Dopamine Economy
KURZ- VS LANGZEITRATIONALITÄT
Der Psychologe Walter Mischel führte in den 1970er-Jahren ein berühmtes Experiment mit vierjährigen Kindern durch, das als Marshmallow-Test bekannt wurde. Er bot ihnen Süßigkeiten an, wobei die Kinder die Wahl hatten, die Süßigkeit sofort zu essen oder später noch mehr zu bekommen, wenn sie der sofortigen Bedürfnisbefriedigung widerstanden. Die dafür als Belohnungsaufschub (delay of gratification) bekannt gewordene Fähigkeit erfordert Selbstkontrolle, Geduld und die Fähigkeit zum Verzicht, was insbesondere wichtig ist, um langfristig im wohlverstandenen Eigeninteresse zu handeln. In den folgenden Jahrzehnten wurden die untersuchten Kinder weiter beobachtet und es stellte sich heraus, dass jene Fähigkeit bei ihnen Bildungs- und beruflichen Erfolg deutlich begünstigte.
Dopamine-Economy-Dienstleistungen hingegen verleiten stets dazu, den einfacheren und bequemeren Weg schneller Bedürfnisbefriedigung zu gehen und eher nicht über deren langfristige Konsequenzen nachzudenken. Sie zielen darauf ab, die bewusste Selbstreflexion und -kontrolle zu schwächen, was langfristig ein Suchtverhalten mit geringerer Impulskontrolle, geringerer Frustrationstoleranz sowie weniger Geduld und Bereitschaft zu Verzicht und Disziplin begünstigt.
Es ist kein Geheimnis, dass Suchtverhalten häufig mit kurzsichtigem Denken und Urteilen einhergeht, selbst wenn der Drang, die erwünschte Befriedigung herzustellen, langfristig verheerende Konsequenzen für Betroffene hat.
SOCIAL DESKILLING ALS GROSSE GEFAHR
Mit „social deskilling“ ist hier ein Rückgang sozialer Kompetenzen gemeint, der durch bestimmte Suchtgewohnheiten begünstigt wird. Dopamine Economy fördert schließlich nicht nur die Bequemlichkeit des Menschen, sondern appelliert zugleich an seinen Egoismus. Es geht nicht nur darum, den einfacheren Weg schneller Bedürfnisbefriedigung zu gehen, sondern auch darum, möglichst viel Zeit, Geld und Energie bei echten sozialen Beziehungen zu sparen. Schließlich ist deren Pflege mit Enttäuschungen und Kompromissen verbunden und erfordert das „mühsame“ Erlernen sozialer Kompetenzen wie z. B. Empathie.
Doch wäre es nicht besser, nur die Früchte sozialer Beziehungen zu konsumieren und die schmerzlichen Erfahrungen und Lernprozesse einfach auszusparen? Wozu eine feste Partnerschaft, wenn es viel billiger, unkomplizierter und reizvoller sein kann, Porno- oder Seitensprungportale zu nutzen, die scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten bieten? „Situation ships“ sind heute bei jungen Menschen beliebter denn je. Außerdem stellt sich die Frage: Wozu heute noch echte Freundschaften führen, wenn diese durch virtuelle Begegnungen und Online-Kommunikation ersetzt werden können? Wer möchte, kann heute bereits selbst Chatbots mit erwünschten Merkmalen als virtuelle Freunde erstellen und sich auf eine abenteuerliche Begegnung mit ihnen einlassen.
Der Japaner Akihiko Kondo ging sogar noch weiter. Er heiratete 2018 die virtuell zum Leben erweckte Manga-Figur Hatsune Miku – ein computeranimiertes Hologramm – und damit ist er inzwischen längst nicht der Einzige. Wir alle sollten uns auch darüber im Klaren sein, dass sich die Identitätsbildung vieler junger Menschen längst auf soziale Netzwerke verschoben hat und so viele soziale Kompetenzen gar nicht entwickelt werden können.

ES DROHT EIN VERLUST AN MENSCHLICHKEIT
Menschlichkeit und Egoismus können als Gegensätze betrachtet werden. Während Menschlichkeit stets mit herzlicher, echter Zuneigung und liebevoller Aufmerksamkeit für andere sowie mit sozialen Kompetenzen zu tun hat, zielt Egoismus stets darauf ab, Menschlichkeit durch Nutzenberechnungen zu vernachlässigen. Sowohl Egoismus als auch Menschlichkeit können sich jedoch nur dann innerhalb einer Gesellschaft stark verbreiten, wenn sie durch geteilte Gewohnheiten und Einstellungen kultiviert werden. Dopamine-Economy-Dienstleistungen kultivieren in uns Egoismus und kurzsichtiges Denken, weil sie dazu verleiten, keine unnötige Zeit und Mühe in echte soziale Beziehungen zu investieren.
Stattdessen sollen leichter erreichbare Ersatzbefriedigungen konsumiert werden, die schnellere Dopamin-Kicks liefern (soziale Netzwerke, Pornografie, Glücksspiel, virtuelle Freunde, Computerspiele etc.).
Wir sollten uns ernsthaft fragen, welchen langfristigen Preis wir als Gesellschaft dafür zahlen könnten: etwa immer mehr einsame Menschen (Japan und Großbritannien verfügen bereits über ein eigenes Einsamkeitsministerium. Die Caritas fordert dies nun auch für Österreich), immer weniger Aufmerksamkeit von Eltern für ihre Kinder, immer mehr psychisch Kranke, immer weniger Interesse an Familiengründung, immer weniger Menschlichkeit sowie ein zunehmender Rückgang an sozialen Kompetenzen, die wir alle für ein gelungenes Zusammenleben brauchen.
Je weniger Nachkommen wir zeugen, umso mehr steigt langfristig der Leistungsdruck, um unseren Wohlstand zu erhalten. Je inhumaner die Arbeits- und Lebensbedingungen für uns sind, desto egoistischer und einsamer neigen wir zu werden. Bleibt noch die Möglichkeit der Flucht in virtuelle Welten – ein Teufelskreis.
LITERATURHINWEIS:
https://www.derstandard.de/story/2000139588807/wie-fiktosexuelle-beziehungen-mit-virtuellen- figuren-fuehren (Stand 12.12.2024)
Walter Mischel: Marshmallow-Test. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik. https://lexikon.stangl.eu/3697/marshmallow-test, (3.12.2024)
Videobeitrag des ORF vom 21.12.2024 mit dem Titel: Caritas fordert „Einsamkeitsministerium“ https://orf.at/av/video/onDemandVideo-News15020
Joachim Bauer: Realitätsverlust. Wie KI und virtuelle Welten von uns Besitz ergreifen – und die Menschlichkeit bedrohen. München, Heyne, 2023
David Courtwright: The Age of Addiction: How Bad Habits Became Big Business. Cambridge: Harvard University Press, 2019
M. Duroldt: Manipulationsziel Mensch. Aus: Welt der Wunder, 7(23), 74-79, 2023
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 180 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht.
