An der Wurzel gepackt

An der Wurzel gepackt

Wir können uns – wie Pflanzen – verwurzeln oder entwurzeln. Aber immer geht es dabei um die Beziehung zwischen dem sichtbaren und dem verborgenen Leben.

Die Menschen haben sich seit jeher mit Wurzeln befasst. Sei es, um nach einer Rodung die Wurzeln aus dem künftigen Acker zu entfernen oder sei es, um essbare Wurzeln als Nahrung zu nutzen.

Einige Pflanzen bilden aus den Wurzeln neue Triebe, wenn der Stamm abgeschnitten wird, andere hingegen sterben ab. Einige Pflanzen bilden an Schnittflächen von Stängeln oder Zweigen Wurzeln für eine neue Pflanze. Und einige ziehen ihre Lebenskraft unter die Erde in die Wurzel zurück, um Zeiten von Frost oder Dürre mit Eigenschaften zu überstehen, die für uns Menschen Geduld und Zuversicht symbolisieren. Wurzeln leben und wachsen in einem eigenen Rhythmus.

Wenn im Winter der sichtbare Pflanzenteil welk und tot ist, bereitet die Lebenskraft in der Wurzel den nächsten Zyklus vor. Die Wurzel verbindet die Vergangenheit mit der Zukunft und sorgt für Stabilität in der Gegenwart. Abgestorbene Wurzeln können zwar über eine kurze Zeit noch Pflanzen verankern, aber es fehlt die Fähigkeit, neue lebendige hervorzubringen.


Eine Pflanze, die ihrer Wurzeln beraubt ist, lebt gleich einer Schnittblume nicht lange. Eine Wurzel, die nicht mehr im Austausch mit ihrer Pflanze oder über die Wurzelhaare mit der Umgebung steht, stirbt. Ihr starrer und verholzter Rest eignet sich nur für Holzschnitzer, Sammler bizarrer Formen oder als Brennholz. Ein Samenkorn, das hart und leblos wie ein Stein erscheint, bildet beim Keimen zuerst eine kleine zarte Wurzel, bevor mit dem Keimblatt das erste Grün sichtbar wird. Schon Kresse auf der Fensterbank vollbringt dieses lebende Wunder.

MEHR ALS „HART UND ZART“

Wird ein Baum vom Sturm entwurzelt, kommen die harten, verholzten Wurzeln zum Vorschein. Sie sind ebenso verzweigt und stark wie die Baumkrone und charakterisieren den unterirdischen Gegenpol, der für die stabile Verankerung erforderlich gewesen war. Weniger verholzte Wurzeln von Stauden, Zwiebeln, Knollen stellen die Eigenschaften von Dauerhaftigkeit und Beständigkeit in den Vordergrund. Ganz fein, zart und empfindsam sind die Wurzelhaare, die für die Stoffwechselprozesse lebensnotwendig sind.

Nicht nur bei einem Keimling sind diese Härchen mikroskopisch klein. Mit ihnen kommuniziert die Pflanze, bildet Symbiosen mit Bakterien und erkundet tastend ihre Umgebung. Diese zarten, weichen Wurzeln haben eine sanfte unaufhörliche Kraft. Mit dieser können sie Felsen sprengen und Asphaltschichten durchbrechen, wofür Menschen einen Presslufthammer einsetzen müssen. Dabei hinterlässt die Pflanze keinen Trümmerhaufen, sondern verwandelt Steinwüsten in einen Lebensraum für Viele.