Kunst erleben und verstehen lernen
ROKOKO
So viel Dramatik, oft düster, schwer und monumental, ruft als Reaktion das heitere und unbeschwerte Rokoko hervor. Aus dem französischen „Rocaille“, eine als Gartendekoration mit Muscheln, Steinen und Pflanzen gestaltete künstliche Grotte, entwickelt sich das Rokoko in den intimen Räumen der aristokratischen und bürgerlichen Eliten. Intim, verspielt, heiter, dekorativ, elegant, erotisch bis frivol.
KLASSIZISMUS
Auf die emotionale Dramatik des Barocks und die elegant-oberflächliche Verspieltheit des Rokokos folgt das Bedürfnis nach einfachen, klaren und rationaleren Formen. Im kulturellen und intellektuellen Kontext der Aufklärung, in Verbindung mit den Idealen der Französischen Revolution und den archäologischen Ausgrabungen (beispielsweise Pompeji) entsteht ein neuerliches Interesse an der klassischen Antike. Doch zur kühlen und sachlichen Formensprache gesellt sich ein patriotisch-revolutionärer Geist, der sich im Klassizismus als Erziehung zu Moral und Bürgerpflicht äußert.
ROMANTIK

So viel Strenge und Rationalität ruft fast zeitgleich als Ergänzung beziehungsweise Gegenbewegung die Romantik hervor. Hier wird das Emotionale, das Unbewusste, das Mystische, das Subjektive und Individuelle betont. Das romantische Ideal verklärt und idealisiert. Letztlich ist es nicht nur eine Reaktion auf den Klassizismus, sondern auch eine auf die einsetzende Industrialisierung mit ihrer nüchternen und erbarmungslosen Lebensrealität.
REALISMUS
Dieser ist die andere Reaktion auf die Industrialisierung. Hier rücken das Alltagsleben und soziale Bedingungen der einfachen Menschen in detailgetreuer und schonungsloser Darstellung in den Fokus. Alles Mystische, Fantastische und Übernatürliche der Romantik weicht einer nüchternen Betrachtung mit fast dokumentarischem Anspruch. Die Welt soll so gezeigt werden, wie sie ist.

AUFBRUCH IN DIE MODERNE: DER IMPRESSIONISMUS
Das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts ist ein einziger revolutionärer Um- und Aufbruch: gesellschaftlich durch Industrialisierung, technische Innovationen, Urbanisierung und Globalisierung; wissenschaftlich durch neue Theorien wie zum Beispiel den Darwinismus; und politisch schafft schließlich der Erste Weltkrieg eine neue Weltordnung.
Mit all dem in Verbindung ist die Malerei mit einer neuen Darstellungsform konfrontiert: der Fotografie. Die Fotografie war interessanterweise mehr Inspiration als Konkurrenz für die Malerei. Im Impressionismus entwickeln sich neue Bildausschnitte, die Idee des flüchtigen Moments, die Bedeutung von Licht, aber auch die Unschärfen, wie sie in der anfänglichen Fotografie vorhanden waren. Der Impressionismus ist jedenfalls der vollständige Bruch mit den traditionellen Techniken und Themen der akademischen Malerei.

Die Vielfalt und Komplexität der sich aus und nach dem Impressionismus entwickelnden künstlerischen Bewegungen verdichte ich hier in einer unvollständigen Aufzählung: Post-Impressionismus, Symbolismus, Expressionismus, Fauvismus, Kubismus, Dadaismus, Surrealismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg löst sich die Moderne in der Postmoderne auf, also in Pluralismus, Fragmentierung und Dekonstruktion, womit alle traditionellen und etablierten Normen infrage gestellt werden.
Interessanterweise scheint beinahe jede Epoche mit der Literatur und Poesie eingeleitet zu werden, setzt sich in der Malerei, Bildhauerei und Architektur fort, während sie in der Musik ihren Höhepunkt findet und ausklingt.
Wie wir gesehen haben, befasst sich Kunst immer mit Realitäten. Doch während wir mit unserem Verstand diese Realitäten nur in ihrer Erscheinung beschreien und erfassen können, führt uns die Kunst dahinter, gewissermaßen zum Wesen der Dinge. In den Worten des schottischen Essayisten Thomas Carlyle (1795 – 1881): „Kunst ist die von den Tatsachen losgelöste Seele.“

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 178 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht.
