An der Wurzel gepackt

An der Wurzel gepackt

MAGIE UND HEILUNG

Weltweit haben Zauberbücher über die Alraune geschrieben und ihre Wirkung als Zaubermittel und bei magischen Ritualen erläutert. Sie ist keine mythologische Erfindung, sondern in der Botanik als giftige Heilpflanze mit narkotischer und psychoaktiver Wirkung der Gattung Mandragora bekannt. Ihre Wurzel mit ihren Nebenwurzeln erinnert entfernt an eine menschliche Gestalt mit Rumpf, Armen und Beinen. Ihre Blätter wachsen wie Haarbüschel direkt aus der Wurzel. Sicherlich spürt eine Pflanze als wahrnehmendes Wesen, wenn sie mit der Wurzel aus der Erde gezogen wird.

Da der Alraune große Menschenähnlichkeit zugeschrieben wurde, glaubte man, dass sie mit menschlicher Stimme ihren Schmerz ausdrückte und man daher ihren Todesschrei beim Herausziehen hören konnte. Ihre getrocknete Wurzel, Alraun-Mann oder Alraun-Frau, galt als Glücksbringer, als Talisman zur Steigerung der Liebe oder als Amulett gegen böse Zauber.
Der Ginseng-Wurzel wird eine ähnliche Schutzkraft gegen das Böse zugeschrieben. Die Kräutermedizin arbeitet mit Wirkstoffen, die in den Wurzeln von Heilpflanzen zu finden sind.


MYTHISCHE WURZELN UND IHRE KRAFT

In vielen Mythen markieren Wurzeln die Unterwelt. Über die Wurzel erfolgt die Verbindung zwischen dem Ort der Verstorbenen, wo Verwesung und Finsternis herrschen, und der Welt der oberirdischen Farben und des Lebendigen. Dieser subtile Grenzbereich gilt als Wohnort der feinstofflichen Gnome. Als in der griechischen Mythologie Persephone die Blume pflückt, die der Gott der Unterwelt hat wachsen lassen, erkennt er von unten anhand der Wurzeln, wo die Blume gepflückt wurde, und kann Persephone in sein Reich hinabziehen. In der nordischen Mythologie nagt beständig der hasserfüllte Drache Nidhöggr an der Wurzel der Weltenesche Yggdrasil um ihr die Lebenskraft zu entziehen und das Ende der Welt zu bewirken. Bei Religionen und Kulturen sind die Mythen verborgene Wurzeln, die neben den erklärbaren Glaubensvorstellungen auf unbewusster und emotionaler Ebene eine Zugehörigkeit schaffen.

Eine Kultur bleibt lebendig, wenn sie sich dieser Wurzel bewusst ist. Denn dann können, wie bei einer Pflanze, mit der Zeit neue sichtbare Formen wachsen, während die Identität mit der Wurzel verbunden bleibt. Die Wurzeln eines Menschen heißen Familie, Traditionen, Muttersprache, Ahnen, Heimat. Es sind dies Faktoren, die unser Aufwachsen prägen, Werten und Haltungen zugrunde liegen und in stürmischen Zeiten einen Sicherheitsanker geben. Die Schwierigkeit, sich anderswo neu zu verwurzeln und sich nicht seiner Wurzeln beraubt zu fühlen, ist eine Begleiterscheinung von Auswanderern und Flüchtlingen aller Zeiten. Auch schon im Kleinen kann der Umzug an einen anderen Wohnort als Entwurzelung empfunden werden. Doch kann man es auch den Pionierpflanzen gleichmachen und sich auf die Abenteuer einer fremden Umgebung mit neuen Chancen der Verwurzelung freuen.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 179 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht.