Anhaftungen des Alltags, den Geist weiten und die Wärme des Lichts spüren, eine schopenhauersche Ekstase also erleben, das ist jederzeit und von jedem Ort aus möglich. Und diese Erkenntnisse dann ernst nehmen und auf sich nehmen. Eine „Ekstase am Berg“ sollte keine Flucht vor der Welt sein, sondern vielmehr eine innere Stärkung, um wieder kraftvoller ins Tal zurückkehren zu können.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 174 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht.

 

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