Gaia – unsere Erde ist ein Lebewesen

Gaia – unsere Erde ist ein Lebewesen

Eine philosophische Wende zum Animismus

Genau diese Herangehensweise finden wir in den antiken und indigenen Kulturen aller Zeiten. Die mechanistische Wissenschaft bezeichnete dies abwertend als Animismus und erklärte scheinbar objektiv und rational, dass diese „primitiven“ Menschen sich vor der Natur fürchteten und sich darum einredeten, dass sie beseelt sei. Aber rationale Philosophen wie Platon sprachen ebenso von der Anima Mundi, der Weltseele. Auch in der Anthropologie ist es seit Mitte des 20. Jahrhunderts Lehrmeinung, dass das mythisch-animistische Weltbild keineswegs primitiv sondern komplex, ebenso rational und daher ein gleichwertiges Welterklärungssystem ist. Die andinen Kulturen Südamerikas verehrten und verehren die Seele der Erde als Pachamama und erreichten, dass der von der UNO vor etwa 50 Jahren ausgerufene Welttag der Erde im Jahr 2009 in „Welttag von Mutter Erde“ umbenannt wurde. Macht es für unser Empfinden, unsere Seele, nicht einen großen Unterschied, ob wir die Erde als Rohstofflager oder als unsere Mutter betrachten?

Pachamama

Lernen sich als Teil von Mutter Erde zu empfinden

Stephan Harding schlägt auch konkrete Methoden vor, wie wir uns wieder mehr mit Mutter Erde verbinden können. So kann sich jeder einen Gaia-Platz in möglichst wilder Natur suchen, den er regelmäßig aufsucht, um sich mit der Seele dieses Ortes, den dort vorhandenen Pflanzen, Tieren und Steinen und mit der Seele der Erde zu verbinden. Oder man kann sich vorstellen, dass wir nicht „auf“ der Erde gehen, sondern „in“ der Erde. Denn die Atmosphäre ist ein Teil des Lebewesens Erde.

Wir sind kein Subjekt, dass distanziert der Natur gegenübersteht, sondern wir sind selbst ein Teil dieser Natur. Aus Sicht der Gaia-Theorie sind wir so etwas wie Körperzellen im Lebewesen Erde: Wir haben einen gewissen Grad an Autonomie, aber wir unterliegen auch gewissen Begrenzungen, Naturgesetzen, in dir wir uns harmonisch einfügen sollten und auch müssen. Die Erde als Ganzes umfängt uns wie eine Mutter, indem sie uns ihre nährende Substanz für unsere Körper zur Verfügung stellt, uns mit Milliarden von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen umgibt, die außerhalb und zum Teil in uns und mit uns zusammenleben.

Innere und äußere Natur im Einklang ganzheitlich entfalten

Platon und viele andere Philosophen meinen mit ihm, dass auch unsere Psyche ein Teil der Psyche der Welt (psyché toû kósmou oder anima mundi) ist, während unser Geist ein Teil des himmlischen Geistes ist, ein Kind von Uranos. Goethe, Schiller und die Romantiker sprachen in diesem Zusammenhang von Weltseele und Weltgeist. Auch wenn Deutscher Idealismus und Romantik eine starke Gegenbewegung zum einseitigen Rationalismus der Aufklärung waren, haben wir westliche Menschen nach Descartes den Geist letztlich auf den Verstand reduziert und diesen von der Intuition abgeschnitten. Unsere Seele und unsere Empfindsamkeit gegenüber dem Leben haben wir beinahe gänzlich abgespalten. Kann es sein, dass unsere innere Natur sich in einem ähnlich bedauerlichen Zustand befindet wie die äußere Welt mit ihrer vernichtenden Ausbeutung und unzähligen Kriegen? Wollen wir der Natur helfen, sollten wir uns daher auch darum bemühen, unsere innere Natur mit Geist, Seele und Körper wieder ganzheitlich entfalten.

Verbundenheit

Der Wandel findet gerade statt

Diesbezüglich gibt es Hoffnung: Wir erleben ja derzeit in vielen Bereichen die Geburt einer neuen praktischen und spirituellen Philosophie, die dem Menschen dabei hilft, sich ganzheitlich zu entfalten. Der Treffpunkt Philosophie und die Abenteuer Philosophie sehen sich als Teil dieses Wandels. Aus der Quantenphysik und Systemtheorie entwickelt sich ein ganzheitliches wissenschaftliches Paradigma, das eine neue Sicht auf das Leben und auf die Evolution bietet, getragen von einem Verständnis der Vernetzt- und Verbundenheit. Ebenso erleben wir zahlreiche Menschen und Bewegungen, die sich um nachhaltige und lebenserhaltende Lebens- und Wirtschaftsweisen sowie um Verbundenheit bemühen.

Der Ökologe Paul Hawken spricht in seinem Buch ‚Wir sind der Wandel‘ von weltweit mehr als ein oder zwei Millionen Bewegungen, die sich für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Film-Dokus wie „Tomorrow“, „Auf der Suche nach Sinn“ oder „Code of Survival“ erzählen Geschichten von Menschen, die dabei sind, diese neue Philosophie zu entwickeln und zu leben. Schade, dass diese Menschen und Bewegungen nicht im Fokus der Medienberichterstattung stehen.
Aber auch wenn von ihnen wenig zu hören ist, wird ihnen doch die Zukunft gehören. Gemäß dem tibetischen Weisheitsspruch:

Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst.

Literatur:
David Abram, Von Gaia umfangen
Stephan Harding, Lebendige Erde
Rüdiger Sünner, Wildes Denken
Andreas Weber, Lebendigkeit: Eine Erotische Ökologie