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Hoffnung

Verteidigungsrede gegen ein drohendes Todesurteil

Gibt es ein (R)Aus für die Pandemie? Eine Lösung für den Krieg in Europa? Für die Finanz- und Wirtschaftskrise, Umweltkrise, Flüchtlingskrise? Bleibt dem Menschen angesichts einer solchen Kumulation noch Hoffnung? Worauf?

Die Anklagepunkte: Hoffnung erzeugt Illusion nach dem Motto „Wir schließen die Augen, legen unsere Hände in den Schoß und hoffen, dass alles gut wird.“ Hoffnung ist daher nicht philosophisch, maximal dem Genre der Religion zugehörig. Lassen wir sie also getrost sterben!

Die Verteidigung: Was euch, ihr philosophische Menschen, meine Ankläger angetan haben, weiß ich nicht. Ich meinesteils hätte beinahe über ihrer Anklage mich selbst vergessen, wenn ich nicht ich – die Hoffnung – wäre.

Zuerst nun muss ich mich wohl verteidigen gegen das, dessen ich fälschlich angeklagt bin: dass ich bloße Illusion sei. Wohl denn, es gibt verschiedene Arten, mit mir zu leben und umzugehen.

  • Da findet man die einen, die meiner gänzlich ermangeln und in tiefe Verzweiflung stürzen, gefangen in Sinnlosigkeit und kompletter Lähmung. Sie sind unfähig zu jeglicher Handlung – außer vielleicht zu einer Verzweiflungstat. Allein aus diesem Umstand ist es wichtig, dass zumindest ein Funke von mir existiert.
  • Aber zugegeben, es gibt Menschen, die eine eitle Form der Hoffnung pflegen. Auch diese handeln nicht, denn es wird ja von allein alles gut – oder dank der Hilfe der Götter, Engel, Politiker, Experten oder wem auch immer.
Hoffnung

Aber meine wahre Natur ist anders: Sie ist immer gepaart mit Willen und Handlung, mit eigener Anstrengung, Geduld und Ausdauer. All dies scheint allerdings nicht so beliebt zu sein in der Welt. Mich braucht es im Grunde für jede Handlung, denn wenn es keinen Glauben gibt an eine Sinnhaftigkeit und reale Möglichkeit, das angestrebte Ziel zu erreichen, handelte wohl niemand.

Rufen wir uns also zurück an den Anfang, als ich in die Welt kam. Es wurde ein Mythos erzählt, aus dem ein Teil meines üblen Rufes entstand. Denn schon in dieser Erzählung wurde ich verleumdet. Daher will ich euch auf einen glaubwürdigen Urheber zurückführen. Als Beweis nenne ich den dichter Aischylos. Der sprach noch die Wahrheit über mich. Prometheus brachte den Menschen das Wissen um ihre Unsterblichkeit. Wer muss Angst haben, wenn er weiß, dass er unsterblich ist? Sein Bruder, Epimetheus, aber brachte dann all das Unheil und die Über in die Welt. Ich, die Hoffnung, wurde jedoch nicht an diesen oder jenen verteilt, sodass andere keine Hoffnung haben könnten, sondern ich stehe für jeden jederzeit zur Verfügung. Und Aischylos sagte klar: Die Hoffnung – damals wurde ich Elpis genannt – ist die klare Aussicht und Erwartung und nicht die kleine oder gar blinde Hoffnung.

Hoffnung

Vielleicht nun möchte jemand von euch einwenden: „Genau das ist ja gemeint, dass der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele eben der Religion angehört – und nicht der Philosophie.“ Das mag natürlich so scheinen, wenn man den Verlauf der Geschichte der Philosophie betrachtet, bei der das Leben nach dem Tod immer mehr ausgeklammert wurde – zumindest aus den logisch und philosophisch zu erörternden Fragen des Menschen. Doch ist das nicht eine Frage, die jeden Menschen beschäftigt. Es betrifft wohl nicht nur religiöse Menschen. Und sogar heute noch gibt es – freilich wenige – Philosophen, die sich an dieses Thema heranwagen. Je weiter wir in die Geschichte zurückschauen, desto mehr werden es.

Platon und Sokrates zum Beispiel waren nicht nur überzeugt von einer unsterblichen Seele des Menschen, sondern sie gingen noch weitre: dass sogar die Ideen des Guten, Schönen, Wahren und Gerechten ewig seien und niemals vergehen. Wie soll das wahr sein, wenn wir unsere Welt von heute betrachten? Wo sind da das Gute, Schöne, Wahre und Gerechte in ihrem immerwährenden Glanze? Das erklärten diese großen Philosophen damit, dass unsere physische Welt nur ein Schattenbild einer idealen, archetypischen Welt ist, und manchmal sind die Schatten verzerrt – manchmal mehr, manchmal weniger. Aber wirklich real sind nicht die Schatten, sondern jene Ideen, die die Schatten hervorrufen. Das ist doch einleuchtend, oder? Und so bleibt euch philosophischen Menschen immer die Hoffnung, dass diese Ideale in die Welt zurückkehren. Sie kehren jedoch nicht von selbst zurück. Ihr müsst sie rufen, mit euren Träumen, eurer Sehnsucht und eurem Tun!

Die Hoffnung ist eine Bedingung für das menschliche Leben, die neue Wirklichkeit schafft.

Ernst Bloch (1885 bis 1977; aus: Das Prinzip Hoffnung

Die Zukunft mag schwierig sein, allerdings gibt es immer einen Weg. Und dies eine erbitte ich von euch, ihr philosophischen Menschen, dass ihr die Samen der Hoffnung bewässert mit eurem klaren Willen und euren tatkräftigen Handlungen. Denn wenn ihr alles tut, was in eurer Macht steht, dann helfen euch auch die Götter oder das Schicksal – so hätten wir das zumindest vor 2000 Jahren formuliert. Und schließlich heißt es auch: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn wenn die Hoffnung stirbt, dann gibt es wirklich keine Hoffnung. Vergesst das nicht bei eurem Urteil über mich!

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist inspiriert von Platons Apologie des Sokrates.

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